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Scherbaums Börse : Kommt die Dax-Rückkehr von Siemens Energy zur rechten Zeit?

  • -Aktualisiert am

Vor der Gasturbine: Bundeskanzler Olaf Scholz (rechts) und Christian Bruch, Vorstandschef von Siemens Energy Bild: AFP

Für ausgedehnte Jubelfeiern bleibt jedoch angesichts des schwierigen Marktumfeldes keine Zeit. Dennoch ist der Konzern in einem spannenden Geschäftsfeld unterwegs

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          Schon einmal etwas von Trent 60 gehört? Dies dürften wohl die wenigsten Bundesbürger. Doch seit wenigen Tagen steht die so bezeichnete Siemens-Energy-Turbine im Mittelpunkt. Nach Darstellung des russischen Energiekonzerns Gasprom ist ein Konstruktionsfehler an einer solchen in der russischen Pumpstation Portowaja eingesetzten Turbine dafür verantwortlich, dass derzeit kein Gas durch die Pipeline Nord Stream 1 nach Deutschland gepumpt werden kann. Gegenwind bläst dem Unternehmen Siemens Energy derzeit auch im Windenergiebereich entgegen. Als erfreulich ist dagegen der (Wieder-)Aufstieg in die oberste deutsche Börsenliga, den 40 Werte umfassenden Dax, zu werten.

          Die Posse um die jüngste Unterbrechung der russischen Gaslieferungen durch Nord Stream 1 zeigt, dass Deutschland und der Rest Europas schnell(er) unabhängiger von russischen Energielieferungen werden müssen. Dies wäre zugleich eine Chance für die Erneuerbaren Energien - schließlich könnte so neben alternativen Energiequellen zum russischen Erdgas auch das Thema Energiewende schneller vorangetrieben werden. Allerdings bereitete gerade dem Dax-Aufsteiger zuletzt vor allem der eigene Windenergiebereich Kopfzerbrechen.

          Restrukturierung des Russland-Geschäfts belastet

          Bei Siemens Gamesa Renewable Energy (SGRE) hatte der Konzern im dritten Quartal mit einem deutlichen Umsatzrückgang von knapp 14 Prozent im Vorjahresvergleich zu kämpfen. Dafür machte das Management Engpässe in den Lieferketten und anhaltende operative Probleme verantwortlich. Gemeint sind bei letzterem vor allem hohe Anlaufkosten für die neue Onshore-Turbine 5.X. Zudem schwächelte das Servicegeschäft im Vergleich zum Vorjahr, während sich auf der Ergebnisseite höhere Material- und Logistikkosten zusätzlich negativ bemerkbar machten.

          Christoph Scherbaum
          Christoph Scherbaum : Bild: Christoph Scherbaum

          Konzernweit kamen Belastungen wie die Restrukturierung des Russland-Geschäfts hinzu. Der um Sondereffekte bereinigte Betriebsgewinn (EBITA) war daher mit 131 Millionen Euro negativ, nach einem Plus von 54 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Für das Gesamtjahr geht das Management jedoch trotzdem von einer positiven Marge bei dem bereinigten EBITA aus. Diese soll am unteren Ende der Prognosespanne von 2 bis 4 Prozent liegen. Dagegen soll der Nettoverlust das Vorjahresniveau annähernd um die als Sondereffekt berichteten Belastungen im Zusammenhang mit der Restrukturierung des Russland-Geschäfts übersteigen. Im dritten Quartal lag das Minus bei 533 Millionen Euro.

          Analysten warnen vor Anteilsverwässerung

          Trotz der jüngsten Probleme bei Siemens Gamesa glaubt man auf Konzernebene, dass nun die richtige Zeit für eine Integration gekommen sei. Die restlichen Anteilsscheine sollen daher übernommen werden, gefolgt von einem Delisting. Allerdings dürfte diese Finanzierung nicht sämtlichen Marktteilnehmern schmecken. Zuletzt wurde daher zu diesem Zweck eine Pflichtwandelanleihe im Volumen von 960 Millionen Euro begeben.

          Analyst Nicholas Green von Bernstein Research konstatierte, dass die Anteilsverwässerung für die bestehenden Aktionäre schlimmer als befürchtet ausfallen würde. Daher wurden im Fall der Siemens-Energy-Aktie das „Underperform“-Rating und das Kursziel von 9,00 Euro bestätigt. Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass dies nicht das Ende der Fahnenstange sei. Mit der Pflichtwandelanleihe sei nur ein Teil der geplanten Kapitalerhöhung zur Finanzierung des Siemens-Gamesa-Kaufs umgesetzt worden. Laut Analysteneinschätzung dürften wohl weitere Kapitalerhöhungen mit zusätzlichen Verwässerungseffekten folgen.

          Die Analysten der Credit Suisse machten dagegen einen positiven Aspekt aus: Laut Analyst Andre Kukhnin seien die Anteilsscheine sehr günstig bewertet. Zudem würden weitere Einsparungen Potenzial für eine steigende Profitabilität im Gas- und Stromgeschäft bieten. Als Kursziel werden 26 Euro angegeben.

          Aktienkurs befindet sich weiter im Abwärtstrend

          Als Siemens Energy im September 2020 mit einem Eröffnungskurs von rund 22 Euro in den Handel an der Frankfurter Börse startete, sah die anfängliche Kursentwicklung zunächst vielversprechend aus. Denn bis zum Januar 2021 legten die Notierungen um mehr als 50 Prozent auf (in der Spitze) 34,48 Euro zu. Nach diesem Rekordhoch wechselte die Aktie in den Sinkflug – der bis heute anhält. Dabei ging es für den Kurs bis zum Juli 2022 auf 13,36 Euro nach unten. Nach einer Gegenbewegung im August auf 17 Euro folgte eine weitere Korrektur auf zeitweise 13,60 Euro. Charttechnisch notiert die Siemens-Energy-Aktie damit klar im Abwärtstrend, was sich auch am großen negativen Abstand zur bei 18,50 Euro verlaufenden 200-Tage-Linie zeigt.

          SIEMENS ENERGY AG NA O.N.

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          Während die Charttechnik nach unten zeigt, stimmt der Blick auf die durchschnittlichen Analysten-Einschätzungen wiederum etwas hoffnungsvoller. Von 13 Analysten, die Siemens Energy unter Beobachtung haben, sprechen immerhin sechs für die Aktie eine Kaufempfehlung aus, einer rät zum „aufstocken“, fünf Analysten geben die Empfehlung „halten“ und nur ein Branchenexperte rät zum „reduzieren“.

          Dabei errechnet sich bis zum durchschnittlichen Kursziel der Analysten (21,80 Euro) ein Kursgewinnpotenzial von aktuell 60 Prozent. Zu den größten Optimisten gehört Goldman Sachs. Die amerikanische Investmentbank bestätigte Anfang August ihre Kaufempfehlung. Das Kursziel wurde auf 25,70 Euro gesenkt, liegt aber immer noch knapp 90 Prozent über dem aktuellen Kurs.

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