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Nahe an historischen Hochs : Selten war Getreide so teuer

Ganz schön teuer geworden Bild: dpa

Die Getreidepreise notieren nahe ihrer historischen Höchststände. Mais, Weizen und vieles anderes ist deutlich teurer als vor Jahresfrist. Doch es gibt Hoffnung, dass dies nicht so weiter geht.

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          Nicht nur die Börsen beschäftigen derzeit Inflationssorgen. Auch viele Verbraucher ängstigt die Aussicht, künftig weniger Kaufkraft zu haben. Die Hamburger Börse gießt da jetzt etwas Öl ins Feuer. „Wenn sich die Preise noch eine Weile so halten für Pflanzenöle und für Getreide, dann wird sich das innerhalb einiger Monate sicherlich in den Lebensmittelpreisen auch im Supermarkt niederschlagen“, sagte Thorsten Tiedemann,  Vorstandsvorsitzender des Vereins der Getreidehändler an der Hanseatischen Börse zuletzt in einem Interview.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Ausschläge der Preise von Getreide, Mais und Ölsaaten wie Raps seien „teilweise historisch“ hoch. Dabei sind es weniger die Brötchen, die Tiedemann im Auge hat, weil die Kornpreise an den Backwaren nur einen geringen Anteil haben. Aber das Tierfutter und mit ihm das Fleisch könne teurer werden, ebenso könnte der Weltmarkttrend auf die Preise von Mehl oder Pflanzenöl durchschlagen.

          Tatsächlich waren an den Rohstoffbörsen die Getreidepreise selten so hoch wie derzeit. Im April kletterte der Weizenpreis um 20 Prozent und erreichte am 7. Mai mit 7,735 Dollar für den Scheffel (35,2 Liter) den höchsten Stand seit 2012, nur übertroffen von den Preisspitzen der Jahre 2008, 2011 und 2012.

          Der Preis für Mais klettert sogar um 30 Prozent und erreichte 7,7275 Dollar je Scheffel – auch hier wurden die Spitzenwerte von 2011 und 2012 nicht erreicht, dennoch war Mais damit fast dreimal so teuer wie im Durchschnitt der vergangenen 60 Jahre. Innerhalb von zwölf Monaten hat sich der Sojabohnenpreis fast verdoppelt.

          Der Preis für Sojabohnen legte im April zwar nur um rund 10 Prozent zu, erreichte aber mit 16,605 Dollar je Scheffel den zweithöchsten Stand seiner sechzigjährigen Geschichte. Innerhalb von zwölf Monaten hat sich der Sojabohnenpreis fast verdoppelt und ist damit stärker gestiegen als der von Weizen mit 57 Prozent. Der Maispreis brachte es dagegen bis auf 150 Prozent.

          Der Preisindex der Welternährungsorganisation FAO für Nahrungsmittel lag im April 31 Prozent über dem Vorjahreswert. Nach elf monatlichen Anstiegen in Folge sei inzwischen der höchste Stand seit sieben Jahren erreicht. Besonders ausgeprägt sei der Trend bei Ölsaaten, so stieg etwa der Preis von Raps um rund 120 Prozent. Befeuert wird diese Entwicklung aus Sicht der FAO auch von der Nachfrage der Hersteller von Biokraftstoffen.

          Tiedemann führt den Preisanstieg zum einen auf eine hohe Liquidität an den Märkten, aber auch auf Engpässe durch die Corona-Einschränkungen zurück. Durch ein paar schlechtere Ernten mit einhergehendem Bestandsabbau sei die „ganz komfortable Angebots- und Nachfragesituation“ etwas aus den Fugen geraten.

          Erst in dieser Woche kam aus China die Meldung, dass Starkregen, Sturm und Hagel in Teilen der Provinzen Hubei, Shaanxi und Jiangsu die Weizenfrucht in einer kritischen Phase, rund drei Wochen vor der großen Sommerernte,  beschädigt hätten.

          Außerdem steigt in einigen Wachstumsregionen trotz aller vegetarischen und veganen Aufrufe in den westlichen Ländern die Nachfrage nach Fleisch mit Folgen für die Futterpreise. China kaufe alles, was es an Mais und Weizen gebe, um es als Schweinefutter zu verwenden, hieß es unlängst von einem der weltgrößten Agrarhändler Archer-Daniels-Midland. Einige amerikanische Rinderzüchter seien daher schon dazu übergegangen, verstärkt Weizen statt Mais zu verfüttern, auch wenn dies gerade junge Rinder wohl nicht im Übermaß vertragen.

          Indes ist es oftmals so, dass gerade wenn die Preisanstiege besonders auffallen, sie bisweilen gerade auslaufen. In den vergangenen Tagen gingen die Preise deutlich zurück. Sojabohnen wurden um 5 Prozent billiger, Weizen um knapp 9 Prozent und Mais sogar um 17 Prozent.

          Gerade der Weizenpreis könnte zurückgehen. Der Ausblick für die globale Weizenernte sei gut und die meisten Händler außerhalb Nordamerikas verfügten über komfortable Lagerbestände, heißt es etwa vom Beratungsunternehmen Strategie Grains. Eine um 4 Prozent gegenüber der vergangenen Saison höhere prognostizierte Ernte von 770,2 Millionen Tonnen und eine verstärkte Konkurrenz um die Exportmärkte könnten die Preise drücken. Dann sei allerdings mit einem Rekordvolumen der Verwendung als Tierfutter zu rechnen. Weizen werde auch andere zu erwartende Defizite kompensieren, etwa bei der europäischen Gerstenernte.

          Auch die Sorgen um das Maisangebot ließen zuletzt nach. Der Agrarmarkt sei doch ein bisschen vorausgelaufen, sagte Phin Ziebell, Landwirtschaftsökonom bei der National Australia Bank der Nachrichtenagentur Bloomberg. Eine besser als erwartete Ernteprognose aus den USA habe Verkäufe ausgelöst. Immerhin erwartet das amerikanische Landwirtschaftsministerium mit einer Ernte von 1,5 Milliarden Scheffeln Mais einen Mehrertrag von fast 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Analyseunternehmen IHS Markit Agribusiness geht davon aus, dass im laufenden Jahr die mit Mais bepflanzte Fläche mehr als 39 Millionen Hektar groß sein wird. Das Ministerium war zuletzt von 37 Millionen Hektar ausgegangen.

          Allerdings stütze die chinesische Nachfrage den Preis, meint Ziebell. Laut dem amerikanischen Commodity Futures Trading Commission's hatten zuletzt spekulative Investoren die Leerverkäufe von Weizen erhöht, sich allerdings verstärkt bei Sojabohnen eingekauft – obwohl aus Brasilien die größte Ausfuhrmenge in die Vereinigten Staaten seit 2014 erwartet wird. Er glaube, dass spekulative Anleger noch mehr verkaufen müssten, meint Jack Scoville, Analyst der Price Futures Group. Derzeit sehe es so aus, als ob China vor der Ernte im Herbst keinen Mais mehr ankaufen werde.

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