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Schweizer Notenbank : Aufstand der Kleinaktionäre

24,5 Milliarden Franken Gewinn konnte die Schweizer Notenbank verbuchen. Bild: dpa

Die Notenbank der Schweiz macht gewaltige Gewinne. Die Dividende für die Aktionäre ist allerdings gedeckelt. Einige private Eigentümer wollen trotzdem mehr herausholen.

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          Selten lässt sich so eindrucksvoll ein Zusammentreffen der Sphären des Politischen und des Wirtschaftlichen beobachten wie auf der jährlichen Generalversammlung der Schweizerischen Nationalbank. Knapp 400 Aktionäre kamen am Freitag aus diesem Anlass im Casino in Bern zusammen. Schließlich ist die Notenbank der Schweiz, anders als etwa die Europäische Zentralbank, eine sogenannte spezialrechtliche Aktiengesellschaft. Deshalb können sich die Aktionäre einmal im Jahr kritisch mit der Notenbankpolitik auseinandersetzen – und tun das auch ausgiebig. Ihre Leidenschaft dabei ist so groß, dass die Notenbank sich schon genötigt sah, die Regel zu verhängen, kein Aktionär dürfe vor dem Ende aller Reden ans Buffet. Nur mit solcherlei extremer Härte glaubte die Verwaltung offenbar, den Diskussionsbedarf zur Geldpolitik in den Griff zu bekommen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Alle wichtigen geldpolitischen Fragen, die auch hierzulande diskutiert werden, bewegen die Notenbank-Eigentümer. Ihrer Ohnmacht sind sich die Kleinaktionäre dabei durchaus bewusst („Das herrschende Recht ist immer das Recht der Herrschenden“) – und doch rebellieren sie dagegen. Wie lange will die Nationalbank diese Geldpolitik noch beibehalten?

          Schließlich habe „ihre“ Notenbank so viel Geld geschöpft, dass sie zwischenzeitlich größter Gläubiger Deutschlands war. Könne man so viel Geld schaffen, ohne Inflation hervorzurufen? Notenbankpräsident Thomas Jordan beruhigt zumindest etwas. Die Ausweitung der Bilanz sei eine Reaktion auf die hohe Nachfrage nach Franken gewesen – sollte sich die ändern, werde man Konsequenzen ziehen. Im Moment aber sei der expansive Kurs der Geldpolitik „essentiell“, bei Bedarf könne man den Negativzins sogar weiter absenken.

          Zwitter zwischen Politik und Wirtschaft

          Die Nationalbank kauft so viele Wertpapiere auf, dass sie längst zu den größten Investoren der Welt gehört. Dabei steckt sie nicht nur Geld in Staats- und Unternehmensanleihen wie die EZB, sondern seit 2005 auch in Aktien. „Das Aktienportfolio macht heute 20 Prozent unserer Devisenreserven aus“, berichtet Jordan. Seither habe man eine durchschnittliche Jahresrendite von 2,8 Prozent erzielt. Doch wo investiert wird, da wollen die Eigentümer auch über die Anlageobjekte mitreden. Mehrere Aktionäre jedenfalls werfen der Notenbank vor, auch Waffenhersteller zu unterstützen – obwohl sie das eigentlich ausgeschlossen hatte. Als Beispiel wird Raytheon genannt, der Hersteller der Tomahawk-Raketen, die beim amerikanischen Luftschlag gegen einen syrischen Luftwaffenstützpunkt eingesetzt wurden.

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          Weil aber die Aktionäre der Nationalbank nicht nur Bürger sind, die über Geldpolitik räsonieren, sondern eben auch Aktionäre, interessiert sie zudem die Dividende sehr. Und da gab es in diesem Jahr Streit. Es gehört nämlich zu den Eigenheiten der Nationalbank als Zwitter zwischen Politik und Wirtschaft, dass die Dividende der privaten Aktionäre gesetzlich auf 6 Prozent gedeckelt ist.

          Eine Aktie hat den Nennwert 250 Franken, also gibt es maximal 15 Franken. Nun regte der gewaltige Notenbankgewinn von 24,5 Milliarden Franken (3,9 Milliarden brachte allein der gestiegene Goldpreis) offenbar die Phantasie an, wie man da mehr herausholen könnte. 25 Aktionäre jedenfalls beantragten, die 6 Prozent einfach nicht auf den Nennwert, sondern den Kurs einer Aktie zu beziehen. Der liege etwa beim Siebenfachen, dann gebe es 105 statt 15 Franken. Doch die Idee setzte sich nicht durch. Nur 6 Prozent stimmten dafür, 87 Prozent dagegen, 7 Prozent enthielten sich.

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