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Höhere Freibeträge : Schweiz entlastet Banken vom Negativzins

Gebäude der Schweizerischen Nationalbank in der Hauptstadt Bern Bild: Reuters

Die Schweizerische Notenbank nimmt offenbar Warnungen der Banken ernst und erhöht die Freibeträge für geparktes Geld. Das könnte auch Unternehmen und Sparer entlasten.

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          Die Schweizerische Nationalbank (SNB) belässt den Leitzins unverändert bei minus 0,75 Prozent. Dies hat die SNB anlässlich ihrer vierteljährlichen geldpolitischen Lagebeurteilung am Donnerstag mitgeteilt. Nach den Zinssenkungen der amerikanischen Notenbank und der Europäischen Zentralbank (EZB) hatten manche Beobachter erwartet, dass auch die Schweizer an der Zinsschraube drehen würden.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Schließlich gilt es, vor allem gegenüber der Eurozone eine Zinsdifferenz zu wahren, um die Flucht der Investoren in den sicheren Hafen Schweiz zu bremsen. Denn je mehr Kapital aus dem Ausland in die Schweiz fließt, umso stärker droht der Franken zu werden. Ein allzu starker Franken ist Gift für die wichtige Schweizer Exportindustrie, weil deren Produkte im Ausland dadurch teurer werden. Allerdings hat die Schweizer Notenbank noch ein anderes Instrument an der Hand, um die heimische Währung zu schwächen: Devisenkäufe. Davon hat sie in den vergangenen Monaten rege Gebrauch gemacht und so eine stärkere Aufwertung verhindert. Ein Euro kostete am Donnerstag knapp 1,10 Franken.

          Das ist ein Niveau, mit dem die Unternehmen leben können. Die SNB selbst hält den Franken nicht mehr für überbewertet, sondern nur noch für „hoch bewertet“. Auch deshalb dürfte sie nun davon abgesehen haben, die Zinsen weiter zu senken. Sie hält damit ihr Pulver trocken. Ein weiterer Grund für die Zurückhaltung der SNB dürfte in den erhöhten Risiken zu finden sein, die mit einer abermaligen Zinssenkung verbunden wären. Schon das jetzige, im internationalen Vergleich rekordtiefe Niveau von minus 0,75 Prozent verursacht erhebliche Kollateralschäden.

          Diese treffen vor allem die Schweizer Banken. Sie überweisen jährlich gut 2 Milliarden Franken Negativzinsen für Girokonten, die sie bei der Nationalbank halten. Das entspreche 5 Prozent der Bruttozinseinahmen der Banken, rechnete Herbert Scheidt, der Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung, jüngst vor und wertete dies als massiven Eingriff in die Rentabilität der Institute. Für die gesamte Volkswirtschaft sei der Schaden der Negativzinsen schon jetzt größer als der Nutzen, warnte Scheidt. Pensionskassen würden in riskantere Anlagen und Banken zur Ausgabe von noch mehr Krediten gedrängt. Der Immobilienmarkt drohe zu überhitzen. All das gefährde in gewisser Weise die Stabilität des Finanzmarkts, sagte der Bankenverbandspräsident.

          Die Schweizer Notenbank nimmt derlei Warnungen offenbar ernst: Sie beließ am Donnerstag nicht nur den Leitzins unverändert, sondern kündigte zugleich an, die Berechnungsgrundlage für den Negativzins zu verändern. Von November an werden die Freibeträge, für die keine Strafzinsen anfallen, erhöht. Die Banken müssen also in Zukunft weniger Negativzinsen berappen. Mit diesem Manöver trägt die SNB nach eigenen Angaben „dem Umstand Rechnung, dass sich das globale Tiefzinsumfeld in letzter Zeit weiter verfestigt hat und noch länger anhalten könnte“. Man wolle die Negativzinsbelastung auf das Nötige beschränken.

          Der Bankenverband hieß die Entscheidungen der Nationalbank gut. Die Anpassungen der Freibeträge gingen in die richtige Richtung und zeigten, dass die SNB die Situation der Banken berücksichtige. Tatsächlich hat die SNB nun Druck vom Kessel genommen. Noch höhere Negativzinsen hätte Schweizer Banken wohl dazu getrieben, selbige in breiter Front an die Kunden weiterzugeben, was wiederum eine Flucht ins Bargeld hätte provozieren können. Am Mittwoch hatte die Großbank UBS erklärt, dass sie im Fall weiter sinkender Zinsen erwägen werde, diese Belastung auch an kleine und mittelgroße Firmenkunden weiterzugeben. Bisher lässt die UBS nur große Unternehmenskunden eine Gebühr für Barbestände berappen, die nicht für den operativen Geschäftsbetrieb benötigt werden.

          Gebühren für Sparer gestiegen

          Kleinsparer sind in der Schweiz bislang von den Negativzinsen verschont geblieben – zu groß ist noch die Furcht der Banken, dass ihre Kunden Reißaus nehmen und die Bank wechseln könnten. Allerdings werden viele Kunden inzwischen indirekt zur Kasse gebeten. Wer zum Beispiel ein Privatkonto bei der Postfinance hat, das mit mehr als 7500 Franken gefüllt ist, muss neuerdings monatlich 5 Franken Kontoführungsgebühr bezahlen. Bis Ende vergangenen Jahres war ein solches Konto noch gebührenfrei. Andere Banken haben die Jahresgebühren für Debit- und Kreditkarten erhöht. Die UBS verlangt seit Juli 2 Franken Gebühr, wenn Kunden Geld am Schalter abheben anstatt einen Automaten zu nutzen. UBS-Kunden, die mehr als 2 Millionen Franken in bar halten, müssen von November an einen Strafzins von 0,75 Prozent zahlen.

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