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Frühere SEB-Chefin Falkengren : Der schwedische Stern am Bankenhimmel verblasst

Bild: Frank Röth

Annika Falkengren war als Regentin der schwedischen Großbank SEB einer der wenigen Stars während der Finanzkrise. Jetzt holt die Managerin ein Geldwäscheskandal ein.

          3 Min.

          Auf viele Bankaktien trifft jetzt die Bezeichnung zu, die Börsianer für einst gefeierte und nun tief gefallene Wertpapiere verwenden: Fallen Angels, auf Deutsch so viel wie gefallene Engel. Damit ist gemeint: Vor der Finanzkrise waren Bankaktien an der Börse heiß begehrt, seit nun rund zwölf Jahren werden sie von Anlegern erst abgestoßen und auch zu Tiefstkursen nur sehr zögerlich angefasst.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Annika Falkengren dagegen hat sich als eine der wenigen Bank-Chefs in der Finanzkrise positiv profiliert. Die in Bangkok geborene Schwedin hatte ihre Karriere in der größten schwedischen Bank SEB im Jahr 2005 gekrönt, als sie nach 18 Jahren Tätigkeit für diesen Arbeitgeber Vorstandsvorsitzende wurde. Anfangs wurde sie dann dafür kritisiert, dass sie das Geld zusammenhielt und die SEB nicht wie fast alle anderen Banken ein größeres Rad drehte. Dank ihrer ruhigen Hand konnte die SEB in den Finanzkrisenjahren von 2008 an antizyklisch mehr Kredite auslegen als zuvor – und Falkengren ließ sich dafür feiern.

          Vor sieben Jahren kürte die Frankfurter Journalistenvereinigung „20 plus 1“ Falkengren zum „European Banker of the Year“. Als die Commerzbank 2016 einen Nachfolger für den zur UBS abwandernden Vorstandsvorsitzenden Martin Blessing suchte, war die aus einer Diplomatenfamilie stammende Falkengren natürlich auch für diesen Posten im Gespräch – wie für so viele andere auch. Schließlich hatte sie sich in Deutschland als Aufsichtsrätin von Munich Re und Volkswagen einen Namen gemacht.

          Geldflüsse von 25,8 Milliarden Euro

          Doch als Falkengren Mitte 2017 tatsächlich ihren ersten Arbeitgeber SEB verließ, rieben sich Beobachter verwundert die Augen. Sie wechselte als eine von sieben gleichberechtigten Partnern in die Schweiz zur kleinen Privatbank Lombard Odier nach Genf. Sie reize es, stärker unternehmerisch und weniger verwaltend tätig zu sein, sagte sie später zur Begründung für diesen Schritt, der sich schon bald auszuzahlen schien. Als Hugo Bänziger, der frühere Risikovorstand der Deutschen Bank, im Oktober 2018 als Partner bei Lombard Odier ausschied, erhielt Falkengren mit den Ressorts IT und Marketing zusätzliche Verantwortlichkeiten. Für das Ressort Finanzen, das regelmäßige Berichterstattung an die Aufsicht erfordert, trägt sie ohnehin die Verantwortung.

          Das kann jetzt noch bedeutsamer werden, denn Nachrichten aus Schweden holen Falkengren nun ein. Ihr früherer Arbeitgeber SEB musste vor kurzem zugeben, dass die Bank in ihrer Filiale in Estland in einer internen Untersuchung fragwürdige Geldflüsse von 25,8 Milliarden Euro entdeckt hat. Damit ist die SEB zwar weniger stark von der Geldwäsche betroffen als die dänische Danske Bank, über deren Filiale in Estland 200 Milliarden Euro in den Westen geschleust worden seien sollen. Auch die Swedbank ist mit 100 Milliarden Euro an dubiosen Überweisungen stärker in diesen Skandal involviert als die SEB. Gleichwohl ist bemerkenswert, dass der Zeitraum, in dem die Zahlungen gefunden wurden, nämlich von 2005 bis 2018 nahezu übereinstimmt mit der Tätigkeitsdauer von Falkengren an der Vorstandsspitze: von 2005 bis 2017. Es wäre daher wenig überraschend, wenn stimmt, was manche Spatzen von den Dächern pfeifen: Die Bankenaufsicht in der Schweiz und in Schweden soll sich dafür interessieren, was die 57 Jahre alte Falkengren von den Vorfällen in der Filiale der SEB in Estland wusste. In Falkengrens Heimat fällt ihr Name in diesem Zusammenhang allerdings bisher kaum. Und ihr neuer Arbeitgeber Lombard Odier will sich dazu nicht äußern.

          Freiwilliger Rückzug in die Schweiz

          Aber die SEB hat sich umfangreich zu den Vorwürfen gegen die Bank geäußert, etwa indem sie mitteilt, ein großer Teil der Beziehungen zu „Niedrig-Transparenz-Kunden“ – 95 Prozent von 194 Unternehmen – sei schon gekappt worden. Und anders als von schwedischen Medien berichtet, sei in ihrem Estland-Geschäft die Zahl der nicht in dem Land ansässigen Kunden zwischen 2005 und 2018 nicht deutlich gewachsen, sondern gesunken. Aber skandinavische Medien berichten auch, dass über baltische Konten der SEB 45 Millionen Euro transferiert worden seien, die mit suspekten Geldflüssen aus Russland zusammenhängen.

          Demnach haben 25 SEB-Kunden mit 18 Unternehmen eine gewisse Nähe zur „Magnitski-Affäre“. Dieser Name geht zurück auf den russischen Wirtschaftsprüfer Sergej Magnitski, der 2008 mutmaßlichen Steuerbetrug russischer Staatsdiener öffentlich machte und dann selbst wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung festgenommen wurde. Er starb vor zehn Jahren unter dubiosen Umständen in russischer Haft. Erst im August hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) geurteilt, dass Russland die Ehefrau und die Mutter Magnitskis mit 34 000 Euro entschädigen müsse. Denn Magnitskis medizinische Versorgung in einer Haftanstalt in Moskau sei unzureichend gewesen und habe letztlich zu seinem Tod geführt, hieß es von den Richtern des EGMR. Bereits 2012 hatte sich der damalige amerikanische Präsident Barack Obama für Magnitski eingesetzt, indem er ein eigens nach ihm benanntes Gesetz mit politischen und wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland erließ.

          Der Fall „Magnitski“ hat also durchaus weitreichende Aufmerksamkeit erfahren. Daher wäre es erstaunlich, wenn die Geldwäschekontrollen einer Großbank wie der SEB nicht anschlügen, wenn es um Transaktionen der in diese Affäre verwickelten Unternehmen geht. Und es ist schwierig zu sagen, was für Falkengrens Bankkarriere besser wäre: dass sie etwas oder dass sie gar nichts von den dubiosen Vorgängen gewusst hat. Fest steht: Ihr Stern leuchtet nicht mehr so hell wie einst in der Finanzkrise. Wenn es ganz schlecht für sie läuft, könnten die Bankaufseher Falkengren im Zuge der Aufarbeitung der SEB-Affäre sogar zu einem fallenden Engel machen.

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