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Schuldenkrise : Trügerische Hoffnung auf den „Sarkozy-Trade“

  • -Aktualisiert am

Nicolas Sarkozy Bild: dpa

Die Nothilfen der Europäischen Zentralbank könnten geeignet sein, die Verschuldung der Staaten zu befeuern. Zumindest hegen diese Hoffnung einige Investmentbanken und Regierungen im Euroraum.

          Die jüngsten Nothilfen der Europäischen Zentralbank (EZB) könnten geeignet sein, die Verschuldung der Staaten weiter zu befeuern. Zumindest hegen diese Hoffnung einige Investmentbanken und nicht zuletzt einige Regierungen im Euroraum. Die Erwartung gründet auf den neuesten EZB-Ausleihungen mit einer Laufzeit von drei Jahren. So lässt sich für längere Zeit Geld zu einem überschaubaren Zins - verlangt ist der durchschnittliche Leitzins während der Laufzeit - beschaffen und in Staatsanleihen mit gleicher Frist investieren.

          Für derzeit 1 Prozent leihen und für bis zu 4 Prozent verleihen, das lockt Interessenten an. Und so hat die Konstruktion auf den Märkten auch sofort einen zugkräftige Markennamen erhalten: „Sarkozy-Trade“, benannt nach dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, der nach dem letzten EU-Gipfel und in Bezug auf die Ausweitung der Krisenhilfen der EZB sagte: „Das bedeutet, dass jetzt jeder Staat zu seinen Banken gehen kann, die Liquidität zur ihrer Verfügung haben werden.“

          Ökonom warnt vor Umverteilung

          Doch längst nicht jeder freut sich über diese Form der Staatsfinanzierung. Markus Brunnermeier, in Princeton lehrender Wirtschaftswissenschaftler, warnt vor einer Umverteilung zugunsten der Banken. Es sei absehbar, dass verstärkt Staatsanleihen mit dreijähriger Laufzeit begeben würden. Die Banken würden dann wegen der hohen Marge zugreifen und noch mehr Staatsrisiko auf ihre Bücher nehmen. „Eine italienische Bank, die ohnehin Pleite gehen würde, wenn Italien einen Schuldenschnitt einführt, hat nichts dabei zu verlieren“, sagt Brunnermeier. Schon habe Goldman Sachs das Ausmaß der Umverteilung berechnet und rate mit dieser Begründung zum Kauf bestimmter Bankenaktien. Besonders negativ an dem Sarkozy-Trade sei, warnt Brunnermeier, dass die Banken versucht sein könnten, Staatsanleihen zu kaufen auf Kosten der Kreditvergabe an die Realwirtschaft.

          Andererseits gibt es auf den Märkten auch Überlegungen, dass die lange Laufzeit der neuen EZB-Geschäfte weniger stimulierend auf die Staatsfinanzierung wirkt, als Sarkozy und Goldman es sich erhoffen. Denn der am stärksten begrenzende Faktor für die Tätigkeit insbesondere der finanzschwachen Banken sind die Sicherheiten, die sie noch bei der Zentralbank beleihen können. Der Kauf von Staatsanleihen hat zwar den Charme, dass damit beleihungsfähige Titel erworben werden. Doch die Zentralbank gibt für eine Staatsanleihe mit einem Nennwert von 100 nur einen Kredit mit geringerem Wert. Der Abschlag ist umso höher, je länger die Laufzeit ist. Bei einer Laufzeit von drei Jahren und einer guten Bonität sind das 1,5 Prozent. Das ist zwar ein relativ geringer Abschlag, aber hinzu kommt, dass die Sicherheiten täglich mit dem Marktpreis bewertet werden. Wenn diese Geschäfte also zu überhöhten Emissionsrenditen führen, wäre zu erwarten, dass die Kurse der Anleihen nach der Emission sinken. Dann fällt auch der Wert der Sicherheiten, die EZB würde zusätzliche Sicherheiten verlangen und für die Bank sich die Knappheit verschärfen.

          Banken sind in Schwierigkeiten geraten

          Gemildert wird die Knappheit an notenbankfähigen Sicherheiten zwar durch weitere Nothilfen der EZB. Sie akzeptiert nun Kreditverbriefungen mit geringerer Qualität als bisher, was weitere Wertpapiere für die Beleihung verwendbar macht. Außerdem hat sie den Mindestreservesatz auf 1 Prozent halbiert. Dadurch müssen sich die Banken rund 100 Milliarden Euro weniger leihen und im gleichen Umfang weniger Sicherheiten stellen. Aber es ist fraglich, ob diese Lockerungen so stark sind, dass die Banken ihre schlechten Erfahrungen mit Staatsanleihen ignorieren und trotz der Verlustrisiken investieren werden. Denn während der Krise sind Banken, die hohe Bestände an Staatsanleihen halten, mit zunehmender Intensität in Schwierigkeiten geraten. Die amerikanische Finanzgesellschaft MF Global brach wegen Wetten auf einen glimpflichen Verlauf der Schuldenkrise sogar zusammen.

          Hinzu kommt der Druck der Aufsichtsbehörden, die in ihren Stresstests eine Unterlegung des Risikos von Staatsanleihen mit Eigenkapital verlangen. Die Änderungen im Aufsichtsrecht haben die ohnehin geringe Attraktivität vieler Staatsanleihen weiter geschwächt. Und so ist trotz Sarkozys Hoffnung bislang der entgegenlaufende Trend zu beobachten: Die Banken trennen sich in hohem Tempo von ihren Staatsanleihen, insbesondere von solchen aus finanzschwachen Euroländern. Große Banken wie Société Générale oder Deutsche Bank halbierten ihren Bestand an Staatsanleihen binnen weniger Monate.

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