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Schuldenkrise : Italien sieht „Grexit“ dieses Mal gelassen

Kein Kurssturz mehr wie 2011: An der Mailänder Börse herrscht Zuversicht. Bild: GINO BEGOTTI

An der Börse in Mailand wird ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euroraum vor allem als politisches Risiko gesehen. Italien sieht sich selbst stabiler aufgestellt, und auch die Rettungssysteme gelten nun als tragfähig.

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          Die Wahrscheinlichkeiten eines „Grexit“, eines Ausscheidens von Griechenland aus der Währungsunion, lassen in Mailand die Börsenkurse tanzen. Doch die Wirtschaftswelt und die Ökonomen Italiens sehen in diesem Jahr gelassen auf die Ereignisse in Athen. „Italien und Griechenland sind zwei Realitäten, die nicht verglichen werden können. Verglichen mit Griechenland hat Italien so viel mehr Fähigkeiten und Möglichkeiten für Industrieproduktion oder Export“, sagt Luigi Abete, Präsident der Bank BNL und Vorsitzender des Dachverbandes der Finanzwirtschaft Febaf. „Auch 2011 hatten wir keine Zweifel, dass ein Grexit Italien nicht zum Absturz gebracht hätte, auch wenn es sehr turbulent war.“ Im Sommer 2011 lagen die Dinge anders. Damals war klargeworden, dass sich die Sanierung des Haushaltes verzögerte und dass Italien notwendige Wirtschaftsreformen immer weiter verschleppte, während die Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi immer schwächer wurde und schließlich wegen einer Spaltung der Regierungspartei handlungsunfähig war.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Gregorio De Felice, Chefvolkswirt der Bankengruppe Intesa Sanpaolo, kommentiert, es habe bei der Krise 2011 noch keine ausreichenden Mechanismen zur Überwindung der Krise gegeben, „und das hat Panik bei den Anlegern erzeugt“. Als Beschreibung der politischen Lage dient für De Felice der Satz: „Wir hatten eine tiefe Krise der Glaubwürdigkeit der italienischen Regierung.“

          Situation nicht vergleichbar

          In dieser Lage begann schließlich an internationalen Märkten die Spekulation um die Frage, ob nach einem Zusammenbruch Griechenlands auch Italien aus der Währungsunion ausscheiden müsse. Der damalige Staatspräsident Giorgio Napolitano, im Hintergrund sicher auch in Kontakt mit Mario Draghi, suchte nach einer Ersatzlösung für den Fall eines Sturzes von Berlusconi. Und schließlich schrieben damals die italienischen Zeitungen, Berlusconi wolle nicht über einen wirtschaftlichen Zusammenbruch Italiens präsidieren, sondern lieber den Schwarzen Peter weiterreichen. So kam Mario Monti ins Amt des Ministerpräsidenten, auch wenn nun Berlusconis Gefolgsleute andere Legenden konstruieren – etwa diejenige, dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in einem nächtlichen Anruf beim italienischen Staatspräsidenten die Ablösung Berlusconis verlangt habe.

          „Heute haben wir ein institutionelles System in Europa, das weitaus resistenter ist. Und in Italien hat sich die Situation geändert, mit mehr politischer Stabilität und den ersten Reformen bei Renten oder Arbeitsmarkt und mit weniger Sozialbeiträgen für die Unternehmen“, sagt Abete vom Finanzverband Febaf.

          Grexit  ist rein politisches Risiko

          „Wenn die Währungsunion nicht mehr als eine für die Ewigkeit konstruierte Einheit aussieht, könnten natürlich für die schwächsten Länder einige Preismechanismen neu bewertet werden“, sagt Marco Valli, Chefökonom für den Euroraum der Unicredit. „Doch die Ausschläge an den Märkten würden nicht mehr auf so extreme Niveaus eskalieren wie in der Vergangenheit.“ De Felice von Intesa Sanpaolo sieht für den Fall eines „Grexit“ die Ausfuhren Italiens nach Griechenland für einige Milliarden Euro in Gefahr und die Rückzahlung von an die 40 Milliarden Euro an staatlichen Krediten. „Dennoch sind das relativ beherrschbare Schocks, wenn auch nicht gerade erwünscht in dieser eher fragilen konjunkturellen Lage.“ Die Folgen für die Zuversicht der Investoren seien nur schwer vorherzusehen. Falls an den Märkten über ein Ausscheiden Italiens aus der Währungsunion spekuliert werde, würden natürlich die Zinsen steigen und damit die Sanierung der Staatsschulden erschwert. „Doch heute haben wir Mechanismen, mit denen die Turbulenzen der Finanzmärkte begrenzt werden“, sagt De Felice. Das Programm der EZB zum Ankauf von Staatstiteln „macht es schwieriger, dass eine irrationale Panik wirklich greifbare Effekte für die Finanzierbarkeit der Staatsschulden erzeugt“. Zudem gebe es auch noch den neuen europäischen Rettungsfonds.

          Für die italienische Politik hätte ein Ausscheiden von Griechenland indes womöglich weitreichende Konsequenzen, sagt De Felice. Den Oppositionsparteien, die immer vom Ausstieg aus dem Euro reden, würde dann vorgeführt, wie sehr ein Grexit wirtschaftliches Chaos und Hyperinflation erzeuge. Der Begriff des „politischen Risikos“ steht auch im Mittelpunkt der Antworten von Valli von der Unicredit. „Dass Griechenland eventuell die Währungsunion verlässt, ist ein rein politisches Risiko, das bereits seit einiger Zeit auf den Radarschirmen der Investoren zu sehen sein müsste. Das wäre keine neue, unvorhersehbare Lage, und deshalb wäre eine Griechenland-Krise weniger schädlich als 2010 oder 2012“, sagt Valli.

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