https://www.faz.net/aktuell/finanzen/schuldenkrise-italien-geraet-wieder-staerker-in-den-fokus-der-maerkte-11783201.html

Schuldenkrise : Italien gerät wieder stärker in den Fokus der Märkte

  • -Aktualisiert am
Italienische Flaggen in Ventimiglia in Nordwestitalien.
          3 Min.

          Die Furcht, dass die europäische Schuldenkrise auf Italien übergreifen könnte, hat die internationalen Finanzmärkte erfasst. Am Mittwoch hat die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen mittlerweile 6,21 Prozent erreicht. Sie liegt damit mehr als einen halben Prozentpunkt höher als Anfang Mai.

          Tobias Piller
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Renditeabstand zu Bundesanleihen ist damit in den vergangenen drei Monaten um fast drei Viertel gestiegen und steuert die Rekordwerte des vergangenen Winters an. Bei einer Auktion von Geldmarktpapieren mit Laufzeit von zwölf Monaten betrug am Mittwoch die Rendite 3,97 Prozent. Bei der jüngsten vergleichbaren Versteigerung am 11. Mai waren es noch 2,34 Prozent gewesen. Indes wurde immerhin das Maximalziel von 6,5 Milliarden Euro wurde erreicht, die Nachfrage war mit einer 1,73-fachen Überzeichnung mehr als ausreichend.

          Italienische Zeitung ruft nach deutscher Hilfe

          Nachdem am Montag Analysten und vor allem angelsächsische Nachrichtenagenturen die wirtschaftlichen Schwächen Italiens wieder zu entdecken schienen, reagierte die italienische Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“ mit einer ungewöhnlichen Aufmachung: Die seriöse Zeitung gestaltete am Dienstag ihre erste Seite mit Lettern, die sonst nur die deutsche Boulevardpresse benutzt, und schrieb die deutschen Worte: „Schnell, Frau Merkel.“ Darunter argumentiert der Chefredakteur Roberto Napolitano, dass es allein in der deutschen Verantwortung liege, Europa zu retten, mit einer allgemeinen Schuldengarantie, und einer gemeinschaftlichen Garantie für alle Bankschulden in Europa.

          Andererseits teilte die Ratingagentur Fitch mit, für Italien gebe es keine akuten Finanzierungsprobleme. Die Banken seien stabil und das Defizit tendiere gegen Null. Für Italien bietet dieses Urteil Anlass zu etwas Aufatmen. Ansonsten hatten die Italiener die Ratingagenturen mit zunehmender Skepsis betrachtet. Der Vizechef der italienischen Notenbank, Fabrizio Saccomanni, sagte, eigentlich sollten die Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit beurteilen. Darüber hinaus könne sich jeder sein eigenes Szenario zurechtlegen.

          Nur als vor wenigen Tagen die Agentur Moody’s warnte, alle europäischen Staaten, auch Deutschland, riskierten eine Abwertung ihrer Kreditwürdigkeitsbenotung, war dies italienischen Medien und Kommentatoren Anlass für Schadenfreude und ein Beweis für die Notwendigkeit, alle Schulden zusammenzulegen.

          Italien will sich im Juni 19,2 Milliarden Euro leihen

          Im laufenden Monat werde Italien Mittel von 19,2 Milliarden Euro aufnehmen wollen, heißt es in einer Studie der britischen Bank Barclays Capital. Der Schwerpunkt werde mit 8,2 Milliarden Euro im Laufzeitenbereich zwischen vier und fünf Jahren liegen. Die Rendite für fünfjährige italienische Staatsanleihen betrug am Dienstag rund 5,6 Prozent.

          Die grundlegenden Daten zur italienischen Staatsverschuldung zeigen eher wenig akute Probleme. Die Staatsschulden sind zwar bis März auf 1946 Milliarden Euro gestiegen, und sie werden im Laufe des Jahres die Marke von 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) überschreiten. Doch diese Daten gehören zum Prognoseszenario, das 2012 ein Schrumpfen des BIP von 1,5 Prozent und daher eine Vergrößerung der Schuldenlast darstellt.

          Die Sorgen um Italien in Zahlen.
          Die Sorgen um Italien in Zahlen. : Bild: F.A.Z.

          Italiens Glück ist dabei, dass sich die Staatsschulden auf eine verhältnismäßig lange durchschnittliche Laufzeit von 7 Jahren verteilen. Daher war es den staatlichen Schuldenverwaltern möglich, in den turbulenten Monaten des vergangenen Jahres etwas mehr kurzfristige Staatstitel auszugeben, ohne die langfristigen Gleichgewichte zu gefährden. Die durchschnittliche Laufzeit, die 2010 noch knapp mehr als 7 Jahre betragen hatte, ist in diesem Jahr darunter gefallen.

          Italiens Staatshaushalt hat schon hohe Zinsen verkraftet

          Ebenfalls eher positiv zu werten ist, dass die Börsenturbulenzen des Jahres 2011 mit dem Zinsaufschlag („Spread“) von damals 5,5 Prozentpunkten gegenüber deutschen Bundesanleihen die italienischen Staatsfinanzen nicht ins Rutschen gebracht haben: Wie das italienische Statistikamt Istat mitteilt, haben sich die Ausgaben für die Zinsen im Jahr 2011 kaum verändert. Im Jahr 2008 betrug der Zinsaufwand 5,2 Prozent des BIP, 2010 waren es 4,6 Prozent, im Jahr 2011 rund 4,9 Prozent.

          Gemessen am Schuldenstand nimmt sich das Programm für die Schuldenemissionen überschaubar aus: Bis Mai 2013 müssen langfristige Titel von 153 Milliarden Euro abgesetzt werden, zusätzlich gilt es, kurzlaufende Staatstitel mit drei, sechs oder zwölf Monaten Laufzeit umzuwälzen mit einem Volumen von rund 165 Milliarden Euro. Dabei sind die Kurzläufer immer gefragt gewesen. Die Auktionen der langfristigen Titel wurden auch in den turbulenten Monaten 2011 so geschickt strukturiert, dass es nie einen Fehlschlag gab.

          Für etwas Unruhe sorgten am Dienstag Äußerungen der österreichischen Finanzministerin Maria Fekter, die am Montagabend in einem Fernsehinterview nicht ausschloss, dass auch Italien Finanzhilfen der Euro-Partner in Anspruch nehmen könnte. Am Dienstag relativierte sie diese Aussage.

          Undifferenzierte Finanzmärkte

          „Die Finanzmarktteilnehmer differenzieren nicht wirklich zwischen Spanien und Italien“, sagt Commerzbank-Analystin Ulrike Rondorf. Beide Länder seien mit gravierenden Problemen konfrontiert. Während Spanien vor allem wegen seines maroden Finanzsektors in der Bredouille steckt, kämpft Italien laut Rondorf mit einem „Produktivitätsdesaster“. Der Reformprozess sei ins Stocken geraten.

          Ob Italien einen Rettungsantrag beim EFSF oder später beim ESM stellen werde, hängt nach Ansicht von Rondorf zu einem beträchtlichen Teil von der weiteren Marktentwicklung ab. So würde ein Wahlsieg der Syriza-Partei bei der griechischen Wahl am kommenden Wochenende einen Austritt Griechenlands aus der Währungsunion näher rücken lassen und damit sicherlich die allgemeine Unsicherheit über die Zukunft des Euro anheizen.

          Die nächste Nagelprobe steht Italien am Donnerstag bevor. Dann kommen Anleihen mit Laufzeiten bis zu acht Jahren unter den Hammer. Das geplante Volumen ist noch nicht bekannt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimaaktivisten haben am 15. November 2022 ein Werk Gustav Klimts mit schwarzer Farbe beschmiert, einer klebte seine Hand daran fest.

          Soziale Systeme : Nützliche Radikale

          Schaden radikale Aktionen wie die der „Letzten Generation“ den Zielen einer Bewegung? Soziologen haben das untersucht und sind zu einem überraschenden Ergebnis gekommen.
          Bald wieder ohne Maske? Medizinischer Mitarbeiter in Schanghai

          Schlechte Wirtschaftsdaten : China knickt ein

          Nun brechen auch noch die Exporte unter den Lockdowns ein – panisch läutet Chinas Führung das Ende von „Null Covid“ ein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.