https://www.faz.net/aktuell/finanzen/schlechtes-zeugnis-fuer-deutsche-klimafonds-18362192.html

Nachhaltige Finanzprodukte : Schlechtes Zeugnis für deutsche Klimafonds

Solaranlage vor dem Finanzplatz Frankfurt: Deutsche Fondsgesellschaften tun sich mit nachhaltigen Anlageprodukten noch schwer. Bild: dpa

Der Datendienstleister ESG Book deckt Mängel auf: Bei einigen Anbietern erfüllen fast 40 Prozent der Anlagen nicht die Pariser Klimaziele.

          2 Min.

          Der Skandal um die Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, die DWS, ist wohl kein Einzelfall. Doch er verdeutlicht die Mängel in der Klassifizierung von Anlageprodukten, die als nachhaltig und klimaschützend verkauft werden. Was nachhaltig ist, daran scheiden sich weiterhin die Geister. Selbst in Brüssel, wo die Kommission mit ihrem Kriterienkatalog, der sogenannten Taxonomie, international Maßstäbe setzen will, stößt der Begriff der Nachhaltigkeit an seine Grenzen: Denn Atomkraft und Gas wurden in einem politischen Kuhhandel als Übergangstechnologien und damit als nachhaltig eingeordnet.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dass deutsche Fondsgesellschaften mit ihren nachhaltigen Anlageprodukten zum Teil schlechter abschneiden als die Konkurrenz aus anderen Ländern, darauf weist der auf nachhaltige Datenanalyse spezialisierte Anbieter ESG Book hin. So würden 45 Prozent der sich als nachhaltig bezeichnenden Fonds, darunter börsennotierte Indexfonds (ETF), mit ihren Aktien- und Anleiheportfolien im CO2-Ausstoß schlechter abschneiden als der Durchschnitt aller deutschen Fonds. Damit wäre es für Anleger, die nachhaltig investieren wollen, besser, einen Dax-ETF zu kaufen als einen dieser Fonds. ESG Book nennt in der Analyse keine Namen der betroffenen Fondsgesellschaften.

          Auch international gibt es Probleme

          Auch in anderen Punkten schneiden die deutschen Klimafonds schlecht ab: Bei einigen würden fast 40 Prozent ihrer Anlagen nicht die Pariser Klimaziele er­füllen. Im Durchschnitt seien 73 Prozent der Portfolios, überwiegend Aktienanlagen, mit den Pariser Klimazielen konform. Dies entspricht nach Angaben von ESG Book dem internationalen Wert. Das werten die Autoren als besorgniserregend, weil das Problem mit der Einstufung nachhaltiger Fonds ein deutlich größeres Spektrum als das der deutschen Anbieter betrifft.

          Sie stellen in ihrer Untersuchung fest, dass kein einziger der analysierten deutschen Klimafonds ein Portfolio aufweist, das sich vollständig aus Unternehmen zusammensetzt, die mit ihren Geschäftsmodellen bis 2050 zum Ziel von nur 1,5 Grad Celsius Erderwärmung beitragen. Dieser Anteil beträgt nach Angaben von ESG Book in den Anlagen der nachhaltigen Fonds 35 Prozent, verglichen mit 28 Prozent im gesamten deutschen Fondsuniversum. Ein weiterer Kritikpunkt von ESG Book sind die Investitionen deutscher Klimafonds in Unternehmen aus dem Öl- und Minensektor, die fossile Energieträger fördern. Dazu zählen Gesellschaften wie BP oder die australischen Minenkonzerne BHP und Rio Tinto. Der Datenanbieter fordert strengere regulatorische Maßnahmen, um die Einordnung nachhaltiger Anlagen stärker zu harmonisieren. Das sei auch notwendig, damit Investoren diesen Produkten in Zukunft mehr vertrauen könnten.

          Fünf Milliarden Dollar an Gebühren bis 2025

          Grundsätzlich hält der Urheber der Studie den nachhaltigen Investmentansatz für richtig. Er verfolgt mit seiner Kritik auch Geschäftsziele. ESG Book will Nachhaltigkeitsdaten an die Finanzunternehmen verkaufen. Das Geschäft mit nachhaltigen Daten wächst stark. Indexanbieter wie MSCI oder Ratingagenturen wie S&P oder Moody’s investieren hier seit längerem. Das Gebührenvolumen dürfte sich nach Schätzungen von Fachleuten bis 2025 auf 5 Milliarden Dollar verfünffachen. Das Kürzel ESG stammt von den englischen Begriffen für Umwelt (environment), soziale Entwicklung (social) und gute Unternehmensführung (governance) und steht in der Finanzwelt für das gesamte Spektrum nachhaltiger Ziele.

          ESG Book ist aus der Dateneinheit Arabesque S-Ray des gleichnamigen Vermögensverwalters hervorgegangen. Zwar ist dieser weiterhin ein wichtiger Aktionär, hält aber nach der jüngsten Finanzierungsrunde nicht mehr die Mehrheit. Die in Frankfurt ansässige Gesellschaft, die auch Allianz X, die Beteiligungsgesellschaft des Versicherungskonzerns, zu ihren Investoren zählt, will sich von Arabesque abkapseln und strebt einen eigenständigen Marktauftritt an.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sieg im Elfmeterschießen : Messis Traum vom WM-Titel lebt

          Superstar Lionel Messi hofft bei seiner fünften WM weiter auf den ersten Titel. Gegen Oranje verspielt Argentinien zunächst einen Zwei-Tore-Vorsprung, hat im Elfmeterschießen aber das bessere Ende für sich.
          Außenministerin Annalena Baerbock steigt am 9. Dezember 2022 am Flughafen von Dublin in den Airbus der Flugbereitschaft der Bundeswehr.

          Baerbocks Besuch in London : Die Schadensbegrenzung muss warten

          Eigentlich wollten sich die deutsche Außenministerin und ihr britischer Kollege viel Zeit für ihre Gespräche nehmen. Doch ein Wintereinbruch in Dublin bringt ihre Pläne durcheinander – statt nach London fliegt Baerbock zurück nach Berlin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.