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Scherbaums Börse : Strategen empfehlen Anlegern still- und durchzuhalten

  • -Aktualisiert am

Hektik im Handelssaal: Börsenparkett in Frankfurt Bild: dpa

Die Angst vor dem Virus hat die Börsen in einen Bärenmarkt gestoßen. Doch manche Fachleute halten ein Comeback schon bald wieder für möglich, wenn bestimmte Faktoren passen. Bis dahin sollten Anleger ein paar Dinge verinnerlichen.

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          Das Coronavirus hat das Weltgeschehen so im Griff, wie kein anderes Ereignis in den vergangenen Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Virus verändert zugleich unser aller Alltag und unsere Mobilität. Veränderungen gehen oft nicht ohne Angst einher. Diese sehen wir an den Börsen seit fast drei Wochen.

          Im Bärenmarkt angekommen

          Wir befinden uns dadurch in einem Bärenmarkt, dem ersten seit dem Jahr 2009. Um wieder auf längere Zeit festeren Boden an den Märkten zu haben, braucht es nun eine Fülle an positiven Nachrichten – und Investoren, die realistisch sind.

          Speziell in Europa haben wir (zu) spät verstanden, was die Coronapandemie auslöst. Wir haben Neuland betreten. Und wie in neuen Situationen üblich, ist die Unsicherheit groß, vor allem in der Wirtschaft. Das globale Wachstum im ersten und zweiten Quartal 2020 dürfte hart getroffen werden, die ersten Prognosen dazu gibt es schon.

          Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei JP Morgan Asset Management kommentiert: „Wie stark und wie lange die Wirtschaft schrumpfen wird, hängt davon ab, wie schnell die Ansteckungsfälle ihren Höhepunkt erreichen und wie die Politik darauf reagieren wird. Selbst wenn die Wirtschaft im weiteren Jahresverlauf wieder wachsen sollte, werden die Auswirkungen auf die Unternehmenserträge erheblich sein.“

          Das heißt: Bis sich die Folgen der Coronakrise in den Gewinnerwartungen und Bewertungen voll niederschlagen, könne jedoch noch einige Zeit vergehen. Der Stratege sieht aber auch einen Hoffnungsschimmer: „Sobald die Ausbreitung eingedämmt ist, dürfte sich die Weltwirtschaft wieder erholen.“

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          Frank Häusler, Chief Strategist bei Vontobel Asset Management sieht es ganz nüchtern: „Wenn die Regierungen durch Fiskalausgaben und die Zentralbanken dafür sorgen, dass es nicht zu viele Zahlungsausfälle gibt und wir alle in drei Monaten noch einen Gehaltsscheck erhalten, sollte sich die Wirtschaft im späteren Verlauf des Jahres stabilisieren. Sobald die Märkte an diese Geschichte glauben, wird es Zeit, Aktien zu kaufen.“

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          Wer noch investiert ist, sollte es bleiben. Denn so Tilmann Galler von JP Morgan noch einmal: „Die Erfahrung zeigt, dass Anleger ihre Aktien nach scharfen Marktkorrekturen verkaufen – damit treffen sie aber oft einen ungünstigen Zeitpunkt, weil sie dann auch die Erholung verpassen. So sei es sinnvoll, investiert zu bleiben – auch wenn das in diesen Zeiten nicht einfach durchzuhalten ist.“

          Der Sommer kommt

          Für Michael Browne, Portfoliomanager bei der Legg-Mason-Investmentboutique Martin Curri, wird derweil ein Comeback der internationalen Aktienmärkte immer wahrscheinlicher, je näher der Sommer rückt. „Die Erfahrung zeigt, dass das Coronavirus rund sieben Wochen nach dem Ausbruch der Epidemie in einem Land seinen Höhepunkt erreicht und sich abschwächt, sobald zwanzig bis vierzig Prozent der Bevölkerung infiziert waren.“

          „Demnach könnten die Märkte zwischen Mitte April und Ende Mai den Blick auf das zweite Halbjahr und 2021 richten“, so Browne weiter. Der Experte hält es aus ökonomischer Sicht für einen Vorteil, dass die Coronakrise Europa während einer Phase ohnehin geringen Wachstums und niedriger Lagerbestände treffe. Auch, dass das Virus die Welt während der Osterferien ausbremse, sei aus Sicht der Wirtschaft ein willkommener Zufall: „An Ostern ist die Produktion ohnehin geringer, weswegen die konjunkturelle Delle aufgrund des Virus weniger stark ins Gewicht fällt.“

          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.

          Wann genau die Aktienmärkte zur Normalität zurückfinden, hänge neben der Eindämmung des Virus von weiteren Faktoren ab. Browne betont, wie wichtig staatliche Maßnahmen für betroffene Wirtschaftszweige sowie eine unterstützende Geldpolitik seitens der Notenbanken seien.

          Konjunkturdaten nicht überbewerten

          Browne mahnt zudem dazu, schwache Konjunkturdaten, welche während der tiefsten Krise erhoben wurden, nicht überzubewerten. „Diese Zahlen bilden lediglich den Worst Case ab, sagen aber wenig über die Erholungsbewegung aus“, so der Portfoliomanager.

          Börsenexperten werden in diesen Tagen nicht müde, auf die Vergangenheit zu verweisen. Ein Blick auf die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt, dass es in fast jedem Jahrzehnt eine Phase mit extremer Volatilität an den Kapitalmärkten gibt. „Die Dauer dieser Phasen ist schwierig vorherzusagen, und gerade in der aktuellen Krise gibt es einen hohen Unsicherheitsfaktor. Aber in vielen Jahren haben sich die Aktienmärkte trotz zweistelliger Marktrückgänge auf mittelfristige Sicht wieder kräftig erholt und positive Erträge geliefert“, so der Stratege Galler von JP Morgan.

          Letztlich erscheint eine breite globale Positionierung und eine ausgewogene Risikostruktur im Portfolio hilfreich zu sein, die aktuellen Turbulenzen zu überstehen – „um dann aber auch in der Lage zu sein, von der kommenden Erholung zu profitieren“, so Galler weiter. Am Ende sollten wir zum aktuellen Zeitpunkt einfach eines machen: Ruhe bewahren.

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