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Scherbaums Börse : Dem Dax geht die Luft aus

  • -Aktualisiert am

Der Handelsaal der Frankfurter Börse Bild: Reuters

Seit Anfang August ist auch im Leitindex Dax wenig Dynamik. Marktexperten mahnen zur Vorsicht, die ansteigenden Corona-Infektionen schüren neue Lockdown-Ängste.

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          Die zurückliegende Rally an den Aktienmärkten hat Kraft gekostet. An der Börse scheint ein bisschen die Luft raus zu sein. Es fällt auf, dass vor allem der Dax im Verhältnis zu den amerikanischen Indizes Dow Jones und S&P500 sehr schwach ist.

          Deutschlands bekanntester Börsenindex befindet sich zwar rein charttechnisch gemessen am gleitenden Durchschnitt der vergangenen 200 Handelstage noch in einem Aufwärtstrend, doch viele Experten mahnen zur Vorsicht. Guilhem Savry vom schweizerischen Vermögensverwalter Unigestion beispielsweise rät, „den Fuß etwas vom Gas zu nehmen und Chancen nach einer möglichen Korrektur wahrzunehmen“.

          Zur Begründung seiner Vorsicht verweist er auf das nachlassende Momentum, die ungünstige Saisonalität, die sich verschlechternde Gesundheitssituation, die hochkonzentrierte Positionierung der Anleger sowie die amerikanische Zinskurve, die das aktuelle Tempo der Aktienrally in Frage stelle. Hinzu komme, so der Experte, dass die Aktien der Unternehmen, die bei der Erholung am meisten zugelegt hätten, trotz positiver Zahlen für das zweite Quartal nach der Bekanntgabe der Ergebnisse gefallen seien. So mancher Anleger hat offenbar Kasse gemacht und wollte sein Portfolio nicht einer zweiten Corona-Welle aussetzen.

          Schnelle Erholung in Gefahr

          „Der Juli war ein heißer Börsenmonat – ständige Favoritenwechsel bei Aktien, sinkende Zinsen und steigende Goldpreise bei einem sich abschwächenden US-Dollar. Die aktuellen Wertschwankungen drücken die nachvollziehbare Unsicherheit der Marktteilnehmer aus“, resümiert auch Thomas Böckelmann von der Vermögensverwaltung Euroswitch. Dies werde sich in den Augen des Markt-Experten auch nicht so schnell ändern: „Mit den steigenden Corona-Infektionen in den Vereinigten Staaten und Europa wird die befürchtete zweite Welle wahrscheinlicher“. Dann wäre auch eine schnelle Erholung wieder vom Tisch.

          „Ein zweites Corona-Tief wäre psychologisch viel schlimmer als das erste, ein Gau“, so Marktexperte Robert Halver von der Baaderbank. „Sollten Erwartungen auf ein Ende des Tals der Corona-Tränen enttäuscht werden, könnte die Rezession überborden und innen- sowie sozialpolitisch schwere Schäden anrichten“, ergänzt er.

          Sich nur auf die bekannte Argumentation der zweiten Corona-Welle zu fokussieren wäre wohl zu einfach. Selbst wenn es im Herbst wirklich einen verfügbaren Impfstoff gegen COVID19 geben sollte, dürfte dies wohl erst einmal zu einer gewissen Erleichterungsrally führen, doch die anderen (altbekannten) Probleme blieben der Börse erhalten: Die anstehende Wahl des amerikanischen Präsidenten, der sich ausweitende Konflikt zwischen China und den Vereinigten Staaten und ein vielleicht doch harter Brexit.

          S&P 500

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          Quo vadis Amerika?

          Hinzukommt, dass der amerikanische Arbeitsmarkt wahrscheinlich bis mindestens Jahresende labil bleiben wird. Der Präsident der Dallas Federal Reserve Bank, Robert Kaplan, deutete jüngst an, dass die Arbeitslosenquote am Jahresende noch immer bei neun bis zehn Prozent liegen könnte, also nur unwesentlich unter den derzeitigen elf Prozent. Auch deshalb wird das Ergebnis der amerikanischen Präsidentenwahl weitreichende Auswirkungen auf die internationalen Finanzmärkte haben. „Welcher Kandidat auch immer gewinnt: Finanzpolitische Stimuli werden ganz oben auf der Agenda stehen und damit höhere Ausgaben in Amerikas bröckelnde Infrastruktur beinhalten. Republikaner wie Demokraten sind entschlossen, das schon so lange gepriesene Infrastrukturpaket endlich umzusetzen“, so die Einschätzung von John Weavers, Marktexperte bei M&G Investments.

          DAX ®

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          In der Folge könnten Infrastruktur-Aktien einen Blick wert sein – schließlich war in Amerika die Notwendigkeit, Straßen, Gasleitungen oder Stromnetze zu renovieren oder neu zu bauen, schon vor der Pandemie ein großes Thema gewesen.

          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. : Bild: Christoph Scherbaum

          Langfristige Anlegerthemen gibt es genügend

          Ob deutsche Anleger zugreifen werden? Laut einer Umfrage von J.P. Morgan Asset Management würden 60 Prozent der Befragten die Bank wechseln, wenn diese mit einem „Verwahrentgelt“ droht. Aber nur rund jeder Zehnte würde diese Gelegenheit nutzen und zumindest einen Teil seines Geldes am Kapitalmarkt arbeiten lassen. Einmal mehr sollten sich viele Bankkunden den Langfristchart eines Dax, S&P500 oder eines Dow Jones anschauen. Auf Sicht von zehn, 15 oder 20 Jahren sind unverändert Aktien eine solide und gewinnbringende Geldanlage – allen (Corona-)Krisen zum Trotz.

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