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S&P Sensex : Indiens Börse zeigt sich immun gegen Corona

Indiens Ministerpräsident Narendra Modi spricht auf einer Versammlung im März Bild: Reuters

Indien wurde sehr hart von der Pandemie getroffen, doch Investoren lassen sich davon nicht beeindrucken. Was gibt ihnen dieses Selbstvertrauen?

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          Auf den Tag genau ist es nun zwei Jahre her, dass die Inder Narendra Modi abermals zu ihrem Ministerpräsidenten wählten. Inzwischen trägt er einen langen, weißen Rauschebart. Ob er heute die nötigen Stimmen für eine Wiederwahl bekäme, ist völlig offen. Denn nicht nur die von seiner Regierung immer weiter eingeschränkten Intellektuellen werfen ihm vor, in der Corona-Krise versagt zu haben.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Nur Wochen nachdem er sich auch vor dem Weltwirtschaftsforum (WEF) dafür hatte feiern lassen, „Corona besiegt“ zu haben, zog die zweite Welle über das völlig unvorbereitete Land. Nach inzwischen schon offiziell mehr als 25 Millionen Infizierten – deren wahre Zahl könnte beim Zehnfachen liegen – steht Modi unter Druck wie nie zuvor seit seinem Amtsantritt 2014. „Die zahllosen Scheiterhaufen mit Corona-Opfern, die am indischen Sommerhimmel glühen, werden der Prahlerei über die Weltmacht des Landes ein Ende setzen“, orakelt die schwedische Professorin mit indischen Wurzeln, Anita Inder Singh.

          Das ist möglich. Und vielleicht wäre es auch angebracht. Die Börsianer indessen denken ganz anders. Ihnen scheint zu genügen, dass die Zahl der Neuinfektionen erstmals wieder an zwei Tagen in Folge offiziell unter 300.000 geblieben ist.

          Die indischen Börsenindizes nähern sich trotz der hohen Todeszahlen, trotz Sterbender auf den Gehwegen und Leichen im Ganges wieder ihren Rekorden. Nach einem Anstieg um 1,21 Prozent nahm der S&P Sensex am Dienstag wieder die Hürde von 50.000 Punkten. Wer Geld hatte, konnte mit ihm in den vergangenen Monaten noch viel mehr Geld verdienen In der ersten Corona-Welle, die Modi mit einem brutalen Lockdown im vergangenen Jahr beantwortet hatte, war der Sensex von gut 41.000 Punkten (10. Februar) auf 28.700 Punkte (23. März) gestürzt. Ein Jahr später, am 8. Februar, hatte er sich auf 51.573 Punkte erholt. Das große Sterben in der zweiten Welle ließ ihn dann nur bis auf 48.000 Punkte fallen.

          Bombay BSE

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          Auch der Kurs der Rupie lässt kaum noch dieselbe Sorge vor Tod und Zerstörung erkennen wie vor gut einem Jahr: Am Dienstag legte er den dritten Tag in Folge zu und nahm erstmals seit März wieder die psychologisch wichtige Hürde von 73 gegenüber dem Dollar.

          Dabei sehen die Analysten die Erholung der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens durch die Seuche bedroht. Standard & Poor’s fürchtet, die Produktion der indischen Industrie werde um bis zu 210 Millionen Dollar schrumpfen und die Wachstumsrate bis zu 2,8 Prozentpunkte kosten. Denn eine Erholung träfe auf eine grundlegende wirtschaftliche Entwicklung, für die Modi schon vor dem Ausbruch der Pandemie keine Rezepte gefunden hatte. Die Bauern protestieren vor den Toren Delhis immer noch gegen die neuen Agrargesetze, die Banken sind weiterhin ungeordnet, Air India auch nach Jahren der Versuche nicht privatisiert, die Energieversorgung nicht gesichert.

          Arbeitslosenquote steigt

          Die offizielle Arbeitslosenquote ist von 6,5 Prozent im März auf 8 Prozent gestiegen. „Die steigende Arbeitslosenquote ist überhaupt kein gutes Zeichen. Selbst wenn das Angebot stimmt, wird es an der Nachfrage hapern“, warnt Mahesh Vyas, Chef des Centre for Monitoring Indian Economy (CMIE). „90 Prozent aller Familien leiden unter schwindenden Einkommen. Vom Export aber können wir nicht leben.“ Die Notenbank Reserve Bank of India (RBI), normalerweise sehr regierungsnah, warnt vor einem „Nachfrageschock, einem Verlust der Mobilität, der nicht zwingend notwendigen Ausgaben und des Arbeitsplatzes“.

          Es gilt also Vorsicht mit Blick auf den Aktienmarkt – er scheint der realen Entwicklung sehr weit vorausgeeilt zu sein. Aber natürlich bleiben Standardwerte, die über längere Zeit Potential haben. Zu ihnen zählen die Telefongesellschaft Bharti Airtel, deren Umsatz im Quartalsvergleich um 18 Prozent zulegte. Oder Tata Motors mit seinen britischen Luxusmarken Jaguar und Land Rover: Im vierten Quartal steigerte der Hersteller den Umsatz um 42 Prozent und verringerte seinen Verlust deutlich. Und auch die Klassiker der Datendienstleister könnten weiter profitieren: Bis 2025 soll ihr Markt um durchschnittlich 7,18 Prozent jährlich wachsen.

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