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Corona-Krise : Swiss Re warnt vor Zombie-Unternehmen

Insolvenzen (hier ein Geschäft in Oldenburg) sind wichtig, damit sich die Wirtschaft mit frischen Ideen erneuern kann. Bild: dpa

Die Finanzkrise im Jahr 2008 löste eine Liquidiitätsschwemme aus. Noch zu ihrem Beginn habe der Anteil der Unternehmen mit zu niedrigen Barmitteln 11 Prozent betragen. Nun ist er doppelt so hoch, warnen die Fachleute von Swiss Re.

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          Der Rückversicherer Swiss Re warnt vor den Folgen einer „Zombifizierung“ von Unternehmen. Als „tickende Zeitbombe“ bezeichnet Chefökonom Jérôme Haegeli diesen Umstand, dass diese ohne Sondereffekte wie die Niedrigzinspolitik und neue Insolvenzregeln in der Corona-Pandemie nicht genügend Gewinne erzielen, um auf eigenen Füßen zu stehen.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          „Covid-19 hat gezeigt, dass die beste Risikostrategie darin besteht, vor einem Schockereignis vorbereitet zu sein und finanzielle Puffer aufzubauen, um strapazierfähig zu sein“, sagte er der F.A.Z. in einem Videogespräch.

          Auf Basis seiner eigenen Forschung habe die Swiss Re schon vor zwei Jahren vorausgesagt, dass die deutsche Wirtschaft weniger resilient sei. Die vergangenen zehn Jahre seien wegen der außergewöhnlich expansiven Geldpolitik und der staatlichen Eingriffe eine Phase des schleichenden Todes vieler Unternehmen, die nur wegen des niedrigen Zinses genug Mittel aufbringen könnten, sich dagegenzustemmen. Als Rückversicherer, der international die Schäden von Unternehmen begleicht, habe die Swiss Re ein Interesse an einer produktiven Wirtschaft.

          Geordneter Rückzug des Staates notwendig

          „Jetzt braucht es geordneten Rückzug des Staates: Firmen, die pleitegehen müssen, sollen pleitegehen“, sagte Haegeli. Es sei völlig paradox, dass die Zahlen der Insolvenzen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien ausgerechnet während der Corona-Krise zurückgegangen seien. Nach Marktdaten habe die Zahl der Unternehmen, die gemäß ihrer operativen Barmittel (Cashflow) als Zombieunternehmen zu klassifizieren sind, im Jahr 2020 bei 21 Prozent gelegen.

          In der Zentrale der Swiss Re in Zürich macht man sich Gedanken über einen Exit aus der expansiven Geld- und Fiskalpolitik.
          In der Zentrale der Swiss Re in Zürich macht man sich Gedanken über einen Exit aus der expansiven Geld- und Fiskalpolitik. : Bild: Reuters

          Im Finanzkrisenjahr 2008 sei nur jedes neunte Unternehmen in diese Kategorie gefallen, und in den neunziger Jahren habe der Anteil sogar nur 3,5 Prozent betragen. Und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich habe davor gewarnt, dass die Zombifizierung in Europa schon größer sei als in Japan zu Beginn dieser Entwicklung. „Die Negativzinsen sind eine tickende Zeitbombe, die wir wahrnehmen müssen“, sagte Haegeli. „Unproduktive Unternehmen schaffen keine Jobs.“

          Rückversicherer warnen seit vielen Jahren vor den Folgen der Niedrigzinsen – nicht ganz uneigennützig, da sie als große Geldanleger selbst unter den schlechten Bedingungen für die Kapitalanlage leiden. Gleichzeitig sehen sie ihre Vorstellungen über Ordnungspolitik verletzt. „Das Ende der Covid-Krise muss mit einem Exit des Staats einhergehen“, sagte er. „Wir haben wenig produktives Wachstum, als ob man mit kaputten Zylindern fährt.“

          In Europa fehle es an einer echten Kapitalmarktunion. „Jeder Staat im Euroraum hat eigene Insolvenzregime“, bemängelt die Swiss Re. Verfahren nach dem Chapter 11 in den Vereinigten Staaten funktionierten besser, nichtresiliente Unternehmen würden schneller aus dem Markt genommen. „Nur wenn etwas eingeht, kann etwas neu wachsen“, sagte er. Eine Konkurswelle und marktwirtschaftliche Dynamik ermöglichten Fortschritt.

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