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Rückläufiges Wachstum : Abkühlung am Kunstmarkt

Auf dem absteigenden Ast: Das Kunstwerk „Tete de Femme“ von Pablo Picasso hat einen Wertverlust von 33 Prozent hinnehmen müssen. Bild: Getty Images

Die Preise für Kunstwerke steigen nicht mehr so verrückt wie noch vor kurzem. Dabei geht es nicht nur um Kunst – auch um Vermögenspreise: Lässt womöglich langsam die Wirkung der lockeren Geldpolitik nach?

          Zwei große Kunstauktionen in New York sind in der zu Ende gehenden Woche hinter den Erwartungen zurückgeblieben: Beim Auktionshaus Sotheby’s wurden Impressionisten und Kunstwerke der Moderne versteigert, bei Christie’s Werke von Zeitgenossen. Die Auktion bei Christie’s spielte 318,4 Millionen Dollar ein. Das lag am unteren Ende der Schätzungen und war nicht einmal halb so viel wie im Vorjahr. Und Sotheby’s erlöste 144,4 Millionen Dollar: weniger als die Mindestschätzung von 165 Millionen Euro. 21 von 62 Kunstwerken fanden überhaupt keinen Käufer. In der Kunstwelt spricht man von „Ernüchterung“

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das ist kein Zufall, meint Roman Kräussl, Finanzprofessor an der Luxembourg School of Finance. Der Ökonom erforscht seit langem den Kunstmarkt wie einen Finanzmarkt nach ökonomischen Kriterien. Wohl wissend, dass Kunst mehr ist als eine beliebige Anlageform. Er hat dazu eine gewaltige Datenbank mit Zahlen aufgebaut und publiziert die Ergebnisse in renommierten Fachzeitschriften wie dem „Journal of Empirical Finance“. Der Ökonom fühlt sich im Moment bestätigt – er habe schließlich im vorigen Jahr gewarnt, dass es so kommen werde: Der Kunstmarkt kühlt sich ab. Kräussl spricht von einer „scharfen Korrektur“. Er meint allerdings, nachdem der Markt in den vergangenen Jahren extrem heiß gelaufen sei, könne man durchaus auch von einer „gesunden Abkühlung“ sprechen. Ohnehin betrifft die Entwicklung nach seinen Zahlen nicht alle Segmente: Bei der Kunst des 19.Jahrhunderts beispielsweise oder America Art sehe es noch besser aus – und bei den Alten Meistern. „Aber natürlich gibt es nicht unendlich viele Rembrandts.“

          Hat Geldpolitik Preise für Sachwerte steigen lassen?

          Alle Zahlen, die es auf dem wenig transparenten Markt gibt, sind mit Vorsicht zu genießen. Immerhin aber hatte der „Art Market Report“ der Kunstmesse Tefaf („The European Fine Art Fair“) in Maastricht bereits im März festgestellt: Der Kunstmarkt schrumpft. Nach mehreren Jahren des Wachstums seien die Umsätze 2015 erstmals wieder zurückgegangen, um ungefähr 7 Prozent auf 63,8 Milliarden Dollar. Allerdings waren sie zuvor extrem gestiegen – 2014 galt als Kunstjahr mit einem Allzeithoch.

          Die spannende ökonomische Frage hinter dieser Entwicklung: Was sagt das alles über die Folgen der lockeren Geldpolitik? Die einfache Vorstellung, dass eine lockere Geldpolitik, wie sie derzeit etwa von der Europäischen Zentralbank (EZB) betrieben wird, die Vermögenspreise für Sachwerte wie Immobilien, aber auch Kunst oder Oldtimer, immer nur weiter steigen lässt, scheint zu kurz gegriffen.

          Am Anfang schien es vielleicht so: Die Zinsen sind extrem niedrig. Anleger und Großinvestoren aus aller Welt sind im Anlagenotstand. Sie suchen verzweifelt nach ein wenig Rendite. Das treibt die Preise für Sachwerte, von der Aktie über die Immobilie bis hin zum Kunstwerk oder edlem Wein immer weiter nach oben. Im Sachwerte-Boom steigen die Preise am Ende nur noch, weil sie steigen – und weil es keine Alternative gibt, wo das Geld sonst hin könnte. So die Vorstellung.

          Sotheby’s und Christie’s melden Umsatzrückgang

          Aber schon am Aktienmarkt hat sich gezeigt: Eine lockere Geldpolitik ist keine Garantie dafür, dass die Aktienkurse immer weiter steigen und es keine Rücksetzer mehr gibt. Ein Automatismus, ein Naturgesetz gibt es da nicht. Man kann sich als Anleger nicht darauf verlassen, dass die Geldflut alle Vermögensgegenstände ohne Unterbrechung nur immer teurer werden lässt – sonst wäre die Geldanlage in Zeiten wie diesen ja einfach. Aber diese sogenannte Vermögenspreisinflation ist für Anleger offenbar ein unsicherer Verbündeter, die Preise können durchaus auch wieder fallen. Und zwar nicht erst, wenn die Notenbanken irgendwann einmal die Zinsen wieder anheben. Es scheint auch eine Form der Gewöhnung an eine lockere Geldpolitik zu geben – und die Wirkung kann dann nachlassen.

          Bei der Bundesbank verfolgt man die Auswirkungen der Geldpolitik auf dem Immobilienmarkt zwar sehr genau und hat sich da zuletzt auch etwas beunruhigt geäußert. Auf den Kunstmarkt dagegen blicken die Währungshüter nicht so genau – weil er für den sogenannten geldpolitischen Transmissionsmechanismus weniger entscheidend ist. Ökonom Kräussl jedenfalls beschreibt den Mechanismus so: Die Preise für viele Kunstwerke seien in den letzten Jahren sehr stark gestiegen. Dort sei viel Geld hineingeflossen. Käufer schauten sich das an und würden zurückhaltender. Das merkten die Verkäufer – und böten besonders interessante Stücke erst gar nicht an. Dann könnten für andere Objekte durchaus noch relativ hohe Preise erzielt werden – aber die Umsätze insgesamt gingen zurück.

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