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Rückblick : Es war einmal... ein neuer Markt

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Fünf Jahre Neuer Markt: Ein Blick zurück Bild:

Am 10. März wird der Neue Markt fünf Jahre alt. FAZ.NET schaut zurück auf seine turbulente Geschichte.

          Vieles mag man dem Neuen Markt vorwerfen, aber für Unterhaltung hat er immer gesorgt. Hat er doch in seiner bald fünfjährigen Geschichte alles zu bieten, was menschliche Dramen spannend macht: Gründergeist und Aufbruch, Treue und Verblendung, Betrug und Entdeckung, Hass und Verzweiflung, Schuld und (zuweilen) Sühne - aber der Reihe nach.

          Mit zwei Werten, Bertrandt und Mobilcom, startete das neue Segment für Wachstumswerte am 10.3.1997. Anfangs durchaus mit Skepsis begleitet, lieferte der Neue Markt das entscheidende Argument für seinen wachsenden Erfolg: Performance!

          Der lange Weg in die Verblendung

          Nach einem Jahr hatte sich das Segment etabliert: Der Nemax All Share, am 16.1.98 unter dem Namen Neuer Markt-Index eingeführt, umfasste mittlerweile 18 Titel und war von rückgerechnet knapp 500 auf über 1.700 Punkte gestiegen.

          Mit dem Abbröckeln der Kurse seit dem Frühjahr 1999 geriet der Markt, mittlerweile über 80 Titel stark, in seine erste längere Krise. Der Erfolg der Vorreiter hatte neue Unternehmen an den Markt gelockt, deren Qualität zunehmend bezweifelt wurde. Auf einmal blieben die üblichen gigantischen Zeichnungsgewinne aus, und manche Neuemission sank unter ihren Ausgabekurs.

          Doch die warnenden Stimmen mussten angesichts der beispiellosen Kursexplosion seit dem Spätjahr 1999 verstummen - wer auf den Neuen Markt gesetzt hatte, hatte einfach Recht behalten. Wenn auch die Bemühungen der Analysten, die exorbitanten Kurse mit neuen, „dynamischen“ Bewertungsmethoden zu rechtfertigen, alteingesessenen Value-Investoren die Haare zu Berge stehen ließen.

          Pünktlich zum dritten Geburtstag am 10.3.2000 erreichten der Nemax All Share mit 8.559,32 und der Nemax 50 (jeweils Basis 30.12.97 = 1.000) mit 9.631,53 Punkten ihre bisherigen Höchststände. Im Schnitt waren die Kurse an dem Segment damit um fast 1.600 Prozent gestiegen. Die Marktkapitalisierung der 225 Unternehmen erreichte 234,25 Milliarden Euro.

          Die Tragödie nimmt ihren Lauf

          Doch geschah, was viele viel zu früh prophezeit hatten und andere lange nicht wahrhaben wollten: Es begann der lange bittere Abstieg, der Tausenden von Anlegern den Glauben an die Börse - und ihre eigene Unfehlbarkeit - nahm.

          Begleitet wurde die Tragödie von einer Reihe immer neuer Tiefschläge. Im Juli 2000 kursierten in Börsenbriefen und Anlegermagazinen die ersten „Todeslisten“ mit Unternehmen, die von Zahlungsunfähigkeit bedroht sein sollten. Erst heute zeigt sich, in welch hohem Maß die Listen zutrafen. Ausgestattet mit reichlich Spielgeld aus dem Börsengang hatten sich viele Jungunternehmer mit viel zu teuren Akquisitionen übernommen. Dieselben Banken, die die Firmen an den Markt gebracht hatten, wollten manche zweifelhafte Geschäftsmodelle nicht mehr mit neuem Kapital mittragen. Mitte September beantragte Gigabell als erstes Unternehmen des Neuen Marktes ein Insolvenzverfahren - mittlerweile sind ihm 21 weitere gefolgt.

          Den Stein richtig ins Rollen brachte aber der ehemalige Vorzeigewert EM.TV. Anfang Dezember 2000 mussten die Haffa-Brüder eine drastische Gewinnwarnung abgeben, und der Kurs stürzte ins Bodenlose. Die Staatsanwaltschaft begann, wegen unrichtiger Angaben zur Geschäftssituation und Insidergeschäften zu ermitteln. Mehr und mehr blickten sich die Investoren um, und immer geringer erschien die Zahl der vertrauenswürdigen Titel. Die Analystenschar verstummte zusehends, und stellte die Berichterstattung über viele kleinere Titel ein.

          Die Deutsche Börse reagierte mit zwei Verschärfungen des Regelwerks. Der bisher größte Befreiungsschlag, die Einführung der Marktausschlussregeln für „Penny Stocks“ und bei Insolvenzverfahren zum 1.10.2001, drohte zur Farce zu werden, als viele Firmen vor Gericht einen einstweiligen Aufschub erwirken konnten. Ein weiterer Gerichtsentscheid im Januar 2002 lässt aber hoffen, dass sich die Regeln endgültig durchsetzen.

          Das Drama will nicht enden

          Nach dem 11. September kam auch die Emissionstätigkeit entgültig zum Erliegen. Der vorläufig letzte Akt des Dramas, die schwere Vertrauenskrise um Comroad, D.Logistics und Mobilcom, jüngst ergänzt um IM InternationalMedia, zeigt, dass der Markt lange noch nicht am Ende des Tunnels angelangt ist. Mit dem Rückzug des Wirtschaftsprüfers KPMG bei Comroad hat die Dauerkrise sogar eine neue Qualität erreicht.

          Trotz der aktuellen Erholung bringen die 326 Titel nurmehr rund 54 Milliarden Euro Marktkapitalisierung aufs Parkett; nur wenig mehr als die leidgeprüfte DaimlerChrysler-Aktie mit knapp über 50 Milliarden Euro. „Wenn die Geschäftszahlen wieder stimmen, kehren auch die Investoren wieder zurück“, war jüngst vom Vorstand eines Neuer Markt-Wertes zu hören. Das mit dem „stimmen“ ist zu unterstreichen - im doppelten Sinne.

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