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Christian Sewing : „Eine Rezession ist nicht mehr abzuwenden“

Christian Sewing Bild: Michael Braunschädel

Der Deutsche-Bank-Chef rechnet mit einer Rezession. Die Banken sieht er weiterhin als einen Teil der Lösung, nicht des Problems.

          3 Min.

          Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Christian Sewing, wählt deutliche Worte. „Eine Rezession in Deutschland wird nicht mehr abzuwenden sein“, sagte Sewing auf der Bankenkonferenz „Bankengipfel“ in Frankfurt. Die ausgebremste Globalisierung, unterbrochene Lieferketten, hohe Strom- und Gaspreise hätten die Inflation in die Hö­he schnellen lassen. „Wir gehen zwar da­von aus, dass unsere Wirtschaft genug Widerstandskraft hat, um die Rezession zu bewältigen. Aber das bedingt, dass die Zentralbanken jetzt schnell und entschlossen handeln.“ Am Donnerstag dürfte die Europäische Zentralbank ei­nen weiteren Zinsschritt bekannt geben. Es werden 0,5 oder 0,75 Prozentpunkte erwartet. Nach seinem Wunsch befragt, sagte Sewing, dass er das bekanntlich nicht zu entscheiden habe, dass er aber an einem „stärkeren Schritt“ interessiert sei.

          Sozialer Zündstoff

          Inken Schönauer
          Redakteurin in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Noch könnten viele Menschen auf ihr Erspartes zurückgreifen, um mit höheren Preisen fertig zu werden. Zudem seien viele Unternehmen auch noch ausreichend finanziert. Aber je länger die In­flation hoch bleibe, desto größer würden die Schmerzen und der soziale Zündstoff. Die Zeit sei herausfordernder als alles, was er in seinen mehr als 30 Jahren Bankgeschäft erlebt habe, sagte der 52-jährige Vorstandsvorsitzende.

          Man sei in den vergangenen 30 Jahren einer Illusion nachgejagt. „Wir haben ge­glaubt, dauerhaft in einer Welt ohne größere Konflikte mit stetigem Wachstum und fortschreitender Globalisierung le­ben zu können.“ Die Wahrheit sei, dass auf 30 Jahre vermeintlicher Ruhe nun ei­ne Phase erhöhter Volatilität mit wirtschaftlicher Unsicherheit, regelmäßigen Krisen und geopolitischer Konflikte folgen werde, die sich ebenfalls über Jahrzehnte hinziehen dürfte. „Ein gutes Risikomanagement ist das Gebot der Stunde.“

          Konsolidierung nötig

          Um die Krise zu meistern, nimmt der Vorstandsvorsitzende von Deutschlands größtem Kreditinstitut auch die Bankenbranche in die Pflicht. „Wir brauchen Banken, die in der Lage sind, diese Mammutaufgabe zu finanzieren, ihre Kunden gegen Risiken abzusichern und sie als verlässliche Partner zu begleiten.“ Dafür sei eine heimische Finanzbranche nötig, die auf eigenen Beinen stehe und sich im globalen Wettbewerb behaupten könne. „Wir dürfen das Feld und den Zugang zu den globalen Kapitalmärkten nicht mehr weitgehend den ausländischen Banken überlassen.“ Das sollten die vergangenen Jahre gelehrt haben. „Wir dürfen in Deutschland der Abhängigkeit von Gas, Rohstoffen und Lieferketten nicht auch noch eine Finanzierungsabhängigkeit folgen lassen.“

          Für die langfristige Stärkung der europäischen Bankenbranche sei eine Konsolidierung notwendig. „Größe zählt im Bankgeschäft – und wenn wir nicht den Amerikanern das Feld überlassen wollen, muss Europa die Voraussetzungen für große Banken schaffen“, sagte Sewing. Die Dominanz der US-Banken sei kein Naturgesetz. Über die Konsolidierung im europäischen Bankensektor wird schon seit vielen Jahren spekuliert. Bankenvertreter weisen immer wieder darauf hin, dass die Aufsicht solche Zusammenschlüsse verhindere,

          Forderung nach verlässlicher Regulierung

          Sewing verknüpfte seine Worte dann auch mit der Forderung nach einer verlässlichen Regulierung, die nicht immer höhere Hürden schafft und mehr Kapital als nötig bindet. Gerade jetzt werde dieses Kapital für die Finanzierung der Wirtschaft gebraucht.

          Darauf angesprochen, ob es nicht vielleicht an der Zeit wäre, die Zügel bei den Banken etwas zu lockern, sagte Mark Branson, der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin): „Es ist absolut die Zeit, vorsichtig zu agieren.“ Es sei „nicht die Zeit zu sagen: Bahn frei für die Banken, sich mit weniger Kapital zu füllen“. Bis jetzt habe es keine Ansteckungen auf dem Bankensektor gegeben. Man agiere aber in einem Umfeld großer Unsicherheiten. Die ge­nauen Risiken der Energiekrise ließen sich aus den Kreditportfolien der Banken noch schwer herauslesen.

          Branson machte aber auch deutlich, dass Banken als Finanzierer der Wirtschaft auch dafür da seien, „Risiken zu nehmen. Banken sind auch dafür da, mal Kreditverluste zu erleiden.“ Geldhäuser müssten so gemanagt werden, dass nicht jeder Kreditausfall ein Desaster sei, sagte Branson.

          Sorgen bereitet dem Bafin-Chef offenbar die Entwicklung auf den Immobilienmärkten. „15 Prozent der Kreditnehmer brauchen mehr als die Hälfte ihres Nettoeinkommens, um ihre Kredite zu bedienen“, sagte Branson. Dieser Trend flache aber langsam wieder ab. Banken in Deutschland hätten zwar im Moment gesunde Kreditbücher und seien grundsätzlich gut kapitalisiert. „Doch Institute sind bei ihren Standards der Kreditver­gabe vorsichtiger geworden.“

          Sewing lenkte in seiner Rede auch den Fokus auf die Abhängigkeiten mit China. „Die zunehmende Abschottung des Landes und die wachsenden Spannungen, insbesondere mit den USA, bergen für Deutschland ein beträchtliches Risiko.“ Mehr als ein Zehntel der Umsätze aller Dax-Konzerne stamme aus China. Wie sehr die Lieferketten an China geknüpft seien, sei spätestens während der Pandemie offensichtlich geworden, „Diese Ab­hängigkeit zu verringern wird einen mindestens ebenso fundamentalen Wandel erfordern wie die Entkoppelung von russischer Energie.“

          Eine Entkopplung von China sei Wunschdenken, sagte Lutz Diederichs, Deutschlandchef von BNP Paribas. „Die Größe des chinesischen Marktes kann man nicht ersetzen.“ Die Abhängigkeit von China betreffe Kernbereiche der deutschen Wirtschaft und sei viel größer als die Abhängigkeit von Russland.

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