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Restrukturierungen : Die Geier wittern wieder Beute

  • Aktualisiert am

Die Beteiligungsgesellschaften richten sich auf schlechtere Zeiten ein. Viele wittern ein gutes Geschäft mit Restrukturierungen und stehen daher mit Sanierungsfonds in den Startlöchern.

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          Nicht nur Franz Müntefering kann kreativ sein, wenn Synonyme für Finanzinvestoren gesucht werden. So war "Heuschrecken" noch einer der niedlichsten Titel, mit denen sich Manager von Beteiligungsfonds im Lauf der Jahre unfreiwillig schmücken mußten. "Barbaren" war gleichfalls eine eher milde Bezeichnung. Denn von "Aussauger" über "Ausbeiner" bis hin zu "Aasgeier" mußten sich die Beteiligungsgesellschaften im In- und Ausland schon derbe Beschimpfungen gefallen lassen.

          In den kommenden Jahren könnte nun wieder die Bezeichnung "Geier" Konjunktur haben. Viele der großen, mit klassischen Unternehmenskäufen erfolgreichen ausländischen Beteiligungsunternehmen bereiten sich derzeit auf schlechtere Zeiten vor und haben dazu Pläne für Sanierungsfonds in der Schublade. "Die Märkte für Restrukturierung ziehen an", sagt Michael Keppel, Senior Director der amerikanischen Restrukturierungsberatung Alvarez & Marsal (A&M). Einer der wesentlichen Gründe für diese Entwicklung sind die ausländischen Beteiligungsfonds (Private Equity) selbst. Angeheizt von den extrem liquiden Fremdfinanzierungsmärkten, laden sie den erworbenen Unternehmen immer mehr Schulden auf. "Die Frage ist, ob diese Unternehmen den Schuldendienst vor dem Hintergrund schrumpfender Märkte leisten können", so Keppel. Denn auf der Kostenseite sei der Spielraum häufig nur noch gering, weil die Hausaufgaben dort schon lange erledigt wurden.

          Beispiel Treofan

          Das hat im vergangenen Jahr beispielsweise der Folienhersteller Treofan zu spüren bekommen. Der amerikanische Finanzinvestor Bain Capital hatte das Unternehmen vor drei Jahren mit einem Partner gekauft. Doch eine Kombination aus Schuldenlast, sinkender Nachfrage und steigenden Rohstoffpreisen stürzte das Unternehmen offenbar in eine schwere Krise. Ein Konsortium um Goldman Sachs kaufte daraufhin die Schulden auf und zwang die Eigentümer zur Abgabe der Mehrheit.

          Neben Investmentbanken wie Goldman Sachs sind es vor allem Hedge-Fonds, die notleidende Kredite kaufen, um sie in Eigenkapital zu tauschen und danach zu versuchen, das Unternehmen zu sanieren. Erfolgreiche Beispiele dafür gibt es schon. Die Drogeriekette Ihr Platz, wo Keppler im Auftrag von Goldman Sachs einen Posten in der Geschäftsführung besetzt hat, ist vor kurzem wieder der Insolvenz entronnen. Doch auch wer nach Mißerfolgen sucht, wird fündig. So ging es im Fall des Bodenbelagsherstellers Rinol schief. Hier waren die Hedge-Fonds Highbridge Zwirn und Morgan Stanley Emerging Markets nicht bereit, weiteres Geld in die Sanierung zu stecken. Das Unternehmen meldete daher vor einigen Tagen Insolvenz an.

          Beteiligungsgesellschaften wildern bei den Hedge-Fonds

          Bislang stürzten sich vor allem Hedge-Fonds und wenige Investmentbanken auf die Sanierungsfälle. Bald schon könnten diese aber durch die Beteiligungsgesellschaften ergänzt werden, die dann sozusagen auf ihren eigenen Mißerfolgen ein neues Geschäftsmodell errichten. Bei der Restrukturierung spiele ein langfristiges Engagement eine wichtige Rolle, denn Unternehmen würden nicht nur durch Kostensenkungen, sondern vor allem durch Wachstum saniert, sagt Keppel. Hier komme Private Equity ins Spiel. "Die Beteiligungsbranche wird sich ausdifferenzieren - auch in Richtung Sanierungsfonds."

          Wie in der Beteiligungsbranche zu hören ist, stehen einige der großen ausländischen Finanzinvestoren bereits in den Startlöchern. "Die spielen quer durch die Bank mit dem Gedanken, Turnaround-Fonds auf die Beine zu stellen. Apax, Carlyle, Blackstone, KKR und einige andere denken darüber nach", sagt ein institutioneller Investor. Einen Vorreiter gibt es bereits. Der zum Wallenberg-Clan gehörende schwedische Private-Equity-Investor EQT hat kürzlich einen 350 Millionen Euro schweren Sanierungsfonds für die Regionen Deutschland, Österreich und Skandinavien ins Leben gerufen. EQT will das Netzwerk von Industriemanagern des Wallenberg-Imperiums nutzen, um diese bei der Sanierung von Unternehmen einzusetzen, die fast insolvent sind oder einfach nur Verluste erwirtschaften. "Die werden für Furore sorgen und Nachahmer finden", meint Keppel.

          Skepsis in der Beteiligungsbranche

          Manch ein Beteiligungsmanager ist da skeptischer. "Es ist schwer vorstellbar, daß sich die Zahl der kranken und schwerkranken Unternehmen sehr stark erhöht", sagt Ralf Huep, Geschäftsführer der amerikanischen Beteiligungsgesellschaft Advent International, die zwar keine Sanierungsfälle, mitunter aber etwas vom Kurs abgekommene Unternehmen erwirbt. Die 350 Millionen Euro von EQT hält er für investierbar, einen riesigen Markt für Sanierungsfälle erwartet er - zumindest auf kurze Sicht - aber nicht. Auch der Manager eines britischen Private-Equity-Fonds hält derartige Strategien nicht für sinnvoll: "Die Hälfte des Geschäfts werden ihnen die aggressiv vorgehenden Hedge-Fonds durch den Kauf der Kredite wegnehmen."

          Trotz einer nahezu unverändert hohen Zahl an Insolvenzen ist die Branche in Deutschland bislang ohnehin überschaubar. Vor allem mittelgroße einheimische Fonds wie Nordwind, Orlando und Capital Management Partners tummeln sich mit unterschiedlichem Erfolg in diesem Marktsegment. Mit dem "Cäsar Special Opportunity Fund" des Managers Axel Haas ist derzeit ein neuer Fonds im Entstehen.

          Spezialisierte ausländische Fonds wie die britische Klesch & Company oder die amerikanische Questor waren hierzulande dagegen nur in Einzelfällen aktiv. Alexander Binz, Geschäftsführer des institutionellen Private-Equity-Investors Blue Capital, glaubt daher, daß sich viele Private-Equity-Fonds weniger auf Sanierungen spezialisieren werden als vielmehr auf sogenannte "Opportunities": günstige Kaufgelegenheiten, die entstehen, weil viele fremdfinanzierte Übernahmen im Gleichschritt mit einer lahmenden Konjunktur in Schwierigkeiten geraten und damit die Preise auf dem Gesamtmarkt nach unten drücken.

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