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Rentenversicherer : Langlebigkeit kostet Versicherer Milliarden

  • Aktualisiert am

Langlebigkeit: Gut für den Einzelnen, schlecht für die Versicherungsbilanz Bild: dpa

Die Prämien für Neukunden steigen um rund zehn Prozent. Die Assekuranz hatte die Steigerungsraten der Lebenserwartung unterschätzt: Neue Sterbetafeln für Rentenversicherer müssen eingeführt werden.

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          Das unerwartet lange Leben ihrer Kunden und die daraus resultierende neue Sterbetafel kosten die deutschen Rentenversicherer mehrere Milliarden Euro. Rund 2,5 Prozent der Deckungssumme der privaten Rentenverträge müßten nachreserviert werden, sagte Kurt Wolfsdorf, Präsident der Deutschen Aktuarvereinigung, bei der Vorstellung der neuen Sterbetafel in Köln. Allerdings hätten einige Gesellschaften schon in den vergangenen Jahren für diesen Zweck Geld zurückgelegt. So hat die Allianz Leben im vergangenen Jahr gut 400 Millionen Euro für diesen Zweck verwendet.

          Bei Neukunden führt die neue Sterbetafel zu einer geschätzten Prämienerhöhung von durchschnittlich rund 10 Prozent. Sie müssen also mehr bezahlen, um die gleiche garantierte Rente zu erhalten wie bisher. Bei älteren Verträgen und solchen, die noch bis Jahresende abgeschlossen werden, bleiben zwar die garantierten Prämien und die garantierten Leistungen unverändert. Die Versicherten müssen aber damit rechnen, daß die höhere Lebenserwartung auf den Überschüssen lastet. Das wird im Alter zu einer geringeren monatlichen Auszahlung als bisher angenommen führen.

          Dynamischer als erwartet

          Der Anlaß für diese Änderungen sei erfreulich, sagte Wolfsdorf. Die Versicherten leben immer länger. Das war schon bei der Einführung der letzten Sterbetafel DAV 1994 R vor zehn Jahren bekannt. Schon damals rechneten die Versicherungsmathematiker damit, daß die Lebenserwartung weiter steigen würde. Doch der Trend ist dynamischer als erwartet.

          Im Jahr 1994 glaubten die Aktuare, daß ein 65jähriger Mann im Jahr 2004 eine durchschnittliche Lebenserwartung von 21 Jahren haben würde. Bis zum Jahr 2040 würde die Lebenserwartung eines 65jährigen - so die damalige Annahme - auf 24 Jahre steigen. Nach der neuen Sterbetafel DAV 2004 R trauen die Aktuare den 65jährigen schon heute 24 zusätzliche Lebensjahre zu. Im Jahr 2040 könnte die Lebenserwartung auf 30 Jahre steigen. Ein dann 65jähriger könnte also auf ein Lebensalter von 95 Jahren hoffen. Die Folge: Das angesparte Geld muß für mehr Jahre als bisher reichen.

          Monatliche Renten niedriger

          Allerdings sind die zugrunde liegenden Annahmen möglicherweise überzeichnet. Sie gehen davon aus, daß sich der bisherige Trend zu einer immer höheren Lebenserwartung ungebremst fortsetzen wird. In Japan und Frankreich habe sich aber gezeigt, daß dort zwar die Lebenserwartung auf hohem Niveau weiter steigt, erläuterte Wolfsdorf. Aber das Tempo habe sich inzwischen deutlich verringert. Wenn die Entwicklung in Deutschland ähnlich verlaufe, werde die Lebenserwartung im Jahr 2040 geringer sein, als es die neue Sterbetafel ausweise. "Wir haben einen Sicherheitspuffer eingebaut", sagte Wolfsdorf.

          Einige Lebensversicherer versuchen trotz der negativen Auswirkungen auf die Rentenhöhe die Sterbetafel als Verkaufsargument zu nutzen. So heißt es beim Marktführer Allianz Leben, wer in diesem Jahr einen Rentenversicherungsvertrag abschließe, könne sich noch die nach der alten Sterbetafel kalkulierten höheren Garantieleistungen sichern.

          Langfristig ist die längere Lebenserwartung der Versicherten aber ein Belastungsfaktor für die Branche. Denn nach dem Wegfall des Steuerprivilegs für neue Kapitallebensversicherungen sollen Rentenverträge zum Verkaufsschlager ausgebaut werden. Schon heute haben sie im Neugeschäft einen Marktanteil von rund 50 Prozent. Künftig müssen sich die Rentenversicherten daran gewöhnen, daß ihre erwarteten monatlichen Renten geringer werden. Sie können sich nur damit trösten, daß sie wachsende Chancen haben, sie viele Jahre zu genießen.

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