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Rentenlücke : Frauen bekommen ein Viertel weniger Rente als Männer

Auch im Alter hoffentlich gut behütet Bild: dpa

Umfassende Analyse zeigt die Bedeutung der frühen eigenen Vorsorge gerade für Frauen auf. Die überraschend große geschlechtsspezifische Lücke kommt zur allgemeinen noch hinzu.

          3 Min.

          Kein Ereignis bleibt folgenlos. Und so kann der Flügelschlag eines Schmetterlings irgendwo auf der Welt an einer ganz anderen Stelle einen Wirbelsturm auslösen. Dies jedenfalls besagt die physikalisch-mathematische Chaostheorie. Ganz einfachen Regeln der Mathematik hingegen folgt die Tatsache, dass die gesetzliche Rente grundsätzlich dann umso höher ausfällt, je mehr man in seinem Berufsleben verdient. Da Frauen vielen Analysen zufolge in der Regel für ähnliche Arbeiten schlechter entlohnt werden als vergleichbare Männer, liegt es auf der Hand, dass sie auch im Alter schlechter gestellt sind.

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Eine umfassende Studie der Universität Mannheim und der niederländischen Tilburg University zeigt nun aber eindrucksvoll die Größe der geschlechterspezifischen Rentenlücke auf. Erstellt wurde sie im Auftrag des Vermögensverwalters Fidelity International. Demnach beträgt der durchschnittlich zu erwartende Unterschied zwischen Frauen und Männern in Deutschland rund 26 Prozent.

          Frauen erhalten also gut ein Viertel weniger an gesetzlicher Rente vom Staat als ihre männlichen Kollegen. In Zahlen bedeutet das: Im Durchschnitt hätte eine Frau, die mit 67 Jahren in den Ruhestand geht, nach derzeitiger Berechnung monatlich 140 Euro weniger Rente als ein Mann.

          Konservativ gerechnet könne man dabei basierend auf aktuellen Schätzungen zur Lebenserwartung von einer durchschnittlichen Rentendauer von 15 Jahren ausgehen, sagte Alexandra Niessen-Ruenzi, Professorin an der Universität Mannheim, am Dienstag anlässlich der Vorstellung der Studie in Frankfurt. Und so fehlten dieser Frau insgesamt 25 000 Euro im Vergleich zu einem Mann. Hinzu komme die allgemeine Versorgungslücke durch die gesetzliche Rentenversicherung, die für beide gleichermaßen gelte, sagte Claudia Barghoorn, Leiterin Privatkundengeschäft von Fidelity International.

          Betriebliche Altersvorsorge noch schlechter

          In der Analyse nicht berücksichtigt seien die betriebliche oder private Altersvorsorge, sagte Niessen-Ruenzi. Hier ergäben sich laut Umfragen mit 65 Prozent oder 36 Prozent noch viel deutlichere Unterschiede. Um die geschlechtsspezifische gesetzliche Rentenlücke zu berechnen, haben Niessen-Ruenzi und Professor Christoph Schneider von der Tilburg University repräsentative Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) für die Jahre 1993 bis 2014 genutzt, und die Rentenansprüche von gut 1,8 Millionen Arbeitnehmern berechnet.

          Ein weiteres Ergebnis der Analyse: Je nach Alter sind Frauen von der geschlechtsspezifischen Rentenlücke („Gender Pension Gap“) verschieden stark betroffen. Bis zum Alter von 35 Jahren gebe es kaum Unterschiede, sagte NiessenRuenzi. Doch von da an öffne sich die Schere, da Männer deutlich mehr Rentenpunkte erwürben als Frauen und so später auch höhere Rentenzahlungen erwarten könnten. In der Gruppe der 36 bis 45 Jahre alten Frauen betrage die Lücke 15 Prozent, für die 46- bis 55-Jährigen seien es sogar 27 Prozent. Der wahrscheinlichste Grund hierfür sei, dass viele Paare in den Dreißigern eine Familie gründeten, sagte Niessen-Ruenzi.

          Da Frauen häufiger als Männer ihre Arbeitszeiten nach der Geburt eines Kindes reduzierten, beginne das geschlechtsspezifische Lohngefälle in dieser Altersgruppe – mit drastischen Folgen für die Finanzen von Frauen und ihre spätere Rente. In der Literatur finde sich der Begriff der Mutterschaftsstrafe („Motherhood Penalty“). Hinzu komme, dass Frauen häufiger Angehörige pflegten und zudem in Gehaltsverhandlungen schlechter abschnitten als männliche Kollegen.

          Selbst kleine Schritte helfen

          Zum Schließen dieser Lücke sei es wichtig, möglichst früh auch in kleinen Schritten mit der eigenen Vorsorge zu beginnen, ergibt die Analyse. Eine 40 Jahre alte Frau zum Beispiel müsste angesichts einer erwarteten Rendite von 3 Prozent, wie sie laut Fondsverband BVI langfristig mit Mischfonds möglich sei, und einer Inflationsrate von 1,5 Prozent jeden Monat 77 Euro zusätzlich zurücklegen, sagte Niessen-Ruenzi. Mit einer erwarteten Rendite von 5 Prozent zum Beispiel für Aktienfonds verringere sich der monatliche Vorsorgebetrag auf 57 Euro. Im Alter von 50 seien es 124 oder 105 Euro. Eine fast 60 Jahre alte Frau könne dagegen selbst fast nichts mehr tun, weil die Zeit und der Zinseszinseffekt fehlten. Wichtig sei es grundsätzlich, zudem in der Finanzberatung mehr auf Frauen einzugehen und möglicherweise auch politisch ihre private Vorsorge stärker zu unterstützen.

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