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Prognosen : Rally an Lateinamerikas Märkten läuft aus

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Lateinamerikas Aktienmärkte stürmten 2006 von Rekord zu Rekord. Doch der Anleiheboom stößt an seine Grenzen. Ecuador wird in der nächsten Woche zur ersten Nervenprobe.

          Lateinamerika hat die Finanzanleger 2006 verwöhnt. Die Aktienmärkte der Region stürmten von Rekord zu Rekord. Peru verzeichnete mit einem Plus von 150 Prozent auf Euro-Basis weltweit die höchsten Kursgewinne. Die wichtigsten Aktienmärkte der Region, Brasilien und Mexiko, lagen in Euro gerechnet um etwa 25 Prozent im Plus. Der MSCI-Aktienindex für Lateinamerika hat sich seit Mitte 2002 auf Euro-Basis mehr als vervierfacht. Auch Anleihen aus Lateinamerika haben 2006 mehr Rendite abgeworfen als Rentenpapiere jeder anderen Region der Welt.

          Vor allem an Lateinamerikas Anleihemärkten wird die Luft jedoch dünner, warnen Anlagestrategen. 2006 haben lateinamerikanische Staatsanleihen zwar im vierten Jahr in Folge zweistellige Erträge auf Dollar-Basis gebracht. Kuponzahlungen und Kursgewinne addierten sich gemäß dem Index EMBI+ von JP Morgan auf einen Gesamtertrag von 12,4 Prozent. Doch so gut werde es im neuen Jahr nicht weitergehen, hieß es in den meisten Prognosen zum Jahreswechsel. Diese Warnungen waren schon vor einem Jahr zu hören. Tatsächlich haben die Latino-Bonds jedoch 2006 nochmals zugelegt. Einsamer Spitzenreiter war Argentinien, dessen Anleihen nur ein Jahr nach der Abwicklung der Rekordstaatspleite rund 50 Prozent abwarfen. Brasilien, größter Schuldner der Region, kam immerhin auf 15 Prozent Gesamtertrag in Dollar. Aufgrund der Dollarschwäche bleibt davon in Euro allerdings nicht viel übrig.

          Belebung der Konjunktur in Brasilien?

          Inzwischen sprechen immer mehr Argumente für eine Abkühlung der Anleihenrally. Die Risikoaufschläge in den Renditen der Latino-Bonds im Vergleich zu sicheren Anlagen sind auf historische Tiefstände abgesunken. Brasilien-Anleihen werfen weniger als 2 Prozent mehr ab als amerikanische Staatsanleihen. Goldman Sachs erwartet für Anlagen in Lateinamerika 2007 nur noch Ertragsraten „im oberen einstelligen Bereich“.

          Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas dürfte 2007 positiv bleiben. Die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika, Cepal, erwartet nur eine leichte Abschwächung des Wirtschaftswachstums von 5,3 Prozent (2006) auf 4,7 Prozent in 2007. In Brasilien, der größten Volkswirtschaft der Region, wird sogar eine leichte Belebung der Konjunktur prognostiziert. Die größten Risiken für eine Fortsetzung des Aufschwung, der in Lateinamerika bereits ins fünfte Jahr geht, liegen nicht in den Ländern selbst, sondern im internationalen Umfeld.

          Die meisten Experten basieren ihre Prognosen auf der Erwartung einer sanften Landung der Konjunktur in Nordamerika, insgesamt stabilen Zinsen in den Industrieländern und einer anhaltend festen Nachfrage nach Rohstoffen, vor allem aus Fernost. Sollten die Rohstoffpreise aber stärker fallen, käme Lateinamerika unter Druck. Denn in vielen Ländern der Region stammt mehr als die Hälfte der Exporterlöse aus Rohstoffen.

          Weiterer Anstieg der Kurse um 20 bis 30 Prozent

          Überschüsse in den Leistungsbilanzen haben die lateinamerikanischen Schwellenländer zuletzt unabhängiger von Kapitalzuflüssen aus dem Ausland gemacht. Von Mexiko bis Argentinien haben die Regierungen die hohen Exporterlöse genutzt, um in hohem Umfang Auslandsschulden vorzeitig zurückzuzahlen. Die verbliebenen Staatsschulden sind stärker lokal finanziert als früher. Zudem haben die Latinos fast die Hälfte ihres Finanzbedarfs für 2007 bereits gedeckt, kalkuliert JP Morgan. Die globalen Wachstumsperspektiven seien darum heute für Lateinamerika wichtiger als die internationale Zinsentwicklung, konstatiert die Bank.

          Eine der besten Anlagen war 2006 der Kauf von BIP-Kupons aus Argentinien, die den Anlegern eine Prämie zahlen, wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes besonders stark wächst. Da Argentiniens Wirtschaft im vierten Jahr in Folge um rund 9 Prozent expandierte, haben diese Papiere 2006 in Euro einen Gewinn von rund 180 Prozent abgeworfen. Für 2007 erwarten Analysten aufgrund der Wachstumsprognosen einen weiteren Anstieg der Kurse um 20 bis 30 Prozent. Zu den wenigen Fachleuten, die früh auf eine rasche Erholung Argentiniens und auf eine starke Aufwertung der BIP-Papiere gesetzt hatten, zählt Walter Molano von der auf Lateinamerika spezialisierten Investmentbank BCP Securities.

          „Achten Sie auf die Details“

          Auch für 2007 setzt Molano auf Argentinien. 2006 hätten Anlagen in dem Land noch als exotisch gegolten. Nun würden immer mehr Anleger zurückkehren. Zu Molanos Favoriten zählen auch Brasilien und Peru, weil diese schon 2007, spätestens jedoch 2008 von den Ratingagenturen als anlagewürdig (Investment Grade) eingestuft werden dürften, lautet Molanos Einschätzung.

          Die Suche nach guten Anlagemöglichkeiten in Lateinamerika wird schwieriger. „Vergessen Sie das Gesamtbild, achten Sie auf die Details“, raten die Experten von Santander Investment. Die Citigroup sieht Chancen in exotischen Anlagen wie paraguayischen Staatspapieren in lokaler Währung, für die es aber praktisch keinen Sekundärmarkt gibt. Die Risiken für Unfälle nähmen jedoch zu, warnt Alberto Ades von Citigroup.

          Unangenehme Überraschungen könne es vor allem in Argentinien oder Venezuela geben. Zu einer ersten Nervenprobe am Anleihemarkt wird in den nächsten Wochen Ecuador, wo der neu gewählte Präsident Rafael Correa eine Restrukturierung der Staatsschulden angekündigt hat und eine Nachahmung des argentinischen Beispiels von 2002 ausdrücklich nicht ausschließen will.

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