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Vor Powell-Rede : Die Fed prüft neue Inflationsstrategien

Jerome Powell während einer Anhörung Bild: Reuters

Amerikas Notenbankchef wird heute in einer mit Spannung erwarteten Rede auf grundlegende Leitlinien der Geldpolitik eingehen. Ökonomen und Anleger werden vor allem darauf achten, wie sich Jerome Powell künftig den Kampf um stabile Preise vorstellt.

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          Seit 1982 fand das wichtigste geldpolitische Symposium in der Jackson Lake Lodge im Grand Teton National Park am Rande des Jackson Hole statt. Doch die Pandemie verdirbt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die schönsten Konferenzen. Der Hotelkomplex ist geschlossen. Die Veranstaltung wandert dieses Jahr ins Netz. Der Aufmerksamkeit tut das keinen Abbruch. Sie widmet sich einer Grundsatzrede des Chefs der Federal Reserve, Jerome Powell. Er wird nach allgemeiner Erwartung eine neue Inflationsstrategie verkünden.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Im November 2018, als Amerikas Volkswirtschaft noch brummte, kündigte die Federal Reserve an, sie würde eine umfassende Untersuchung des geldpolitischen Instrumentariums vornehmen und seiner Wirksamkeit im Hinblick auf die Ziele, die der amerikanische Kongress der Fed vorgibt: Preisstabilität und maximale Beschäftigung.

          Darbende Volkswirtschaft

          Die Zentralbanker begründeten die Revision mit der Erkenntnis, dass sich die amerikanische Volkswirtschaft in einer Weise gewandelt hat, die die Wirksamkeit der klassischen Instrumente der Geldpolitik in Frage stellt. So habe sich der sogenannte neutrale Zinssatz in Amerika und dem Rest der Welt nach unten bewegt. Das ist das Zinsniveau, bei dem die Geldpolitik die Wirtschaftsaktivität weder stimuliert noch bremst und die Inflation im Zaum hält. Wenn das Niveau aber zu nahe an die Null heranrückt, könnte das die Fähigkeit der Fed beschränken, durch Leitzinssenkungen eine darbende Volkswirtschaft zu befeuern.

          Weil selbst zehn Jahre nach der Finanzkrise wenig darauf hindeutet, dass der natürliche Zinssatz wieder nach oben klettert, greifen die Fed und die Zentralbanken in anderen Ländern notgedrungen zu unkonventionellen Mitteln der Geldpolitik, etwa dem Anleihekauf, der sich nach und nach zu einer konventionellen Geldpolitik mausert. In der Pandemiekrise kommen noch Ausleihprogramme hinzu, um Finanz- und Kreditmärkte, Unternehmen und lokale Regierungen mit Liquidität über Wasser zu halten.

          Jenseits vom Krisenmanagement richtet sich das Augenmerk der Fachleute auf das eingebürgerte Inflationsziel der Fed in Höhe von 2 Prozent. In den vergangenen Jahren hat die Fed mit schöner Regelmäßigkeit ihr Ziel knapp verfehlt, sagt David Wilcox, Senior Fellow am Peterson Institute und langjähriger Mitarbeiter der Fed. Das wirft die Frage auf, ob sie zu wenig für die Stimulierung der Volkswirtschaft getan hat aus übertriebener Angst vor Inflation. Könnte am Ende Präsident Donald Trump recht gehabt haben, als er vor allem 2019 die Fed wegen ihrer zurückhaltenden Geldpolitik geißelte?

          Negativer Leitzins kommt nicht in Frage

          Die größten Spezialisten für Geldpolitik kamen vergangenes Jahr in Chicago zur Fed-Konferenz zusammen, um ihre Forschung über die Wirksamkeit von neuen Instrumenten der Geldpolitik zu diskutieren. Eine Erkenntnis habe Powell bei nahezu jeder Pressekonferenz klargemacht, sagt Wilcox. Ein negativer Leitzins komme für den Fed-Chef nicht in Frage, eine Abkehr vom Inflationsziel in Höhe von 2 Prozent ebenso wenig.

          Doch in Chicago wurde ein Instrument ins Gespräch gebracht, das einerseits das Inflationsziel berücksichtigt, aber gleichzeitig ein Überschießen über einen längeren Zeitraum gestattet. Es handelt sich um das „average inflation targeting“, dessen Vorzüge vom einflussreichen schwedischen Forscher Lars Svensson herausgestellt werden. In der Praxis würde ein solches Ziel der Fed erlauben, die Inflation über einige Jahre höher als 2 Prozent laufen zu lassen, wenn in den Jahren davor die Inflation niedriger war, wie es aktuell der Fall ist. Wilcox vermutet, dass die Fed sich für diese Idee erwärmen könnte, wenn auch nicht in Form einer mathematischen Regel. Umso mehr sei die Fed dann gezwungen, durch klare Kommunikation die Erwartungen der Finanzmärkte zu managen.

          Der langjährige Fed-Insider Wilcox hält es zudem für möglich, dass Powell am Donnerstag Hinweise zum zweiten Ziel der Fed gibt: der Maximierung der Beschäftigung. In einer Reihe von Konferenzen unter dem Titel „Die Fed hört zu“ haben die Zentralbanker gelernt, dass ein heiß gelaufener Arbeitsmarkt besonders positive Auswirkungen auf die in Amerika wirtschaftlich abgehängten Minderheiten hatte und damit einen Beitrag gegen die Ungleichheit leistete. Auch diese Erkenntnis deutet darauf hin, dass die Fed eine Lockerung der Geldpolitik ins Auge fasst.

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