https://www.faz.net/aktuell/finanzen/porsches-einsamer-boersengang-deutscher-kapitalmarkt-18328258.html

Deutscher Kapitalmarkt : Der einsame Börsengang

Porsches Börsengang war schon lang der einzig sichere Kandidat am Markt. Bild: AFP

Porsche setzt zum Paukenschlag an in einem Markt, auf dem es sonst so still wie selten ist. Nur ein Unternehmen wagte sich in diesem Jahr bisher aufs Parkett.

          4 Min.

          Wenn der Sportwagenhersteller Porsche wie geplant am 29. September aufs Parkett geht, reißt er die Bilanz eines ansonsten extrem schwachen Jahres für Börsengänge nach oben. Bisher brachte das Jahr in Deutschland gerade einen Börsengang hervor – was es nach aktueller Erhebung des Datendienstleisters Refinitiv in diesem Jahrhundert im entsprechenden Zeitraum erst einmal gab, nämlich 2003. Die Frage ist nun, ob Porsche noch als „Eisbrecher“ dient: als Börsengang, der anderen Kandidaten Mut macht.

          Klaus Max Smolka
          Redakteur in der Wirtschaft.

          2022 hatte zunächst eine ganze Reihe von Börsengängen erwarten lassen. Doch der Ukrainekrieg und seine Folgen machten jäh Hoffnungen zunichte. Die hohe Inflation und dabei vor allem extreme Energiepreise lasten auf der Stimmung, Investoren befürchten eine wirtschaftliche Krise in Europa. Viele Pläne sind in den Wartestand geschoben. Der Finanzinvestor Permira vergab dem Vernehmen nach Anfang des Jahres Mandate für einen Börsengang oder Verkauf des Online-Modehändlers Best Secret (vormals Schustermann & Borenstein). Das Datingportal Parship, die Medizintechnikfirma Ottobock, der Porenbetonhersteller Xella und andere waren für einen Gang aufs Parkett vorgesehen. Lange wurde noch auf das zweite Halbjahr gehofft, aber die Katas­trophe in der Ukraine besteht unverändert, und die wirtschaftliche Stimmung hat sich noch verschlechtert.

          Wer schließlich doch noch an die Frankfurter Börse ging, war die digitale Immobilien-Investmentplattform Engel & Völkers Digital Invest – indes mit einem bescheidenen Volumen, nämlich 6,7 Millionen Dollar, wie Refinitiv auf Basis der US-Währung vorrechnet, welche die Grundlage für die globalen Kapitalmarktstatistiken bildet. Abgesehen von Porsche, so zeichnet sich ab, wird 2022 ein verlorenes Jahr für die Initial Public Offerings (IPO).

          Porsche galt über die Monate hinweg als relativ sicherster Kandidat: Wenn ein größeres Projekt stattfinde, dann dieses, hieß es schon im Frühling und Sommer, als der Mix der globalen Krisen das Umfeld eingetrübt hatte. Auf Platz zwei in dieser Wahrscheinlichkeitstabelle: Nucera, die Wasserstoff-Tochtergesellschaft von Thyssenkrupp. Das Vorhaben war für den Sommer geplant, der Stahlkonzern verschob es dann im Juni. Porsche könnte nun einerseits die besagte „Eisbrecher“-Funktion haben. Am Wochenende beurteilten Frankfurter Investmentbanker andererseits die Chance für Nucera unverändert skeptisch – obwohl dem Unternehmen das begehrte ESG-Etikett anhängt: Es erfüllt also die zunehmend von Investoren geforderten Nachhaltigkeitskriterien ESG (Environmental/Um­welt, Social/Soziales, Governance/Unternehmensführung), namentlich das „E“. Aber die unsichere Stimmung bleibt. Und ein Investmentbanker weist auf den Jahresend-Effekt für Portfoliomanager hin: Zum Ende des Jahres hin frage ein solcher sich angesichts des unsicheren Marktumfelds: „Nehme ich mir so spät noch ein Risiko ins Portfolio, das mir die Jahres-Performance verdirbt?“ Am Porsche-IPO mit seiner Größe komme man nicht vorbei, „da muss man dabei sein“, aber bei einem kleineren IPO sei das ein ernstzunehmender Faktor.

          Deutsche Bank nur noch mit Nebenrolle

          Die Börsengänge sind bedeutsam für die Ranglisten, die im Investmentbanking den Ruf der einzelnen Häuser mitbestimmen. Globale Koordinatoren im Fall Porsche sind Bank of America, Citigroup, Goldman Sachs und JP Morgan; Goldman war dem Vernehmen nach dabei als Erster in die Überlegungen involviert gewesen. Volkswagen überraschte in der Wahl dieser federführenden Häuser, indem die Deutsche Bank außen vor blieb. Auch dass Morgan Stanley nicht dabei ist, fällt auf. Beim Börsengang von Traton hatte VW die Deutsche Bank noch in der führenden Bankenriege berücksichtigt. Jetzt bleibt ihr – ebenso wie Morgan Stanley – eine Nebenrolle neben einer Reihe anderer Institute. Dabei hatte sich in die Bewerbung um den Porsche-Plan dem Vernehmen nach Vorstandschef Christian Sewing persönlich eingeschaltet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Geht’s voran?

          Hohe Hauspreise : Wohnen müsste nicht so teuer sein

          Die Zinsen steigen, doch die Immobilienpreise bleiben hoch. Dieses Jahr zeigt: Nicht die Spekulation ist schuld, sondern übertriebene Regeln.
          Freundschaft mit Höhen und Tiefen: Französischer Präsident Macron, deutscher Kanzler Scholz

          Deutschland und Frankreich : Macrons Druck wirkt

          Der Vorwurf des französischen Präsidenten, dass Deutschland sich in Europa isoliere, mag provokant sein. Aber wieder stößt er damit notwendige Veränderungen an.
          Eine Kryptowährung gerät ins Wanken: Bitcoin-Tokens unter Wasser

          Nach dem Kursrutsch : Warum der Bitcoin weiter fallen wird

          Es wäre verwegen, vom Bitcoin bald einen Anstieg zu erwarten. Niveaus im mittleren vierstelligen Bereich sind alles andere als ausgeschlossen. Wer ganz am Anfang dabei war, den wird das wenig schmerzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.