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Technologieunternehmen : Attacke auf die Gratiskantinen

Eine sogenannte Mikro-Kitchen in der Google-Zentrale in Hamburg. Bild: dpa

Technologiekonzerne wie Google und Facebook verwöhnen ihre Mitarbeiter mit kostenlosem Gourmetessen. Das wollen einige amerikanische Politiker jetzt verbieten.

          Amerikanische Technologieunternehmen wie Google und Facebook sind beliebte Arbeitgeber. Das hängt nicht zuletzt mit den vielen Annehmlichkeiten zusammen, in deren Genuss ihre Beschäftigten kommen. Die Palette reicht von Fitnessstudios über kostenlose Krankenversicherung bis hin zur Übernahme von Gebühren für Adoptionen. Facebook und andere Unternehmen sorgten vor einigen Jahren für Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass sie ihren Mitarbeiterinnen Kosten für das Einfrieren von Eizellen („Social Freezing“) bezahlen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Am berühmtesten sind aber wohl die Gratiskantinen, mit denen die Mitarbeiter verwöhnt werden. Es ist vor allem Google zu verdanken, dass dies mittlerweile fast zum Standard in der Technologiebranche geworden ist. Google hat allein an seinem Hauptsitz in Mountain View gut 50 Kilometer südöstlich von San Francisco mehr als 30 Kantinen, darunter das riesige „Charlie’s Cafe“, das nach dem ersten Koch Charlie Ayers benannt ist. Ayers war Mitarbeiter Nummer 53 von Google, und er kam zu Berühmtheit, weil er mit Aktienoptionen des Unternehmens angeblich 26 Millionen Dollar verdient hat.

          Nicht nur gratis sondern auch exzellent

          Das Essen in den Kantinen bei Google und auch anderswo ist nicht nur gratis, sondern gilt auch als exzellent und bedient die unterschiedlichsten Geschmäcker. Nicht umsonst kursiert bei Google der Begriff „Google 15“ – für die 15 Pfund, die neue Mitarbeiter angeblich im Schnitt an Körpergewicht zulegen. Die Gourmetkantinen und auch andere Annehmlichkeiten sind einerseits ein Mittel, um im Kampf um die qualifiziertesten Kräfte als attraktiver Arbeitgeber dazustehen. Daneben kann die Rundumverpflegung freilich auch den aus Sicht von Unternehmen wohl nicht ganz unerwünschten Effekt haben, dass die Beschäftigten mehr Zeit an ihrem Arbeitsplatz verbringen.

          Nun aber regt sich Widerstand gegen die Gratiskantinen. Zwei Politiker in San Francisco haben einen Gesetzentwurf vorgelegt, der in neuen Bürogebäuden der Stadt das Betreiben kostenloser Kantinen verbieten würde. Die Politiker wollen damit erreichen, dass Mitarbeiter zum Essen ihren Arbeitsplatz verlassen und Geld in der umliegenden Gastronomie ausgeben. Dazu besteht im Moment kein Anreiz, wenn sie sich in ihren Büros ganz umsonst verpflegen können. Aaron Peskin, einer der Autoren des Gesetzentwurfs, sagte der „New York Times“, Unternehmen hätten sich „isoliert“ und „abgeschottet“, und ihm gehe es darum, sie stärker in ihr lokales Umfeld zu integrieren.

          Als Negativbeispiel sieht Peskin den Stadtteil „Mid-Market“, ein einst desolates Viertel, das die Stadt vor einigen Jahren beleben wollte, indem sie Unternehmen mit Steuererleichterungen anlockte. Tatsächlich siedelten sich prominente Vertreter der Technologiebranche wie Twitter und Uber hier an. Aber der erwünschte positive Effekt auf das Viertel blieb aus. Obwohl nun plötzlich viele gut bezahlte Berufstätige in der Gegend waren, blieben Restaurants spärlich besucht, einige von ihnen haben wieder geschlossen. Ihnen fiel es schwer, mit dem kostenlosen Kantinenessen zu konkurrieren.

          Initiativen gegen Gratiskantinen

          Der Gesetzentwurf würde die existierenden Büros von Twitter oder Uber nicht treffen, er soll lediglich für neue Büroflächen gelten. Unternehmen würde damit auch nicht ganz verboten werden, Kantinen zu betreiben, sie müssten aber von ihren Mitarbeitern dann Geld für das Essen verlangen. Der Effekt der Gratiskantinen auf die Gastronomie dürfte in San Francisco größer sein als in den Vororten im Silicon Valley, also etwa im Google-Heimatort Mountain View. Aber auch hier macht sich Opposition gegen Gratisverpflegung breit. In einem neuen Bürokomplex in Mountain View, in dem Facebook demnächst eine Niederlassung eröffnen will, ist es Unternehmen verboten, kostenlose Kantinen zu betreiben.

          Es gibt Unternehmen, die das Problem selbst erkannt haben. Der Bezahldienst Square etwa, der wie Twitter in Mid-Market sitzt und auch den gleichen Vorstandsvorsitzenden hat, schließt seine Kantine an jedem zweiten Freitag und gibt Mitarbeitern Gutscheine, die sie in der benachbarten Gastronomie einlösen können. Restaurantbetreiber haben berichtet, dies habe einen spürbaren Schub für das Geschäft gebracht.

          Der Online-Händler Amazon, ein für seine Sparsamkeit berühmtes Unternehmen, subventioniert sein Kantinenessen in seiner Heimatstadt Seattle nicht. Er sagt aber, er tue dies nicht aus Kostengründen, sondern um seine Mitarbeiter zu animieren, ihre Essenspausen außerhalb der Büros zu verbringen und damit die lokale Gastronomie zu unterstützen. Genau das wird vom Unternehmen auch als Grund genannt, warum seine Kantinen vergleichsweise klein sind.

          Die Initiativen gegen Gratiskantinen fügen sich in eine breitere Diskussion über den Effekt, den gerade Technologieunternehmen auf das Umfeld haben, in dem sie sich ansiedeln. Der Erfolg der Branche hat auch die Lebenshaltungskosten und dabei insbesondere Mieten und Häuserpreise in San Francisco und seinen Vororten dramatisch anschwellen lassen. Die Gegend zählt zu den teuersten in den Vereinigten Staaten.

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