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Die Pokemon-Dämmerung : War’s das mit dem Nintendo-Aktienhype?

  • -Aktualisiert am

Die „Pokémon“-Monster haben in den vergangenen Wochen nicht nur die Fans verrückt gemacht. Bild: AFP

Die Nintendo-Aktie verliert an einem einzigen Tag wie seit knapp 26 Jahren nicht mehr. Ihr Kursverlauf wirft Fragen auf.

          Verrückte Welt (nicht nur) in Japan. Die Euphorie über das Handy-Spiel „Pokemon Go“ hatte zuletzt vor nichts Halt gemacht. Weder an der Börse und erst Recht nicht bei den Fans der kleinen Monster. Man konnte meinen, die Welt besteht seit zwei Wochen nur noch aus „Pokémon“-Monster. Erst am Freitag war das Spiel  im Geburtsland der „Pokémon“-Monster von Nintendo an den Start gegangen. Zuvor war die App bereits in gut 30 anderen Ländern veröffentlicht worden und hatte einen Ansturm sowie an einzelnen Stellen auch Sicherheitsbedenken ausgelöst.

          Denn auf der Jagd nach den Figuren sind die Spieler dabei häufig so in das Spiel vertieft, dass mancher von seinem Umfeld kaum etwas wahrnimmt. Angesichts von Berichten aus dem Ausland, wo es bereits mehrere Unfälle mit unaufmerksamen „Pokémon“-Spielern gab, startete die japanische Regierung kurz vor der Veröffentlichung eine Kampagne, um die Bevölkerung zu erhöhter Vorsicht und gutem Benehmen aufzurufen. „Wenn man sich ansieht, was in Übersee passiert ist, sollten die Leute ihre Smartphones sicher benutzen“, sagte Regierungssprecher Yoshihide Suga.

          In der Hauptstadt Tokio rief die besorgte Polizei die Bürger auf, ihre Smartphones nicht beim Gehen zu nutzen. Auch Japans Bahngesellschaften forderten die Zuggäste eindringlich auf, die App nicht zu benutzen, während sie auf dem Bahnsteig auf einen Zug warten. Generell solle niemand Smartphones benutzen, während er auf dem Bahnsteig gehe, das habe man immer wieder erklärt.

          Dieser Hype der Smartphone-Spieler hatte sich in den beiden vergangenen Wochen auch auf die Börse übertragen. Am Montag folgte nun auf dem Parkett die Ernüchterung. Der Kurs der Nintendo-Aktie brach in Tokio um zweitweise mehr als 18 Prozent ein.

          NINTENDO CO. LTD

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          Zuvor hatte dieser sich seit dem Start des Spiels vor knapp drei Wochen mehr als verdoppelt. Am Freitag nach Börsenschluss hatte sich jedoch der japanische Konzern als echter Spielverderber für alle Anleger erwiesen: Er teilte unverhofft mit, er rechne durch „Pokemon Go“ nur mit einem begrenzten Einfluss auf den Gewinn und halte daher an seiner Prognose fest. Ein ganz fester Tritt auf die Euphoriebremse der Börsianer.  Angesichts der in vielen Ländern zu beobachtenden Euphorie von Computerspielinteressierten hatten sich Anleger offenbar mehr erwartet. Experten hatten allerdings bereits zuvor gewarnt, dass die eigentlichen Profiteure von „Pokemon Go“ andere seien.

          Das Argument für den Kauf von Nintendo-Aktien war einfach

          Was in den beiden Wochen wohl bei vielen Anlegern nicht verstanden wurde: Nintendo ist bei „Pokémon Go“ nur ein Kooperationspartner. Das Spiel wird von der Games-Firma Niantic Labs und der Nintendo-Beteiligung The Pokémon Company produziert. Allerdings wird der japanische Spiele-Spezialist nach wie vor fest mit dem Spiel verbunden, weil es bisher nur auf seinen Geräten spielbar war. Nintendo schwächelte zuletzt, weil die Verkäufe seiner Konsolen zurückgingen. Entsprechend hatte die Aktie auch kein Anleger bis vor gut drei Wochen ernsthaft auf der persönlichen Watchlist. Seitens der Analysten war die Aktie ebenfalls in den vergangenen Jahren – zumindest im Euro-Raum – kaum besprochen und analysiert worden. Warum auch, das Papier war eine der japanischen Aktien, die mehr oder weniger in der Versenkung waren.

          Noch Ende Februar hatte der Spielespezialist überraschend seine Gewinnprognose für das auslaufende Geschäftsjahr halbiert. Der Anbieter der Wii-U-Konsole rechnete damals zwar noch mit schwarzen Zahlen von 17 Milliarden Yen (136 Millionen Euro), doch gut drei Wochen vorher hatte man für das noch bis Ende März laufende Geschäftsjahr die bisherige Gewinnprognose von 35 Milliarden Yen bestätigt. Die Aktie plätscherte in der Folge weiter vor sich hin, wie schon in den vergangenen Jahren. Die Rendite war für Investoren sehr überschaubar.  Auf Sicht der vergangenen zehn Jahren hatte die Aktie zuletzt ein Plus von etwas mehr als 51 Prozent erzielt. Hier ist jedoch schon der wahnwitzige Hype der letzten Wochen mit der Verdoppelung der Kurse eingerechnet. Aber davon wollte augenscheinlich das Gros der Anleger nichts wissen.

          Bilanzen anschauen? Langfristiger Kursverlauf? Das Internet gibt einem als Investor eigentlich genügend Möglichkeiten, sich über solide Investments zu informieren. Doch bei Nintendo ging eine Welle wieder über das Parkett, auf der jeder mitsurfen wollte. Das Argument für den Kauf von Nintendo-Aktien, das die Runde machte, war ganz einfach und simpel: Der Erfolg von „Pokémon Go“ sei eine Chance, weil es zeige, dass Nintendos Figuren auch auf Smartphones funktionieren. Zugleich könnte das Phänomen sich positiv auf das bisherige Kerngeschäft mit Konsolen auswirken, so die Einschätzung vielerorts im Markt. Völlig irrational. Einen (vorläufigen) Höhepunkt dieser Irrationalität der Anleger sah man dann zum Wochenauftakt:

          War es das nun mit der Aktie?

          Nicht nur Nintendo-Aktien brachen ein. Die Kurse anderer Unternehmen aus dem Umfeld des Spiels gerieten ebenso kräftig unter Druck.  So rutschten Imagica Robot, ein Anbieter von „Pokemon“-Cartoons, um 23 Prozent ab. Auch McDonald's Japan kam kräftig ins Wanken. Der Kurssturz von Nintendo hat McDonalds Japan den größten Tagesverlust seit 15 Jahren eingebrockt. Die Aktien der Schnellrestaurant-Kette fielen am Montag an der Börse Tokio um knapp 12 Prozent. Nun fragt man sich an der Stelle vielleicht, was hat der Aktienkurs einer Fast-Food-Kette mit kleinen in der Welt rumlaufenden Monstern zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Auf den zweiten wird dann die Irrationalität der Anleger deutlicher: Vergangene Woche hatte McDonalds Japan bekanntgegeben, dass „Pokemon Go“-Spieler in seinen 3000 Filialen um die kleinen Fantasiefiguren kämpfen können. Das Handy-Game wechselt zwischen der echten und der virtuellen Welt. Der Spieler muss dabei verschiedene Arten von Figuren einfangen, die bereits vor 20 Jahren mit einer Serie von Videospielen bekannt wurden.

          Anleger, die letzte Woche noch auf den Nintendo-Aktienzug gesprungen sind, werden jetzt erst einmal unsicher sein. War es das nun mit der Aktie? Ein bisschen Schützenhilfe gibt es seitens der Analystenzunft. David Gibson von der Bank Macquarie bezeichnet den aktuellen Kurssturz als überzogen. Er verwies auf die Download-Rekorde. Allein in Japan hätten binnen eines Tages zehn Millionen Nutzer das Spiel auf ihren Smartphones installiert. „Wegen dieses Trends wird „Pokemon Go“ einen erheblichen Einfluss auf die Einnahmen des Unternehmens haben." Manche Börsianer erwarten durch zahlungspflichtige Erweiterungen des Spiels einen Gewinnschub von umgerechnet 400 Millionen Euro für Nintendo.

          Aber nicht jeder: „Es war stets recht offensichtlich, dass die Einnahmen für Nintendo diesen Kursanstieg nicht rechtfertigen", betont beispielsweise Analyst Neil Wilson vom Brokerhaus ETX Capital. „Die Tatsache, dass das Unternehmen dies nun bestätigt hat, sollte niemanden schockieren."  Nimmt man die nüchterne Charttechnik hinzu, kann eines festgehalten werden: Die für viele Langfrist-Anleger als guter Trendindikator hinzugezogene 200-Tage-Linie wurde am 8. Juli nach oben durchkreuzt und verfügt derzeit über einen Abstand von über 50 Prozent. Das ist ein Wert, der klar signalisiert, dass die Aktie überkauft zu sein scheint - allen neuen 5-Jahres-Hochs in den vergangenen Tagen zum Trotz.

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