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Pflegeversicherung : Die verdrängte Angst vor der Hilflosigkeit

  • Aktualisiert am

Pflege ist nicht umsonst zu haben Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Jeder Dritte pflegebedürftige Heimbewohner ist auf den Staat angewiesen. Das finanzielle Risiko für Patienten und Angehörige ist erheblich. Dennoch schließen nur wenige eine Zusatzversicherung ab. Mit F.A.Z.-Tabellen.

          3 Min.

          Die staatlich organisierte Pflegeversicherung reicht vorn und hinten nicht. Sie ist unterfinanziert und ohnehin nur als „Teilkaskoversicherung“ gedacht, kommt also nur für einen Teil der Pflegekosten auf. Den Rest müssen der Betroffene oder seine Angehörigen selbst tragen.

          Reicht das Geld nicht, springt zunächst das Sozialamt ein, hält sich aber anschließend beim Ehepartner oder den Kindern schadlos. Doch trotz dieser finanziellen Risiken hat in Deutschland nur einer von hundert eine zusätzliche Pflegeversicherung abgeschlossen.

          Bund der Versicherten empfiehlt frühen Abschluß

          Das gilt selbst für Profis wie Oliver Aitcheson, der als Justitiar des Verbandes Deutscher Alten- und Behindertenhilfe den Alltag der Pflege kennt. „Ich weiß zwar von dem Risiko, aber für mich selbst ist das Thema noch nicht so präsent. Ich sorge mit anderen Mitteln für das Alter vor“, sagt er. Außerdem wolle er abwarten, wie sich das staatliche Sicherungssystem entwickele.

          Aitcheson sucht aber für seine Mutter, die 69 Jahre alt ist, eine Pflegezusatzversicherung. Die beiden sind spät dran, denn bei vielen privaten Versicherern ist eine Aufnahme mit 60, spätestens aber mit 70 Jahren nicht mehr möglich. Der Bund der Versicherten (BdV) empfiehlt deshalb einen frühzeitigen Abschluß. „Sonst kann es geschehen, daß man wegen einer Krankheit gar keinen Zusatzertrag mehr erhält“, sagt BdV-Geschäftsführerin Lilo Blunck. Wer erst spät eine Police abschließe, müsse zudem mit mehreren hundert Euro Prämie pro Monat rechnen.

          Pflegekassen wirtschaften seit 1999 defizitär

          Die gesetzlich vorgeschriebene Pflegepflichtversicherung gibt es seit 1995. Jeder, egal ob Rentner, Arbeitnehmer oder Selbständiger, muß einzahlen. Wer eine private Krankenversicherung hat, wird von dieser - für eine zusätzliche, individuelle Prämie - auch gegen das Pflegerisiko versichert. Die Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen zahlen - gemeinsam mit dem Arbeitgeber - einen Beitragssatz von 1,7 Prozent des Bruttoeinkommens.

          Durch die Bemessungsgrenze ist der monatliche Beitrag in Westdeutschland auf rund 60 Euro begrenzt. Kinderlose zahlen bis zu 69,47 Euro. Doch selbst diese Summen reichen nicht. Zum einen ist die Pflichtversicherung als Grundsicherung gedacht und erstattet nur einen Teil der Kosten. Zum anderen wirtschaften die Pflegekassen seit 1999 defizitär, obwohl sie wegen der Alterung der Bevölkerung eigentlich Rücklagen aufbauen sollten. Das hat dazu geführt, daß Leistungen gekürzt wurden. Nach Angaben des Verbandes der Privaten Krankenversicherer ist in den vergangenen zehn Jahren der reale Wert der Pflegeleistungen um 13 Prozent gefallen.

          Pflichtversicherung deckt die Kosten nicht

          Wieviel das maximal ist, hängt von der Pflegebedürftigkeit ab. Als „erheblich pflegebedürftig“ gilt, wer mindestens 90 Minuten Hilfe am Tag braucht. Das entspricht der Pflegestufe I. Der Stufe II wird zugeordnet, wer „schwer pflegebedürftig“ ist und täglich mehr als drei Stunden Hilfe braucht. In Pflegestufe III sind „schwerst pflegebedürftige“ Patienten, die mehr als fünf Stunden am Tag betreut werden müssen.

          Ist ein Patient in einem Pflegeheim untergebracht, erstatten Kasse oder private Pflichtversicherung je nach Pflegestufe bis zu 1.023 Euro (I) , bis zu 1.279 Euro (II) beziehungsweise bis zu 1.432 Euro (III). Das reicht nicht: Das Statistische Bundesamt hat zum Beispiel für die dritte Stufe durchschnittliche Pflegeheimkosten von rund 2.675 Euro pro Monat ermittelt. Hinzu kommen nach Angaben des VDAB noch einmal „Investitionskosten“, die je nach Anbieter zwischen 150 und 450 Euro liegen können. Bei der Pflege zu Hause hängen die Kosten vom Engagement und den Fähigkeiten der Angehörigen ab.

          Jeder Dritte pflegebedürftige Heimbewohner auf Sozialhilfe angewiesen

          Für Patienten, Angehörige oder das Sozialamt können - egal, ob bei der Pflege zu Hause oder im Heim - leicht ungedeckte Restkosten von weit mehr als 1.000 Euro pro Monat entstehen Da ist es kein Wunder, daß etwa ein Drittel der pflegebedürftigen Heimbewohner auf die Sozialhilfe angewiesen ist. Das finanzielle Risiko für Patienten und Angehörige ist erheblich. Denn VDAB-Justitiar Aitcheson schätzt, daß die Pflegebedürftigkeit im Durchschnitt zwischen fünf und acht Jahre dauert, meist bis zum Tod der Patienten.

          Zwar sind nur etwa 14 Prozent der gut zwei Millionen Pflegepatienten in Deutschland schwerstpflegebedürftig (Stufe III), hingegen etwa die Hälfte der Patienten lediglich „erheblich“ pflegebedürftig (Stufe I). Aber wegen der langen Dauer der Pflege kann auch ein geringerer Grad der Hilfsbedürftigkeit zu großen finanziellen Belastungen führen.

          Private Zusatzversicherungen

          Das Risiko, daß die Pflege mehr kostet, als die Pflichtversicherung zahlt, können Verbraucher bei privaten Krankenversicherern abdecken. Die Zusatzversicherungen gibt es in drei Varianten. Von Pflegerentenversicherungen raten Verbraucherschützer dringend ab, weil die Policen einen Sparvertrag mit der eigentlich angestrebten Deckung kombinieren und deshalb sehr teuer sind. Pflegekostenversicherungen sind zu relativ geringen Prämien zu haben. Ein 40 Jahre alter Mann zahlt pro Monat bei einigen Anbietern rund 6 Euro. Solche Policen stehen für die Aufwendungen gerade, die über den Maximalbetrag der Pflichtversicherung hinausgehen. Sie sind aber mit dem Nachteil verbunden, daß der Versicherer nur für die nachgewiesenen Kosten aufkommt. Das ist mit Papierkrieg verbunden, und es kann zum Beispiel ein Blumenstrauß oder ein Taschengeld für die helfenden Nachbarn nicht abgerechnet werden. Pflegen die Angehörigen zu Hause, fließt bei vielen Tarifen überhaupt kein Geld. Die Kostenversicherungen sind deshalb günstig, aber auch einengend.

          Größeren Nutzen - allerdings bei höheren Kosten - bieten dagegen die Versicherungen, die ein Pflegetagegeld vorsehen. Sie sind zwar in der Regel mit etwas höheren Prämienzahlungen verbunden, ermöglichen dafür aber auch größere Freiräume. Meist zahlt der Versicherer den vereinbarten Tagessatz erst in der dritten Pflegestufe vollständig. Bei den ersten beiden Stufen sind die Erstattungen entsprechend geringer. Bei einem Tarif des Krankenversicherers DKV wird der volle Tagessatz zudem erst fällig, wenn der Patient im Heim untergebracht werden muß. Kann der Patient zu Hause gepflegt werden, zahlt die DKV je nach Pflegestufe 25, 50 beziehungsweise 75 Prozent des vereinbarten Tagessatzes. Die meisten anderen Tarife machen bei der Bemessung des Tagegelds keinen Unterschied zwischen der Heimpflege und der Pflege zu Hause.

          Die Details solcher Verträge sind sehr unterschiedlich, weshalb sich Verbraucher zunächst über die genauen Konditionen erkundigen sollten. So werden zum Beispiel Verträge angeboten, die wegen einer Karenzzeit die ersten drei Monate der Pflege nicht abdecken. Das führt zwar zu einer günstigeren Prämie, kann im Schadensfall aber teuer werden. Andere Tarife decken die Kosten nur für die dritte oder nur für die zweite und dritte Pflegestufe. Auch das reduziert die Prämien. Aber in mehr als der Hälfte der Pflegefälle bieten solche Tarife keinen Versicherungsschutz, weil „erhebliche“ und „schwere“ Pflegefälle der Stufen I und II häufiger sind als die „schwersten“ Fälle der Stufe III.

          Die Höhe der Absicherung sollte sich an der Lücke zwischen den von der Pflichtversicherung gedeckten und den tatsächlichen Kosten orientieren. Da diese in der dritten Pflegestufe in vielen Fällen jenseits von 1.000 Euro liegt, sind Tagessätze in der Größenordnung von 50 Euro nicht übertrieben. Eine minimale Abdeckung von 10 Euro ist dagegen weniger sinnvoll. Denn dann kann es geschehen, daß das Geld trotz der jahrelang bezahlten privaten Zusatzversicherung nicht ausreicht und der Weg in die Sozialhilfe droht. Zudem ist damit zu rechnen, daß die Kosten der Pflege weiter steigen und die Leistungen der Pflichtversicherung weiter reduziert werden. Aus diesem Grund ist es hilfreich, wenn die Versicherungsverträge die Möglichkeit der Dynamisierung zulassen. Dann können später ohne weitere Gesundheitsprüfung die versicherten Tagegelder den steigenden Preisen in der Pflege angepaßt werden.

          Pflegezusatzversicherungen lassen sich auch schon für Kinder abschließen. Wegen des geringen Alters reichen bei Kleinkindern schon 2 Euro im Monat, um ein Tagegeld von 50 Euro zu versichern. Die Zusatzpflegeversicherungen sind allerdings wie private Krankenversicherungen organisiert. Das bedeutet, daß die Versicherten im Laufe der Jahre mit steigenden Prämien rechnen müssen, wenn die Versicherten länger als kalkuliert leben und wenn unerwartet viele Menschen pflegebedürftig werden. Dann können die Anbieter zusätzliche Prämien verlangen.

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