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Opioid-Krise in Amerika : Wenn Ärzte süchtig machen

OxyContin-Pillen des Pharmakonzerns Purdue Bild: AP

Amerika erlebt eine verheerende Rauschgift-Krise. Besonders pikant: Mediziner spielen in dieser Tragödie eine bemerkenswerte Rolle.

          3 Min.

          Jeden Tag sterben in den Vereinigten Staaten 115 Menschen an einer Überdosis opioidhaltiger Mittel. Für viele Opfer bahnte das Schmerzmittel Oxycontin der Pharmafirma Purdue den Weg in die Abhängigkeit. Die Vereinigten Staaten erleben eine Gesundheitskrise, die mehr Opfer fordert als die Kriege in Vietnam und im Irak.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Inzwischen sind Amerikas Gerichte dabei, die Krise aufzuarbeiten. Gegen die Firma Purdue, die Eigentümer-Familie Sackler und andere Pharmafirmen sind mehr als 1600 Klagen von Städten, Bezirken und Bundesstaaten anhängig. Ihnen wird vorgeworfen, die Opioide mit betrügerischen Vermarktungsmethoden an die Konsumenten gebracht und die Suchtgefahr verharmlost oder verschwiegen zu haben.

          Von 1996 bis 2001 hatte Purdue mehr als 40 nationale sogenannte Schmerzmanagement-Konferenzen in Hotelanlagen in Florida, Arizona und Kalifornien veranstaltet und dabei mehr als 5000 Ärzte, Apotheker und Krankenschwestern durchgeschleust durch all-inklusive-Symposien: Purdue übernahm die Rechnung. Es ist wissenschaftlich gut dokumentiert, dass derartige Symposien Wirkung auf das Verschreibungsverhalten der Ärzte haben. Die einzigen, die nicht an den Einfluss solcher Events aufs Rezepte schreiben glauben, sind die Ärzte selbst. Auch das ist wissenschaftlich belegt.

          Die Rolle der Ärzte in der verheerenden Opioide-Krise harrt noch der Aufarbeitung: Waren sie selbst Opfer eines unbezwingbaren Manipulationsapparat der Pharma-Industrie oder gehörten sie zu einer Koalition der Willigen, die ethische Bedenken einfach fallen ließen wegen finanzieller Anreize? Dass nicht alle Ärzte sauber sind, ist eine triviale Erkenntnis, kann jedoch keine Berufsgruppe schwarze Schafe vermeiden. Gerade vorige Woche wurde in New York ein greiser Familiendoktor zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er erkennbar Drogenabhängige mit dem verschreibungspflichtigen Oxycontin versorgt hatte. Bei mehreren Razzien in den vergangenen Jahren nahm die Polizei Ärzte und Schwestern fest.

          Realitätstest der Moral

          Die Moral der Ärzte wurde im Jahr 2010 gewissermaßen einem Realitätstest unterzogen. Es hatten sich in den Jahren davor Meldungen gehäuft, denen zufolge Oxycontin nicht nur süchtig macht, sondern häufig injiziert wurde, um ein besonderes Hochgefühl auszulösen. Nicht nur Patienten, sondern auch deren Angehörigen und gelegentliche Kunden verschafften sich so besondere Rauschmomente. Die Firma Purdue trug wachsenden Besorgnissen schließlich Rechnung und veränderte Oxycontin so, dass das Mittel nicht mehr injiziert werden konnte. Das verminderte die Gefahr deutlich, dass Oxycontin von Personen im Umfeld des Schmerzpatienten das Mittel für ihren Drogenkonsum missbrauchten.

          Man hätte also erwarten können, dass Ärzte diese Anti-Sucht-Version häufiger verschreiben als das alte Oxycontin. Tatsächlich aber gingen die Verschreibungen deutlich zurück. Die Stanford-Ökonomin Molly Schnell hat Zugang zu Verschreibungen von 100.000 Patienten gefunden und ein bemerkenswertes Muster herausgearbeitet: Ein Drittel der Ärzte zeigte sich seiner moralischen Pflicht bewusst. Sie verschrieben das Anti-Sucht-Oxycontin und gaben seltener Rezepte für andere Opioide. Doch 40 Prozent der Ärzte halbierten die Verschreibung von Oxycontin und verschrieben stattdessen andere Opioide, die leichter zu missbrauchen waren. Die Mediziner verzichteten auf das Schmerzmittel, das für Patienten und ihr Umfeld weniger gefährlich war. Molly Schnell konnte überdies einen Zusammenhang zwischen Ärzten mit umstrittener Verschreibungsmoral und der Sterblichkeit in verschiedenen Regionen nachweisen.

          Ausweg: illegale Drogen

          Das Problem wurde allerdings noch etwas komplizierter. Denn wegen des neuen Oxycontins, das man nicht mehr spritzen konnte, griffen einige Leute offenbar zur illegalen Drogen: Heroin und das tödliche Fentanyl. Das hat die Ökonomin Abby Alpert zusammen mit Kollegen herausgefunden. Bundesstaaten, die besonders häufigen Oxycontin-Missbrauch verzeichneten, hatten nach der Umstellung des Schmerzmittels deutlich mehr Heroin-Tote zu beklagen. Ob das die Ärzte, die Anti-Sucht-Oxycontin seltener verschreiben wollten, reinwäscht, ist eine andere Frage. Sie wäre mit „nein“ zu beantworten.

          Die nächsten, die über ihre Rolle nachdenken sollte, sind die amerikanischen Regulierer. Das Mittel Oxycontin gibt es in vielen Ländern, aber nur in Amerika war es zeitweise für die Therapie harmloser Schmerzen erlaubt.

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