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Ölpreis zieht an : An den Börsen nimmt der Gegenwind zu

Die Flaggen des Iran und der nationalen iranischen Ölgesellschaft wehen auf einem Gasfeld in Assalouyeh. Bild: dpa

In der Nahost-Region steigt die Kriegsgefahr, was Öl verteuert. Die Zinskurve in Amerika wird immer flacher. Das gilt als Vorbote einer Rezession.

          Noch haben die Akteure an den Finanzmärkten sehr besonnen auf den Streit um das Iran-Abkommen und die zunehmende Kriegsgefahr in der Nahost-Region reagiert. Der deutsche Aktienindex Dax gab am Freitag bis zum Handelsschluss um 0,2 Prozent auf 13001 Punkte nach, was nach den Kursgewinnen an den beiden Vortagen nicht ungewöhnlich ist.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch das lange beschworene ideale Umfeld aus einer in den Industrie- und Schwellenländern synchron wachsenden Weltwirtschaft, das sogenannte Goldilocks-Szenario, gehört wohl der Vergangenheit an. In den Schwellenländern hat sich die Stimmung gedreht, dort nehmen die Anleger wieder stärker die Risiken wahr.

          Mit dem steigenden Ölpreis und den anziehenden Zinsen erhält die Konjunktur auf der ganzen Welt Gegenwind, der über die schwächeren Unternehmensgewinne auch die Aktienmärkte zurückwerfen kann. Das zeigt sich schon jetzt an wichtigen Aktienindizes wie zum Beispiel dem Dax oder dem Dow Jones, die derzeit mit einem gewissen Abstand unter ihren Rekordhochs liegen.

          Auch in Deutschland wird das Tanken teurer – woran liegt's?

          Die Aufkündigung des Atomabkommens durch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump verschärft die politische Lage in Nahost. Militärische Auseinandersetzungen wie jüngst zwischen Israel und Iran sprechen für einen weiter steigenden Ölpreis. Am Freitag lag die Nordseesorte Brent mit 77 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Litern) zwar wenig verändert.

          Aber an den Tankstellen in Deutschland war am Freitagmorgen ein auffälliger Anstieg der Preise für Kraftstoffe zu beobachten. An manchen Tankstellen kostete der Liter Diesel 1,34 Euro – noch vor wenigen Tagen waren Werte unter 1,20 Euro normal gewesen. „Tatsächlich sind die Preise für Super E10 und Diesel heute Morgen stark angestiegen. Gründe dafür könnten die drohenden Flächenbrände in Nahost sein, aber auch das verlängerte Himmelfahrtswochenende“, sagte Steffen Bock, der Geschäftsführer der Internetplattform Clever-Tanken, die Preise von 14.000 Tankstellen in Deutschland verarbeitet.

          Rohöl war schon in den vergangenen Tagen deutlich teurer geworden, am Donnerstag kostete ein Fass zeitweise 78 Dollar – so viel wie seit 2014 nicht mehr. Viele Ölanalysten der Banken setzten mittlerweile ihre Ölprognosen hoch. Goldman-Sachs beispielsweise erwartet jetzt für Juli eine Preisspitze von 80 Dollar.

          Benzin und Diesel hinken Ölpreis hinterher

          Für etwas Entspannung sorgte am Freitag, dass Iran nach Angaben Russlands zugesichert hat, seinen Verpflichtungen aus dem Atomabkommen nachzukommen. Dass die Vereinigten Staaten schon zwei Tage nach dem Rückzug von dem Deal erstmals neue Sanktionen gegen Iran verhängt haben, überraschte am Ölmarkt dagegen kaum. „Mit Blick auf die amerikanische Außenpolitik spricht zurzeit wenig für Entspannung und damit für wieder moderatere Ölpreise in nächster Zeit“, sagte Martin Lück vom Vermögensverwalter Blackrock.

          Der Mineralölwirtschaftsverband (MWV) argumentiert, der Preis für Benzin und Diesel hinke dem Ölpreis im Moment zeitlich immer etwas hinterher. „Im Zuge der zuletzt gestiegenen globalen Ölpreisnotierungen haben sich auch die Verbraucherpreise für Benzin und Diesel in Deutschland erhöht“, sagte ein Sprecher des Verbands. Da zudem der Euro zum Dollar in jüngster Zeit schwächer geworden sei, habe sich Öl im Euroraum und damit für Deutschland zusätzlich verteuert.

          Der Benzinpreis (E10) habe zu Christi Himmelfahrt im Bundesdurchschnitt bei gut 1,41 Euro gelegen, Diesel bei 1,26 Euro je Liter. Allerdings seien die Tankstellenpreise in Deutschland seit Bekanntwerden der Entscheidung der Vereinigen Staaten am Dienstagabend, das Abkommen mit Iran zu beenden, nicht so stark angestiegen wie die Notierungen an den internationalen Rohöl- und Produktmärkten: Der Ölpreis der Nordseesorte Brent sei seither um 1,7 Eurocent je Liter nach oben gegangen, der Einkaufspreis für Super E10 in Deutschland nur um 1,1 Cent und der vergleichbare Tankstellenpreis ohne Steuern im Bundesdurchschnitt um 0,9 Cent je Liter.

          Inflation in Amerika sorgt für Entspannung

          Der höhere Ölpreis führt aber zu der Erwartung, dass die Inflation wieder an Fahrt aufnimmt. „Die Inflationserwartungen steigen langsam, aber stetig“, schrieb der Vermögensverwalter der Deutschen Bank, die DWS, und verwies dabei auf die Differenz zwischen inflationsindexierten und normalen Anleihen. Diese Kennziffer für die Inflationserwartungen steigt sowohl in den Vereinigten Staaten als auch im Euroraum. Zwar sorgten die am Donnerstag veröffentlichten Daten zur amerikanischen Teuerung im April eher für Entspannung. Das zeigte sich auch an der leicht rückläufigen Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen von 2,9567 Prozent. Doch am kurzen Ende zog die zweijährige Rendite auf 2,5328 Prozent an. Zwischen der zehn- und fünfjährigen Rendite beträgt der Unterschied nur noch 0,13 Prozentpunkte.

          Das zeigt, wie flach die amerikanische Zinskurve geworden ist. Im Vergleich dazu liegen die zehn- und fünfjährigen Renditen der Bundesanleihen um 0,621 Prozentpunkte auseinander. Den zurückliegenden Rezessionen in Amerika ging regelmäßig eine flache und dann inverse Zinskurve (kurze Zinsen höher als langfristige) voraus.

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