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Energiepreise : Die Ölförderung leidet jetzt unter Long-Covid

Eine saudische Ölförderanlage Bild: Reuters

Der Ölpreis schaukelt – die Gründe dafür sind in den Folgen der Pandemie zu suchen. Risikozuschläge – wie zu Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine – sind hingegen nicht mehr enthalten.

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          Betrachtet man die Ölpreisentwicklung in den vergangenen drei Monaten, so tun sich Parallelen zum Aktienmarkt in Deutschland auf. Der Chart zeigt ein Auf und Nieder. „Ja, der Markt wirkt orientierungslos, aber das hat seine guten Gründe“, sagt Maximilian Uleer, Kapitalmarktstratege bei Deutsche Bank Research. Und die Gründe sind in der Covid-19-Pandemie zu suchen. „Die OPEC-Mitglieder haben extrem hohe freie Kapazitäten während der Pandemie gehabt, weil die Förderquoten drastisch reduziert wurden.“ Die Kehrseite: „Es gab kaum Anreize für Investitionen in neue Förderanlagen“, sagt Uleer.

          Archibald Preuschat
          Redakteur in der Wirtschaft

          Und genau das fällt den ölfördernden Staaten jetzt auf die Füße. „Produziert wird am Anschlag, mehr geht kaum“, sagt Ludwig Kemper, Rohstoffexperte bei Berenberg. Zwar hat das Kartell OPEC die Förderquoten wieder auf das Vor-Corona-Niveau angehoben. „Doch die zusätzliche Förderung von 1,6 Millionen Barrel (1 Barrel = 159 Liter) pro Tag seit Jahresanfang durch die Kern-OPEC-Länder steht nur auf dem Papier. Im Markt ist vielleicht plus/minus die Hälfte angekommen“, sagt Kemper. Die Preise der Futures zeigen, wie angespannt die Angebotssituation derzeit ist. „Öl zu Lieferung im nächsten Monat kostet derzeit 107 Dollar, zur Lieferung im kommenden Jahr aber nur 89 Dollar“, so Kemper. „Die OPEC+ trifft sich nächste Woche, um über die Produktionsmenge im September zu entscheiden. Bislang liegt die OPEC+ deutlich hinter der beabsichtigten Ölproduktion zurück. Deswegen könnte ich mir vorstellen, dass man die Produktionsziele nochmals anhebt, obwohl man die Kürzungen von Mai 2020 auf dem Papier wieder rückgängig gemacht hat“, meint Commerzbank-Rohstoffanalyst Carsten Fritsch.

          „Auf dem Stand der Achtzigerjahre“

          „Einzelne Länder wie Saudi-Arabien könnten ihre Förderung zwar noch erhöhen, haben aber kein großes Interesse daran. Sonst würden die Puffer, die beim Ausfall eines Bohrlochs benötigt werden, gänzlich abschmelzen“, urteilt Berenberg-Analyst Kemper. Eine Einschätzung, die von Uleer durchaus geteilt wird: „Die Mitglieder der alten OPEC sind nicht die Länder, die uns mehr Mengen an Öl bringen.“ Und Russland, das wegen der Sanktionen der Europäischen Union sein Öl derzeit vor allem nach China und Indien verkauft, kann seine Förderung auch nicht stark ausweiten, glaubt Uleer. „Es fehlen möglicherweise Teile, um die russischen Förderanlagen instand zu halten.“ Eine Folge der Sanktionen gegen das Land nach seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine. Der Preisabschlag des russischen Öls gegenüber dem Preis für Öl der Nordseesorte Brent beläuft sich zurzeit auf gut 30 Dollar je Barrel.

          Auf der Angebotsseite lasten zudem extrem niedrige Bestände, wie Kemper ausführt: „Die USA haben in den vergangenen Monaten ihre strategischen Reserven deutlich abgebaut. Sie liegen auf dem Stand der Achtzigerjahre.“ Auch sonst seien die Lagerbestände extrem niedrig, fügt er hinzu. Und die USA als selbst ölproduzierendes Land haben bei ihrer Förderung laut Uleer das Niveau vor der Pandemie noch nicht erreicht. „Betrachtet man nur die Angebotsseite, müsste Rohöl viel teurer sein“, so der Kapitalmarktstratege von Deutsche Bank Re­search. Wie viel teurer, lässt er offen. Denn so angespannt, wie die Angebotsseite ist, gibt es auf der Nachfrageseite eine entspanntere Situation. Berenberg-Rohstoffspezialist Kemper sieht Europa Ende dieses Jahres in einer Rezession, im kommenden Jahr dann die USA. Eine Einschätzung, die von Uleer geteilt wird. Zudem erwartet er schon jetzt eine technische Rezession in den USA. Die Erstschätzung des Wirtschaftswachstums im zweiten Quartal wird am Donnerstag veröffentlicht. Gerade für Europa wäre so ein US-Abschwung zumindest beim Ölpreis gut. Denn schwache Wirtschaftsleistungen dämpfen die Nachfrage und damit den Preis. Zumal Öl in Dollar gezahlt wird und der Euro gegen die US-Währung so schwach wie seit zwei Jahrzehnten ist.

          Die geopolitische Lage beeinflusst den Ölpreis hingegen kaum noch. „Die Risikoprämien, die noch zu Beginn des Krieges in der Ukraine eingepreist waren, sind wieder raus. Der Ölpreis folgt Fundamentaldaten“, sagt Uleer. Und auch der Nervenkrieg um russische Gaslieferungen nach Europa hat laut dem Beerenberg-Analysten nur einen sehr be­grenzten Einfluss auf den Ölpreis. „Das Argument, dass Öl Gas ersetzt, kommt immer wieder. In der Praxis ist das aber nicht so einfach, und die Umrüstung der Anlagen geschieht zudem nicht von heute auf morgen. Hinzu kommt, dass die Menge zusätzlichen Öls für die Gassub­stitution global gesehen sehr gering ist“, sagt Uleer. So sieht auch er den Ölpreis nicht durch die Decke gehen, sondern zum Jahresende bei rund 110 Dollar pro Fass und damit nur etwas höher als heute.

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