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EZB-Geldpolitik : Diskussion um das Überschießen der Inflationsrate

Jens Weidmann vor einem Gemälde von Corinne Wasmuht Bild: Matthias Lüdecke - FAZ

Kommende Woche will die EZB über ihr neues Inflationsziel sprechen. Forderungen der Zentralbanker werden schon laut. Ein Streitpunkt: das Überschießen der Inflationsrate.

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          Um die genauen Formulierungen wird noch gerungen. Aber im EZB-Rat, dem obersten Gremium der Europäischen Zentralbank, scheint sich eine Einigung über das künftige Inflationsziel der Notenbank abzuzeichnen. In der kommenden Woche gibt es dazu eine Sitzung, wie aus Teilnehmerkreisen zu erfahren war. Aus „unter, aber nahe 2 Prozent“ soll ein schlichtes Inflationsziel von 2 Prozent werden, das dann aber „symme­trisch“ angewendet wird: Die Notenbank soll ein Unterschreiten genauso energisch bekämpfen wie ein Überschießen.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Worum bis zuletzt gerungen wurde, ist, ob man wie bei der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) Elemente eines „Average Inflation Targeting“ aufnimmt. Damit ist gemeint, dass die Notenbank nach einer Zeit mit einer Inflation unterhalb ihres Inflationsziels anschließend eine Zeit lang ein Überschießen duldet, damit man nachher im Durchschnitt auf die angestrebte Inflationsrate kommt.

          Skepsis gegenüber Durschnitts-Inflationsziel

          Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat sich am Donnerstagabend vor dem Freundeskreis der Ludwig-Erhard-Stiftung dagegen ausgesprochen. Er meinte, stillzuhalten, wenn die Inflation in der mittleren Frist über das Ziel hinaussteige, könne missverstanden werden. „Es könnte also als Versuch der Geldpolitik fehlinterpretiert werden, die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen über das Ziel der Preisstabilität zu stellen.“ Da müsse man vorsichtig sein.

          Im EZB-Rat hatte es durchaus Stimmen gegeben, die für bestimmte Elemente von „Average Inflation Targeting“ plädiert hatten. Der finnische Notenbank-Gouverneur Olli Rehn etwa wollte sogenannte „Make-up-Strategien“ in die Überlegungen einbezogen wissen, bei denen vorübergehend ein gewisses Überschießen der Inflation zugelassen wird. EZB-Chefvolkswirt Philip Lane hatte hervorgehoben, er sehe zwar einerseits eine explizite Strategie mit einem Durchschnitts-Inflationsziel skeptisch. Es könne aber durchaus sinnvoll sein, die Inflationsrate für eine gewisse Zeit über das Ziel hinausschießen zu lassen, wenn sie zuvor deutlich darunter gelegen habe.

          EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel sagte in einem Interview, Umsetzung und Kommunikation eines echten Durchschnitts-Inflationsziels seien schwierig. Zudem sei unklar, welchen Zeitraum man für die Durchschnittsberechnung nehmen sollte. Sie sei da skeptisch. Schon die bisherige „Forward Guidance“ der Notenbank, also ihr Ausblick, signalisiere aber bis zu einem gewissen Grad Bereitschaft, ein Überschießen der Inflation hinzunehmen und die Zinsen erst anzuheben, wenn sich eine „robuste Konvergenz“ zum Inflationsziel durchgängig in der zugrundeliegenden Inflationsdynamik niedergeschlagen habe: „Es gibt sicher Möglichkeiten, diese Verpflichtung noch deutlicher zu machen.“

          Aus dem EZB-Rat hört man, es sei ein wichtiges Anliegen von EZB-Präsidentin Christine Lagarde, jetzt ein einfacheres und für alle verständlicheres Inflationsziel als „unter, aber nahe 2 Prozent“ zu bekommen. Da wäre ein Ziel mit einer Durchschnitts-Inflation vielleicht keine so gute Idee, wird argumentiert.

          Vielleicht könne man als Kompromiss auch ein einfaches Ziel formulieren und dann die Durchschnitts-Aspekte stärker in der geldpolitischen Praxis berücksichtigen. Michael Schubert, EZB-Fachmann der Commerzbank, meinte: „Wir prognostizieren, dass sich der EZB-Rat auf einen Zielwert von 2 Prozent verständigt, seine Verpflichtung zur Symmetrie noch stärker betont als bisher und insbesondere hervorhebt, dass 2 Prozent keine Obergrenze darstellt.“

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