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Inflation : Nicht nur Obst und Benzin werden deutlich teurer

Nahrungsmittel werden teurer. Bild: dpa

Ist der spürbare Anstieg der Verbraucherpreise lediglich ein vorübergehendes Phänomen? Ein Überblick.

          4 Min.

          Benzin und Diesel sind zuletzt erheblich teurer geworden, ebenso Heizöl, aber auch Nahrungsmittel wie Obst, Fleisch und Molkereiprodukte. Insgesamt sind die Verbraucherpreise im ersten Vierteljahr 2021 wieder deutlich stärker gestiegen als in den letzten Monaten des Vorjahres. Die Inflationsrate lag nach dem Harmonisierten Verbraucherpreis-Index (HVPI) im März für Deutschland bei 2 Prozent, für die Eurozone insgesamt bei 1,3 Prozent. Auch in den beiden Vormonaten gab es wieder positive Inflationsraten.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Voriges Jahr noch hatte der tiefe, coronabedingte Einbruch des Ölpreises die Teuerung sehr stark gedrückt. Mittlerweile aber sind Heizöl (plus 19,4 Prozent) und Benzin (plus 12,7 Prozent) die wichtigsten Treiber. Nahrungsmittel verteuerten sich auf Jahressicht im Schnitt um 1,6 Prozent. Relativ stark war der Preisanstieg dabei für Obst (plus 2,5 Prozent), Fleisch und Fleischwaren (plus 1,5 Prozent) sowie alkoholische Getränke und Tabakwaren (plus 3 Prozent). 

          Die Europäische Zentralbank (EZB), die ein Preisziel von „unter, aber nahe 2 Prozent“ verfolgt, sieht hinter diesem Preisanstieg keine dauerhafte Entwicklung, die Handeln ihrerseits notwendig macht. EZB-Präsidentin Christine Lagarde spricht von „Sonderfaktoren“ durch die Corona-Krise und von „blips“ – Ausreißern nach oben. Schon im nächsten Jahr werde die Inflationsrate wieder niedriger ausfallen.

          Globalisierung bringt höhere Qualität

          Volker Wieland, Mitglied im Wirtschaftssachverständigenrat, meinte, da sollte man etwas vorsichtig sein: „Grundsätzlich sollte man Inflationsrisiken nicht mit dem Verweis ,sind doch nur temporäre Effekte‘ verniedlichen – denn wir haben eine äußerst expansive Geldpolitik.“  Diese Geldpolitik könne zu Inflation führen, wenn nicht gegenläufige Effekte – also inflationsreduzierende oder deflationäre Effekte – überwiegen. „In der Vergangenheit wurden als Gründe für solche gegenläufigen Effekte Globalisierung, Digitalisierung und eine sogenannte Ersparnisschwemme angeführt“, sagt Wieland.

          Die Globalisierung halte Löhne niedrig und trage zu fallenden Importpreisen bei. Onlineangebote führten zu besserer Vergleichbarkeit und technologischer Fortschritt etwa zu Qualitätsverbesserungen bei gegebenen Preisen. „Die Ersparnisschwemme soll der Grund für sehr niedrige Gleichgewichtszinsen sein“, sagte Wieland. Aber diese gegenläufigen Effekte seien im Zuge der Corona-Pandemie zumindest teilweise weggefallen, vielleicht fielen sie mittelfristig sogar weitgehend weg. „Wenn das passiert, und die Geldpolitik trotzdem weiter so expansiv bleibt, dann führen temporäre Preissteigerungen und akkommodierende Geldpolitik zusammen zu dauerhaft höheren Inflationsraten.“

          Viele Verbraucher haben ohnehin den Eindruck, die Inflation sei viel höher als offiziell ausgewiesen. Zweistellige Preissteigerungsraten für manche Lebensmittel in der Pandemie befeuerten diesen Verdacht. Blumenkohl für 5 Euro war ein Beispiel. Solche Ausgaben des täglichen Bedarfs wurden in einem „Index der wahrgenommenen Inflation“ stärker gewichtet, den der Statistiker Hans Wolfgang Brachinger vor vielen Jahren mal entwickelt hatte. In dieser Tradition untersuchten Mitarbeiter des Stuttgarter Bankenprofessors Hans-Peter Burghof in der Corona-Zeit die Preisentwicklung von Lebensmitteln in Discountern – und kamen immerhin auf Preissteigerungen von 6 Prozent in zweieinhalb Krisenmonaten.

          Allerdings: Der offizielle Inflationsindex muss sich schon auf Durchschnittswerte gründen – er kann nicht einfach einzelne Warengruppen wie Nahrungsmittel herausgreifen.

          Oft kritisiert wird auch, dass die Preisentwicklung des selbstgenutzten Wohneigentums nicht in der Inflationsrate für die Eurozone auftaucht, anders als etwa in Amerika. Auf Jahressicht ist selbstgenutztes Wohneigentum in Deutschland im Schnitt immerhin rund 7,5 Prozent teurer geworden, wie die Bundesbank in ihrem Februar-Monatsbericht schreibt. Im Zuge einer Strategiedebatte in der EZB wird darüber diskutiert, diese Kosten künftig in den Index für die Eurozone aufzunehmen.

          Eine Umstellung wäre nicht ganz einfach, aber möglich. Man muss dafür trennen, was bei einem Anstieg der Immobilienpreise der Effekt auf die Vermögenspreise ist („Wie viel vergrößert sich mein Vermögen, weil mein Haus jetzt wertvoller ist“) und was die Lebenshaltungskosten hoch treibt („Wie viel mehr muss ich jetzt rechnerisch im Monat für das Wohnen ausgeben“). Eine Möglichkeit, das zu beziffern, sind sogenannte Mietäquivalente („Was hätte ich im Monat bekommen, wenn ich die Wohnung vermietet hätte“).

           Zu zweistelligen Inflationsraten aber würde auch das nicht führen: Die Bundesbank hat eine Berechnung vorgelegt, dass die Inflationsrate dadurch quartalsweise 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte höher ausfallen könnte – auf lange Sicht aber würde sie sich kaum ändern.

          Im zurückliegenden Vierteljahr hat allerdings noch ein anderes Phänomen die Inflationsraten bestimmt: In der europäischen Berechnungsweise der Inflation, dem Harmonisierten Verbraucherpreis-Index HVPI, wurden die Gewichtungen, mit denen Waren und Dienstleistungen einfließen, an die Krise angepasst. Pauschalreisen beispielsweise bekamen ein geringeres Gewicht, Nahrungsmittel ein höheres.

          Normalerweise erfolgt eine solche Neuausrichtung der Gewichtungen aufgrund veränderter Verhaltensweisen der Menschen, gemessen an der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, immer erst im übernächsten Jahr. Das hat man jetzt gleichsam diskretionär ein Jahr vorgezogen. Das sei schon ein „außergewöhnlicher Schritt“, sagte Nadin Sewald vom Statistischen Bundesamt. Er sei gemäß den Empfehlungen des europäischen Statistikamtes Eurostat erfolgt – als Reaktion auf die außergewöhnliche Situation: „In den vorangegangenen Jahren wurde von der Regel, die HVPI-Wägungsanteile mit VGR-Daten aus dem Vorvorjahr anzupassen, bisher nicht abgewichen.“

          In der nationalen deutschen Berechnungsweise, dem Verbraucherpreis-Index VPI, werden diese Gewichtungen dagegen nur alle fünf Jahre angepasst. Das hat jetzt zur Folge, dass die Inflationsraten nach beiden Berechnungsweisen besonders deutlich auseinanderfallen. So kommt man nach dem VPI für Deutschland im März auf eine Inflationsrate von 1,7 Prozent, nach dem HVPI schon auf stolze 2 Prozent. Und nach der europäischen Berechnungsweise könnte die Inflationsrate in einzelnen Monaten dieses Jahres nach Schätzungen der Bundesbank sogar deutlich über 3 Prozent liegen.

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