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Ni hao aus Peking : Amerika und China – Kollegen im Schuldenclub

Morgengymnastik in Peking Bild: AFP

Die Welt drischt auf Washington ein, damit es endlich seine Finanzen in Ordnung bringt, auch China. Dabei hat Peking selbst ein gefährliches Schuldenproblem.

          China bekommt langsam kalte Füße wegen des Haushaltsnotstands in Washington. Amerika ist sein größte Schuldner und wichtigster Exportmarkt. Falls die größte Volkswirtschaft der Welt in die Zahlungsunfähigkeit rutscht, dürfte das die zweitgrößte so schwer treffen wie sonst nur noch Japan. Die Vereinigten Staaten schulden China etwa 1280 Milliarde Dollar und Japan 1140 Milliarden. Auf dem Asean-Gipfel in Brunei äußerte deshalb Regierungschef Li Keqiang gegenüber dem amerikanischen Außenminister John Kerry, Peking sei besorgt wegen der Vorgänge in Washington. Zuvor hatte schon der stellvertretende Finanzminister Zhu Guangyao gemahnt, die Vereinigten Staaten müssten auf jeden Fall eine Staatspleite abwenden, „um die Sicherheit des chinesischen Vermögens und der Investitionen in Amerika zu gewährleisten“.

          Amerikas Etat-Not bedroht Chinas Anlagen

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Zhu Min, früher Vizegouverneur der chinesischen Zentralbank und heute einer der Stellvertretenden Geschäftsführer im Weltwährungsfonds IWF, warnt ebenfalls vor den Folgen der Vorgänge in Amerika für sein Land und für die Weltwirtschaft. Eine zwei Wochen lang lahmgelegte Verwaltung koste Amerika 0,25 Prozentpunkte seiner Wirtschaftskraft, rechnete Zhu in Washington vor.

          Die Volksrepublik werde zudem unter dem bevorstehenden Ende der superlockeren Geldpolitik der Notenbank Fed leiden. Falls das internationale Kapital in den Dollar zurückfließe, treffe das China sehr. „Glauben Sie nicht, dass China ein abgeschlossener Markt ist. Das ist es nicht“, stellte Zhu klar. 70 Prozent der Abschwächung im chinesischen Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre führt der Fachmann auf „externe Schocks“ zurück.
          Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat 2012 so langsam zugenommen wie seit 13 Jahren nicht. Für das laufende Jahr wird eine weitere Abkühlung erwartet. Zhu gibt zu, dass das Land seinerseits ein „besorgniserregendes“ Schuldenproblem habe. Er hält es angesichts der weltgrößten Devisenreserven von 3500 Milliarden Dollar aber für beherrschbar.

          Nicht alle Experten sind so zuversichtlich. Die Bewertungsagentur Fitch lobt zwar die geringen Auslandsverbindlichkeiten und die hohe Sparquote. Im Innern aber habe die Schuldenlast eine „beispiellose“ Höhe erreicht. Fitch hat deshalb die Bonität in Landeswährung um eine Stufe herabgesetzt und wird nicht müde, vor den Gefahren zu warnen. 2008 erreichte  Chinas Gesamtschuld den Angaben zufolge 125 Prozent des BIP. 2012 waren es schon fast 200 Prozent. Der absolute Wert ist nicht übertrieben hoch, aber das schnelle Wachstum macht Sorgen. Es verläuft schneller als vor den Finanzkrisen in Japan und in Amerika.

          China weiß selbst nicht, wie hoch seine Schulden sind

          Das Skurrile ist, dass der Staat selbst gar nicht weiß, wie tief er in der Kreide steckt. Die Belastungen der Zentralregierung sind bekannt und moderat, ganz anders sieht es in den Städten und Gemeinden aus. Peking hat deshalb das nationale Rechnungsprüfungsamt NAO in die Provinzen geschickt, um einen Überblick zu bekommen.

          Dessen Bericht über die Verbindlichkeiten der Kommunen wird mit Spannung erwartet. Weil ihnen die Schuldenaufnahme eigentlich untersagt ist, haben sie als eine Art von Schattenhaushalt mehr als 10.000 Zweckgesellschaften gegründet, um an Geld zu kommen. Die Analyseabteilungen der Investmentbanken überbieten sich derzeit darin, die Ergebnisse der NAO vorauszusagen. Die Bank of America / Merrill Lynch hat Gemeindeschulden von 17.200 Milliarden Yuan berechnet. Standard Chartered kommt sogar auf 22.000 bis 24.000 Milliarden Yuan.

          Aktienmärkte geben sich lustlos

          Das wären 2100 bis 2900 Milliarden Euro oder bis zu 46 Prozent des BIP. Rechnet man die weiteren staatlichen Verbindlichkeiten hinzu, beträgt Chinas öffentliche Schuldenquote nicht länger 20 Prozent wie ausgewiesen, sondern je nach Definition 60 bis 90 Prozent. Letzteres entspricht dem Stand von Krisenländern wie Zypern oder Island. Die hohe Belastung erklärt, warum China davor zurückschreckt, ein weiteres Konjunkturpaket wie 2009 aufzulegen. Würde Peking den Geldhahn noch einmal soweit aufdrehen wie damals, dann kletterte die Schuldenquote auf die gleiche Höhe wie in Griechenland.

          Den einzigen, denen bei solchen Summen nicht schwindelig wird, sind die Börsianer. Sie sind hohe Milliardenbeträge gewohnt. Heute allerdings ist der Handel müde in Asien, die Anlagelust wird weiterhin vom Etat-Patt in Amerika getrübt. Japanische Aktienkurse steigen, weil der Yen fällt und sich deshalb die Exportaussichten verbessern. In Südkorea hingegen geht es abwärts, weil die Notenbank die Wachstumsaussichten beschnitten hat.
          Entsprechend oszilliert der überwölbende Regionalindex MSCI Asia Pacific zwischen Gewinnen und Verlusten hin und her. Richtig heftig werden die Einbußen erst dann, wenn Amerika endgültig in den Schuldenschlamassel rutscht – oder eben China. Niemand soll dann sagen, wir hätten Sie nicht gewarnt!

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