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Neuer Markt : Totgesagte leben länger

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Der Tod schwirrt weiter über dem Neuen Markt Bild: dpa

Vor einem Jahr kursierten so genannte „Todeslisten“ für die Unternehmen am Neuen Markt. Die meisten Unternehmen leben aber noch.

          2 Min.

          Im Sommer vergangenen Jahres, als der Neue Markt sich längst im Abwärtstrend befand, ging ein Ruck durch die Finanzwelt. Der „Platow-Brief“ benannte acht Unternehmen, denen innerhalb von 24 Monaten das Geld ausgehen sollte.

          Unter dem Namen „Todesliste“ wurden die vermeintlichen Pleitekandidaten durch die Medien gereicht. Als Folge fielen die Aktienkurse der betroffenen Unternehmen Gigabell, Cybernet, Fortunecity.com, Musicmusicmusic, Artnet.com, Ebookers.com, Ridardo.de und Buch.de.

          Nur Gigabell schied bislang dahin

          Ein Jahr nach den Wirren hat der Sensenmann gerade einmal Gigabell abgeholt. Die übrigen Kandidaten stehen nach dem Motto „Totgesagte leben länger“ noch auf dem Kurszettel. Auch wenn einige der Aktien wohl näher am Tod als am Leben sind, zumindest von der Kursentwicklung.

          So droht Cybernet, Fortunecity, Musicmusicmusic mit Kursen unter einem Euro der Rauswurf aus dem Neuen Markt, wenn die Deutsche Börse im Oktober die Penny-Stocks-Regelung einführt (Siehe unten stehende Tabelle). In Gefahr sind aber auch Artnet mit 1,42 Euro, Ebookers mit 3,35 Euro und Buch.de mit 1,03 Euro.

          Ricardo.de wechselte nach der Übernahme durch die britische QXL vom Neuen Markt an den Geregelten Markt. Die Aktie kostet aktuell 2,57 Euro. Zum Vergleich: Als die Todeslisten im vergangenen Juli kursierten, lag der Aktienkurs noch bei 60 Euro.

          Gefühlte Insolvenz für Aktionäre

          Natürlich klafft zwischen Insolvenz und niedrigem Aktienkurs eine immense Lücke, vor allem für Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten. Für Aktionäre, die bei Ricardo.de bis zu 97 Prozent ihres Kapitals verlieren konnten (Höchstkurs bei 213 Euro), ist der Unterschied jedoch nicht so groß. Wie beim Wetter tatsächliche Temperatur und „gefühlte“ abweichen, fühlen sich die Kurse der vermeintlichen Pleitekandidaten „insolvent“ an, auch wenn sie de facto emsig Geschäfte betreiben.

          Das hängt natürlich auch mit dem katastrophalen Zustand des gesamten Segments zusammen. Der Nemax All Share hat seit Juli vergangenen Jahres 4.000 Punkte (!) verloren. Die Todesliste führte nur noch einmal die Risiken für das Segment vor Augen. Wohl dem, der seinerzeit den Ausstieg schaffte.

          Mehr Aussagekraft als auf die Gefahren bei den High Techs hinzuweisen, kann man der Liste nicht zubilligen. Die Vorgehensweise bei der Ermittlung war unseriös. „Der Liquiditätsverbrauch der Vergangenheit wurde einfach auf die Zukunft übertragen“, sagt Stefan Schießer, Analyst bei der GZ-Bank. Unberücksichtigt blieben beispielsweise Rentabilitätsverbesserungen und die Möglichkeit weiterer Kapitalaufnahmen.

          Mehr Insolvenzen erwartet

          Dies gilt natürlich auch umgekehrt: Unternehmen brauchen plötzlich mehr liquide Mittel als in der Vergangenheit, was ihren Fortbestand gefährdet. So tauchten Management Data, Kabel New Media, Metabox, Infomatec, TelDaFax, Herzog Telecom, Micrologica und Teamwork nicht in der Todesliste des Platow-Briefes auf, beantragten aber mittlerweile Insolvenz.

          Schießer rechnet damit, dass sich allgemein die Insolvenzwelle in den nächsten Monaten noch beschleunigt. „Die Problematik der Liquiditätsversorgung hat sich noch verschärft“, so der Analyst. Die Kapitalmärkte seien dicht, dort seien keine neuen Mittel mehr zu bekommen und auch die Fremdfinanzierung werde immer schwieriger. Zudem leide die Technologiebranche enorm unter dem konjunkturellen Abschwung.

          Anleger, die sich angesichts der zum Teil günstig erscheinenden Kurse am Neuen Markt engagieren wollen, sollten sich vor Augen führen, dass der Selektionsprozess noch nicht vorbei ist. Dies bedeutet, die Unternehmen auf Herz und Nieren prüfen, vor allem auch die Liquiditätslage.

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