https://www.faz.net/-gv6-qt6e

Neuemissionen : Börsenkandidaten müssen zurückstecken

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

So viele Unternehmen wie schon lange nicht mehr streben in diesem Jahr an die Börse. Aber die Akzeptanz der Anleger hält sich in Grenzen. Immer mehr Unternehmen verringern deswegen ihr Emissionsvolumen oder bieten ihre Aktien billiger an.

          3 Min.

          Die Reihe der Unternehmen, die in diesem Jahr an die Deutsche Börse gehen, reißt nicht ab. 21 Unternehmen haben ihr Debüt im Prime Standard, dem am schärfsten regulierten Börsensegment, bereits gegeben. Ein weiteres Dutzend steht bis zum Jahresende noch in den Startlöchern. Die Bilanz für den Anleger klafft immer stärker auseinander. Dies hat sicherlich auch mit dem hohen Angebot an neuen Aktien zu tun.

          Im Jahr 2006 wird es so viele Börsengänge geben wie seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Zählt man die 34 kleineren Aktienneuemissionen mit, von denen vier ihre Notierung im General Standard, 27 im Entry Standard und drei im einfachen Freiverkehr aufgenommen haben, sind die 26 Börsengänge des Jahres 2001 bereits überboten. Die Erfahrungen der Privatanleger sind jedoch gerade nach der Sommerpause oft enttäuschend. Wer zum erfolgreichen Börsengang der Immobiliengesellschaft Gagfah 100 Aktien bestellte, erhielt wegen der großen Nachfrage nur fünf Aktien im Wert von insgesamt kaum mehr als 100 Euro. Wer indes die unter dem Ausgabepreis liegende Emission des Bioethanolherstellers Crop Energies zeichnete, wurde mangels Nachfrage praktisch voll bedient.

          Anleger nach wie vor wählerisch

          Obwohl sich die Kurse an den Aktienmärkten von der Korrektur im Mai erholt haben, sind die Anleger nach wie vor wählerisch. „Die Aufnahmebereitschaft für Neuemissionen ist nur etwas besser als im Juni“, stellt Klaus Hessberger, Leiter Aktienemissionen von JP Morgan, fest und folgert: „Um Emissionen von weniger als 500 Millionen Dollar plazieren zu können, muß das Unternehmen über Alleinstellungsmerkmale verfügen.“ Diese zu erkennen, fällt den Anlegern offenbar zunehmend schwer. Um Vertrauen aufzubauen, empfiehlt Hessberger daher ein zweistufiges Vorgehen. Vorbilder seien die Börsengänge von Praktiker und zuletzt Klöckner & Co (Klöco).

          Der Klöco-Eigentümer, der Finanzinvestor Lindsay, Goldberg & Bessemer (LGB), verkaufte zum Börsengang im Juni wegen der schlechten Marktverhältnisse weniger Aktien als geplant und gab die Aktien zu einem Kurs von 16 Euro aus. Am Dienstag nun kauften überwiegend britische (58 Prozent) und deutsche (14 Prozent) institutionelle Großanleger ein 230 Millionen Euro schweres Klöco-Paket zu Kursen von 23,50 Euro je Aktie. Der Verkäufer LGB kommt, da es sich gemessen an der Aktienzahl um zwei gleich große Tranchen handelt, auf einen Durchschnittspreis von 19,75 Euro je Aktie. Klöco steht inzwischen in der Bilanz der besten Börsengänge des Jahres mit einem Kursplus von 50 Prozent ganz vorn. Zudem ist der Metallhändler wegen des am Dienstag auf 55 Prozent gestiegenen Streubesitzes nun ein Kandidat für den M-Dax.

          Durch die Hintertür an die Börse

          Auch andere Börsenkandidaten zeigen sich zunehmend erfinderisch. Der Softwarekonzern LHS, der Ende vergangener Woche seinen ersten Anlauf an die Börse wegen mangelnden Investoreninteresses abbrechen mußte, hat kurzfristig einen zweiten Versuch begonnen. Das Unternehmen hat seine Aktien nur am Dienstag zum Festpreis von 8 Euro je Stück angeboten. LHS will nur noch bis zu 42 Millionen Euro einnehmen, ursprünglich waren 120 bis 160 Millionen Euro angestrebt. Die Zahl der angebotenen Aktien halbierte LHS auf gut 5,2 Millionen. Beim ersten Anlauf waren die Papiere für 9 bis 11 Euro angeboten worden. Auch die Eigentümer des Internet-Reifenhändlers Delticom verkaufen zum Börsengang am Donnerstag weniger Aktien. Der Emissionserlös beträgt nicht mehr wie ursprünglich geplant mehr als 100 Millionen Euro, sondern weniger als 40 Millionen Euro.

          Das Biotechnologieunternehmen Biofrontera hat es unterdessen durch die Hintertür an die Börse geschafft. Biofrontera habe in einer Privatplazierung 443.514 neue Aktien zum Preis von je 15 Euro verkauft, teilte das Leverkusener Unternehmen am Dienstag mit. Die Erstnotiz im Geregelten Markt in Düsseldorf ist am 30. Oktober geplant. Zwischen 15. Dezember und 15. Januar können die Aktionäre für je zwei gezeichnete Anteilsscheine zusätzlich eine neue Aktie zum gleichen Preis kaufen. Dafür stehen weitere 221.757 Aktien zur Verfügung, die von der DZ Bank zum geringsten Ausgabebetrag von je einem Euro gezeichnet werden. Alle 665.271 neuen Aktien stammen aus einer Kapitalerhöhung um 6,5 Millionen Euro. Ursprünglich hatte Biofrontera im Sommer in den Prime Standard gehen wollen.

          Ungeachtet solcher Erfahrungen will das Biotechnologieunternehmen Wilex am 13. November auch in den Prime Standard gehen. Unter Führung der WestLB und von Sal. Oppenheim sollen vom 7. bis 9. November bis zu 4,6 Millionen Aktien angeboten werden, wie Wilex am Dienstag mitteilte. Die Altaktionäre geben keine Aktien ab. Die Preisspanne will Wilex am 6. November veröffentlichen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) stand der Zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) im TV-Duell gegenüber.

          TV-Duell zur Hamburger Wahl : Darf's noch ein bisschen grüner sein?

          Lange sah es so aus, als ob die Grünen das Hamburger Rathaus erobern könnten. Doch im TV-Duell wird deutlich: Der amtierende SPD-Bürgermeister Peter Tschentscher gibt das souveräne Stadtoberhaupt – und ist aus dem Schatten seines Vorgängers getreten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.