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Neue Programme : Verfrühte Freude über China

  • -Aktualisiert am

China will der angeschlagenen Immobilienbranche helfen - doch Zweifel bleiben. Bild: dpa

Die Börse bejubelt vermeintliche Pekinger Kehrtwenden bei Null Covid und im Immobilienmarkt. Doch die vermeintlichen Wenden sind eher kleine Korrekturen.

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          Marco Castelli ist eingesperrt. In China, schon wieder. Der italienische Geschäftsmann, der in der Schanghaier Anfu-Straße einen kleinen Laden betreibt, muss zwei Tage zuhause bleiben – weil einer der Bewohner im Gebäude von den chinesischen Gesundheitsbehörden als „Kontakt eines Kontakts“ zu einem Covid-Infizierten eingestuft worden ist.

          Der Lockdown ist nichts Neues für Castelli. Es ist das zweite Mal, dass er innerhalb von drei Wochen in Hausarrest musste. So wie Millionen andere in China. Gegenüber Castellis Modegeschäft etwa liegt das bei Ausländern und Chinesen gleichermaßen beliebte Restaurant „Alimentari“. Dort holten vor ein paar Wochen Busse sämtliche Angestellten ab und fuhr sie in ein Quarantänelager. Doch nun soll es mit dem Null-Covid-Spuk vorbei sein im Reich der Mitte – zumindest, wenn man den Finanzmärkten Glauben schenkt.

          HANG SENG

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          Um gut 19 Prozent ist der Index MSCI China seit Anfang des Monats gestiegen. Der Optimismus der Investoren speist sich fast ausschließlich aus der Hoffnung auf ein baldiges Ende der radikalen Null-Covid-Politik von Präsident Xi Jinping. Diese hat auch den Hongkonger Hang-Seng-Index in zwei Wochen ein Fünftel an Wertzuwachs beschert. Als Pekings Nationale Gesundheitskommission am Freitag 20 Maßnahmen zur „Optimierung“ der Null-Covid-Politik vorstellte, fühlten sich die Anleger bestätigt. Ab sofort sollten nur noch Jene in Quarantäne, die direkt Kontakt mit einem Covid-Infizierten gehabt haben. Einreisende müssen sich statt 7 nur noch 5 Tage in einem Regierungshotel oder einem Zentrallager isolieren.

          Seitdem am Wochenende Berichte kursierten, dass Peking nun nicht nur die gefürchteten Lockdowns abschaffen wollte, sondern auch den darniederliegenden Häusermarkt mit allerhand neuen Krediten für hoch verschuldete Immobilienentwickler wieder aufrichten wolle, schnellen deren Aktienkurse rasant nach oben.

          Der Preis für einen Anteilsschein von Country Garden, gemessen an den Verkäufen größter Wohnungsbaukonzern des Landes, stieg allein am Montag an der Hongkonger Börse um über 45 Prozent. Chinesische und ausländische Medien hatten am Wochenende berichtet, dass die chinesische Zentralbank und die Bankenaufsicht einen 16 Punkte umfassenden Plan vorgelegt hätten, um die „stabile und gesunde Entwicklung“ der Immobilienwirtschaft sicher zu stellen. Darunter befände sich die Möglichkeit für die Wohnungsbaukonzerne, in den kommenden sechs Monaten auslaufende Bankkredite um ein Jahr zu verlängern. Auch die die Fälligkeit von Anleihezinsen könne demnach nach hinten geschoben werden.

          COUNTRY GARDEN HLDGS CO.

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          Das wirke sich günstig auf den Cashflow der darbenden Entwickler aus, schrieb die Bank UBS am Montag in einer Analyse. Vor einem Jahr hatte die Zentralregierung den sehr oft extrem hoch verschuldeten Konzernen den Kredithahn zugedreht, was Wohnungsbauer wie Evergrande in erhebliche Liquiditätsnöte gebracht hatte. In der Folge standen die Kräne auf vielen Baustellen still. Wohnungen, die die Käufer bereits teilweise bezahlt hatten, wurden nicht fertig gebaut. Das wiederum hat unter den Chinesen eine Vertrauenskrise ausgelöst, in der der Verkauf von Wohnungen auf 80 Prozent des Niveaus aus dem Jahr 2019 vor Beginn der Pandemie eingebrochen ist.

          Nun sollen offensichtlich die Entwickler mit frischem Geld in die Lage versetzt werden, die Wohnungen fertig zu bauen, um das Vertrauen in der Bevölkerung wiederherzustellen und die Preise zu stabilisieren. Für die in China sehr wichtige Immobilienindustrie, die je nach Rechnung bis zu einem Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung stellt, sei dies ein „Wendepunkt“, schrieb die UBS.

          Nur ein „Wendchen“

          Doch ist dem wirklich so? Längst nicht alle Beobachter glauben, dass Chinas Führung bei zwei ihrer wichtigsten politischen Entscheidungen der vergangenen Jahre nun plötzlich eine Kehrtwende hinlegt. Schließlich war vom Parteikongress, auf dem Präsident Xi Jinping seine Macht auf möglicherweise Jahrzehnte hinaus zementiert hat, das gegenteilige Signal ausgegangen: Kontinuität statt Wandel. Und so seien die Lockerungen in der Covid-Politik und in der Immobilienindustrie denn zwar auch „positiv“, schreibt das Pekinger Analysehaus Gavekal Dragonomics. Doch sie sie seien „nicht die dramatischen Wenden“, auf die manche gehofft hätten: Mit den neuen Regelungen versuche die Regierung „ihren derzeitigen Ansatz zur Eindämmung von Covid und zum Wohnungsmarkt“ zu verbessern anstelle ihn aufzugeben.

          So wie der Schanghaier Geschäftsmann Castelli entgegen den neuen Regeln am Wochenende als Zweitkontakt illegal eingesperrt worden war, haben auch die Analysten von Gavekal Dragonomics große Zweifel, ob ausgerechnet in einer Zeit stark steigender Fallzahlen Peking seine Null-Covid-Politik tatsächlich lockern will. Der Eindruck, China rücke davon ab, ganze Städte unter Lockdown zu stellen, sei falsch. Und weil Einreisende fortan nach den fünf Tagen in zentralisierter Quarantäne weitere drei Tage in Hausarrest verbringen müssen, erhöhe sich die Zahl der Quarantänetage im Endeffekt von sieben auf acht.

          Gegenüber den verschuldeten Immobilienkonzernen werde Peking ebenfalls seine harte Linie beibehalten, so Gavekal Dragnomics. Beim nicht öffentlich vorgestellten Maßnahmenpaket handele es sich nicht um eine von der Zentralregierung geführte Rettung angeschlagener Wohnungsbauer wie Evergrande. Bis sich die Vertrauenskrise bei den Wohnungskäufern lege, werde „einige Zeit“ vergehen.

          Frühere „gut gemeinte“ politische Interventionen hätten gezeigt, dass diese die Wirtschaft nicht hatten beflügeln können. Statt 16-Punkte-Pläne und wolkigen Ankündigungen seien deshalb für die Hoffnung auf eine Revitalisierung der chinesischen Wirtschaft nur konkrete Signale ausschlaggebend: Die Entwicklung neuer Impfstoffe, eine breitflächige Impfkampagne in der Bevölkerung sowie ein Anstieg der Kreditvergabe und Hausverkäufe.

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