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Neue Anleihen : Der enge Verwandte der Inflation

Slowenien bietet schöne Plätze - nicht unbedingt schöne Zinsen. Bild: AFP

Slowenien begibt eine langfristige Anleihe, die aber nur auf den ersten Blick attraktiv ist. Angesichts der unsicheren Zinsentwicklung sollten Anleger eher kürzere Laufzeiten kaufen.

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          Zinsen und Inflation sind enge Verwandte. Das gilt nicht nur für den ökonomischen Zusammenhang, wie gerade die Türkei Recep Erdogans bemüht ist, unter Beweis zu stellen, sondern auch für die Geldanlage. Anleihenkäufer verweisen zwar oft darauf, dass sie selbige kaufen, weil sie ja nicht spekulieren wollen und deswegen festem Zins und fester Tilgung den Vorzug geben. Tatsächlich aber spekulieren sie entweder doch, oder aber sie tun es implizit – oder ignorieren wichtige Grundlagen für ihre Anlageentscheidungen. Was letztlich die schlechteste aller Varianten wäre.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Beispiel gefällig? Slowenien begibt dieser Tage eine Anleihe mit einem schönen Kupon von 1,175 Prozent. Das ist für eine Euro-Staatsanleihe mit einem Durchschnittsrating von „A+“ dieser Tage enorm viel. Der Haken ist die Laufzeit von 40 Jahren. Wer von dieser Anleihe erwartet, dass sie bis zum Laufzeitende wenigstens den Wert des investierten Geldes bewahrt, spekuliert auf eine durchschnittliche Inflationsrate von höchstens 1,175 Prozent bis zum Jahr 2062. Eine enorm mutige Annahme, nicht nur gerade jetzt in Anbetracht viel höherer Preissteigerungsraten, sondern generell. Man denke einmal 40 Jahre zurück. Damals betrug nicht nur die Inflationsrate mehr als 5 Prozent, Slowenien war auch noch Teil eines sozialistischen Jugoslawiens. Seit 1956 lag die durchschnittliche Inflationsrate in Deutschland über einen Zeitraum von 40 Jahren zwischen 1,9 und 3,2 Prozent.

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          Unterm Strich ergibt sich damit beim Halten der Anleihe von der Zeichnung bis zum Ende der Laufzeit ein realer Wertverlust von 5 bis 45 Prozent. Das sieht im Moment zwar besser aus als Negativzinsen. Aber da gibt es mit mehr Inflation auch Hoffnung auf mehr Zinsen. Da empfiehlt es sich vielleicht doch, jetzt mit weniger Zinsen kurzfristiger anzulegen, wenn man schon eine Anleihe kaufen möchte, deren Renditen aktuell der Inflationsentwicklung allenfalls zögerlich folgen. Rheinland-Pfalz bietet eine zweijährige Anleihe – mit Zinsen, die das Äquivalent zum Zwiebelschneiden sind: 0,01 Prozent. Macht bei 2 bis 3 Prozent prognostizierter Inflation auch einen deutlichen Wertverlust. Aber vielleicht findet sich ja 2024 wieder etwas Besseres. Aktuell könnte man auf fremde Währungen setzen, weil dem Euro derzeit nicht viel zugetraut wird. Für den australischen Dollar etwa sind die Prognosen auf Sicht von zwölf Monaten günstig, was die fünfjährige Anleihe der LBBW interessant machen könnte.

          Unsicherheiten über die wirtschaftliche Entwicklung

          Was nun die Entwicklung von Zinsen und Anleiherenditen angeht, so ist diese mit einiger Unsicherheit behaftet. Was an sich nichts Neues ist, nur trifft es aktuell mehr zu denn je. So hat die amerikanische Notenbank Fed angedeutet, dass Zinserhöhungen früher beginnen und die Bilanz aggressiver reduziert werden könnte. Doch während die einen sagen, die Kommunikation sei klar, sehen vor allem Niedrigzins-Optimisten genug Grund, dass am Ende doch nicht alles so heiß gegessen wie gekocht wird. So habe sich Notenbankchef Powell zuletzt weder für vier Zinserhöhungen in diesem Jahr oder einen Beginn im März ausgesprochen, noch habe er Einzelheiten genannt, wann die Verringerung der Bilanzsumme beginnen soll.

          Und dann gebe es doch noch Unsicherheiten über die wirtschaftliche Entwicklung, in Form etwa eines verringerten Flugverkehrs, eines Arbeitskräftemangels und des konsumdämpfenden Anstiegs der Energiepreise. „Auch wenn die Anleihemärkte sehr empfindlich auf die Botschaften der Zentralbanken reagieren und mehr Zinserhöhungen eingepreist haben als noch vor einigen Wochen, muss es ein Szenario geben, in dem sich die Normalisierung der Geldpolitik verzögert“, schreibt Chris Iggo, Anlagestratege bei der Fondsgesellschaft Axa IM. Im Moment tendiert der Markt zu der Ansicht, dass die Anleiherenditen „zu kämpfen haben werden“, bis ein neuer Konsens über die Zinsentwicklung gefunden sei. Solange gilt: Die Verwandtschaft geht getrenntere Wege als sonst. Passt ein bisschen in die Zeit.

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