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Nach dem Blitzstresstest : Banken werden ihre Sparten nur schwer los

Banken wollen Geschäftsbereiche verkaufen, nur die Nachfrage ist gering Bild: Setzer, Claus

31 Banken müssen nach dem Test der europäischen Bankenaufsicht Kapitallücken schließen, viele wollen das schaffen, indem sie sich verkleinern. Mögliche Käufer haben so eine große Auswahl.

          Viele europäische Banken wollen Geschäftssparten verkaufen. Sie reagieren damit auf den Test der europäischen Bankenaufsicht EBA, der eine Kapitallücke bei 31 von 71 europäischen Großbanken offengelegt hat. Insgesamt klafft demnach im europäischen Bankensektor eine Kapitallücke von 114,7 Milliarden Euro. Viele Banken wollen diese Lücke schließen, indem sie sich verkleinern und dann weniger Eigenkapital benötigen.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Bisher haben europäische Banken nach Daten von Bloomberg angekündigt, durch Verkäufe von Unternehmensteilen und Krediten einen mittleren zweistelligen Milliardenbetrag erlösen zu wollen. Darunter sind vor allem Banken wie die österreichische Hypo Alpe Adria, die belgische KBC oder die holländische ING, die schon vor Monaten Staatshilfe benötigt haben und nun wegen EU-Auflagen schrumpfen müssen.

          Schon ihre Verkäufe verlaufen schleppend, denn alle Banken müssen höhere Eigenkapitalanforderungen erfüllen. Zudem ist Liquidität knapp. Daher finden seit Monaten zum Verkauf stehende Bankteile wie in Deutschland etwa die BHF Bank der Deutschen Bank oder die Westimmo der West LB bisher keine Käufer. Auch die Eurohypo der Commerzbank, die auf Verlangen der EU bis Ende 2014 verkauft werden muss, gilt als nahezu unverkäuflich.

          Polnischer Markt eigentlich attraktiv

          Nun kommen weitere Banken hinzu, die sich von bisher zum Kerngeschäft zählenden Unternehmensteilen trennen wollen. Wohl auch in Reaktion auf die Tests der europäischen Bankenaufsicht hat vor kurzem in Deutschland die Deutsche Bank ihre Vermögensverwaltung mit Ausnahme der Fondsgesellschaft DWS ins Verkaufsfenster gestellt. Dies geschah mit der Ankündigung, die Aufstellung der 350 Milliarden Euro verwaltenden Sparte zu prüfen.

          Die französischen Banken Société Générale und Crédit Agricole bieten dem Vernehmen nach ihren Broker Newedge zum Kauf an. Und die besonders um Kapital ringende Commerzbank ist bereit, sich mit Ausnahme der Comdirect und der polnischen BRE Bank von allen Beteiligungen zu trennen, Dazu gehört etwa die Bank Forum in der Ukraine.

          Auch andere westeuropäische Banken haben Tochterbanken in Osteuropa und Asien zum Verkauf gestellt. An der profitablen türkischen Denizbank der belgischen Bank Dexia aber haben einige Bieter dem Vernehmen nach schon nach wenigen Wochen ihr Interesse verloren, obwohl die Türkei und auch Polen in Osteuropa als die attraktivsten Märkte der Zukunft gelten. In Polen bietet gerade der portugiesische Banco Comercial Portuges die Bank Millenium an.

          Die spanische Großbank Santander, die mit einer Kapitallücke von mehr als 15 Milliarden Euro im Test den größten Kapitalbedarf aller europäischen Banken offenlegen musste, bot bisher für die zum Verkauf stehende polnische KBC-Tochterbank Kredyt. Ob Santander am Bieterverfahren weiter teilnimmt, ist wegen der großen Kapitallücke nun fraglich. Die britische Großbank HSBC hat sich nicht nur aus dem eigentlich attraktiven polnischen Markt schon zurückgezogen. Und die spanischen Banken, auf die fast ein Viertel des europäischen Kapitalbedarfs im Bankensektor entfällt, dürften sich aus Teilen von Lateinamerika zurück ziehen.

          Kreditvolumen könnte um bis zu 1,7 Billionen Euro abnehmen

          Damit ist fraglich, ob die westeuropäischen Banken ihre Kapitallücken allein durch Unternehmensverkäufe werden schließen können. Absehbar ist zumindest, dass sie bei den Preisverhandlungen angesichts der Masse an Verkaufsobjekten, unter denen Käufer wählen können, Preisnachlässe werden gewähren müssen. Auch der Weg, die Kapitallücke durch die Aufnahme neuen privaten Kapitals zu schließen, dürfte vielen versperrt sein.

          Deshalb bereitet die Bundesregierung die Wiedereröffnung des Bankenrettungsfonds Soffin vor. Banken mit hohem Kapitalbedarf wie etwa die Commerzbank sollen notfalls zur Aufnahme von staatlichem Kapital gezwungen werden können, denn während der Verkauf von Unternehmensteilen durch Banken und damit eine Verkleinerung des Sektors politisch durchaus erwünscht ist, soll die Kreditvergabe an Unternehmen durch das Schrumpfen der Banken möglichst nicht leiden.

          EBA-Präsident Andrea Enrica ließ denn auch durchblicken, dass er nicht jeden Plan zum Erreichen einer Kernkapitalquote von 9 Prozent bis zur Jahresmitte 2012 durchwinken wird. Er will verhindern, dass die Banken die Kreditvergabe an die Unternehmen deutlich drosseln und so Unternehmensinvestitionen und damit Wirtschaftswachstum gefährden.

          Dabei ist der Verkauf von Krediten durch Banken wieder in Gang gekommen. Ein Bankchef berichtete dieser Tage, er habe zunächst einem guten Unternehmen wegen seiner Schrumpfungspläne einen Kredit verweigern müssen. Drei Wochen später hätte er für die Bank den Kredit am Markt gekauft - zu einer um 1,5 Prozentpunkte höheren Zinsmarge jedes Jahr. Nach einer Studie der schweizerischen Großbank UBS werden allein die Banken im Euroraum ihre Bilanzsummen um bis zu 4,5 Billionen Euro schrumpfen lassen. Dabei könnte das Kreditvolumen in den kommenden drei Jahren um 1,4 bis 1,7 Billionen Euro abnehmen, heißt es.

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