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Mini-Zinserhöhung : Türkische Notenbank enttäuscht Anleger

Stürmische Zeiten für die türkische Notenbank in Ankara. Bild: Reuters

Die türkischen Währungshüter haben weniger getan, als viele Beobachter dachten. Auch, weil sie vorsichtig optimistisch sind für die türkische Wirtschaft. Das überrascht.

          Die türkische Notenbank sieht die Wirtschaft des Landes auf einem vorsichtigen Erholungskurs und strafft trotz steigender Inflation und fallender Lira-Kurse die Geldpolitik nur unwesentlich. Zwar sei die Binnennachfrage schwach. Die Nachfrage der EU belebe aber den Export und auch die Konjunkturpolitik zahle sich aus, hieß es. „Es ist zu erwarten, dass sich die Belebung der Wirtschaftsaktivitäten in moderatem Tempo fortsetzt“, teilte die Bank nach ihrer geldpolitischen Sitzung an diesem Dienstag in Ankara mit.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Dort beschloss das Gremium unter der Leitung des erst 40 Jahre alten Notenbankgouverneurs Murat Çetinkaya, den Leitzins unverändert bei 8 Prozent zu belassen. Dabei handelt es sich um den einwöchigen Refinanzierungssatz. Hingegen wurde der Übernachtsatz um 0,75 Prozentpunkte auf 9,25 Prozent erhöht. Der Satz für Liquidität innerhalb eines einstündigen Kurzfristfensters am Nachmittag stieg um einen Punkt auf 11 Prozent.

          Schwächere Währung, hohe Teuerung

          Dass die Schritte derart vorsichtig ausfielen, überraschte viele Analysten und Devisenhändler. Mehrheitlich war mit einer Leitzinserhöhung um 0,5 Punkte gerechnet worden, um die Inflation in Schach zu halten und die Kapitalflucht einzudämmen. Diese setzte sich nach der als enttäuschend empfundenen Sitzung des geldpolitischen Ausschusses fort: Die Lira verlor am Dienstag gegenüber dem Dollar vorübergehend 1,9 Prozent an Wert, bevor sie sich wieder etwas fing.

          Der Kursverlust seit Jahresbeginn summiert sich auf rund 7 Prozent. 2015 und 2016 war das Minus jeweils zweistellig gewesen. Auch die Inflation entwickelt sich ungünstig. Die Jahresrate 2016 betrug 8,5 Prozent, was weit vom Fünf-Prozent-Ziel der Zentralbank entfernt liegt. Dennoch verbreiteten die Währungshüter am Dienstag Zuversicht. Wenngleich die „exzessive Fluktuation in den Wechselkursen“ die Inflationsaussichten trübe und sich der Preisauftrieb kurzfristig fortsetzen dürfte, bremse doch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage die Teuerung ab.

          Um dem Ziel der Preisstabilität näher zu kommen, behält sich die Zentralbank weitere Eingriffe vor. Auch will sie dann Einfluss auf die Liquiditätsversorgung nehmen, wenn es zu einer „ungesunden Preisentwicklung am Devisenmarkt kommt, die mit den ökonomischen Fundamentaldaten nicht im Einklang stehen“. Jenseits der Zinspolitik hat das Institut in den vergangenen Wochen auch andere Wege genutzt, um der Geldpolitik Zügel anzulegen, etwa mit Hilfe höherer Mindestreserveanforderungen an die Geschäftsbanken. Am Dienstag kündigte sie an, „alle verfügbaren Instrumente“ für ihre Ziele einsetzen zu wollen.

          Während einige Fachleute der Ansicht sind, dass das Vorgehen zu greifen beginne, sagen andere, dass die vorübergehende Stabilisierung der Lira eher am Wertverlust des Dollars im Zuge der Amtsübergabe an den amerikanischen Präsidenten Donald Trump liege. „Die geldpolitischen Maßnahmen in der Türkei liegen unter den Erwartungen der Marktteilnehmer. Wir hätten zumindest einen symbolischen Leitzinsschritt erwartet“, sagt Gunter Deuber, leitender Volkswirt bei RBI Research in Wien. Das jetzt eingeleitete Programm „wird wohl nicht ausreichen, um das internationale Marktsentiment für die Türkei zu drehen“.

          Das Lavieren der formal unabhängigen Zentralbank wird am Markt damit erklärt, dass Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sie unter Druck setze, da er sich nach eigenem Bekunden eher Zinssenkungen als -erhöhungen wünsche. Damit will er dem abgeschwächten Wachstum entgegentreten, das im dritten Quartal 2016 zum ersten Mal seit dem Krisenjahr 2009 negativ gewesen sei. „Am Markt wird zu viel politische Beeinflussung der Notenbank gesehen“, sagt Deuber.

          Allerdings sind Erdogans Zinswünsche leiser geworden. „Der Präsident hatte Bedenken, aber die Wirtschaft befindet sich an einem derart sensiblen Punkt, dass auch er einsieht, dass eine gewisse geldpolitische Straffung nötig ist“, sagt Ege Yazgan, Volkswirtschaftsprofessor und Vize-Rektor an der privaten Bilgi-Universität in Istanbul. Yazgan meint, dass Erdogan zwar nicht mit einer drastischen Anhebung um mehrere Prozentpunkte, wohl aber mit einem „vernünftigen Umfang der Zinserhöhung“ leben könne. Die mäßigen Schritte vom Dienstag dürften diese Erwartungen erfüllt haben.

          In einem Punkt widerspricht das Vorgehen der Zentralbank deutlich ihren eigenen Vorsätzen. Eigentlich wollte sie ihre Geldpolitik vereinfachen und transparenter machen. Geschehen sollte das durch eine Verringerung des Abstands zwischen den verschiedenen Zinssätzen, vor allem zwischen Soll- und Habensatz in den Übernachtgeschäften. Im September hatte die Bank die Lücke planmäßig auf einen Prozentpunkt geschlossen, den niedrigsten Abstand seit 2010. Seit Dienstag aber klaffen die Raten wieder um 2 Punkte auseinander. „Damit unterläuft die Notenbank eigene Zielsetzungen, denn lange war es Notenbankziel, den Zinskorridor zu senken“, resümiert der RBI-Ökonom Deuber.

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