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Gegen die Zensur : MeToo erreicht China

Chinesische Frauen lassen sich von der Zensur nicht mehr davon abhalten, über sexuellen Missbrauch zu berichten Bild: AP

In der Volksrepublik melden sich immer mehr Frauen mit dem Vorwurf, von ihren Vorgesetzten belästigt und vergewaltigt worden zu sein. Die Nation ist schockiert.

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          Am frühen Morgen des 23. Juli wurde ein anonymer Artikel im chinesischen Internet veröffentlicht, der es in sich hatte: Lei Chuang, ein in China prominenter Aktivist, dessen Nichtregierungsorganisation Yiyou Charity sich für die Träger des Hepatitis-B-Virus einsetzt, habe die Autorin des Artikels vergewaltigt, einen Abend nach ihrem 20. Geburtstag.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Der Vorfall habe sich am 29. Juli des Jahres 2015 ereignet, schrieb die junge Frau. Sie hatte sich freiwillig gemeldet, um bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung der Organisation zu helfen, eine gemeinsame Wanderung für den guten Zweck.  

          Charitiy-Chef Lei Chuang hatte demnach in Peking ein Hotelzimmer für beide gebucht, und diesen auch in China äußerst ungewöhnlichen Schritt mit dem Satz begründet, dass die NGO „sehr arm“ sei und es „üblich“ sei, dass auch unterschiedliche Geschlechter in einem Raum schliefen. Sie habe den Vorgesetzten nicht verärgern wollen, schreibt die junge Frau in ihrem Internet-Artikel, sie habe auch nicht gewusst, wie sie dem Ansinnen begegnen soll. Dann habe dieser ihr die Jungfräulichkeit genommen, gewaltsam und auf „sehr schmerzhafte Art“.

          Debatte durch Zensur nicht mehr aufzuhalten

          Als sie in diesem Juli, zwei Jahre nach der Tat, davon gehört habe, dass es auch andere Opfer von Lei Chuang gebe, habe sie sich an die Öffentlichkeit gewagt. Spätestens seit dieser Woche hat es die MeToo-Bewegung auch nach China geschafft.

          Proteste gegen Sexismus : #MeToo- aus dem Internet in die reale Welt

          Während vorhergehende Versuche junger Frauen, auf ihre eigenen Erlebnisse mit sexueller Belästigung in der Volksrepublik und auf das entsprechende gesellschaftliche Klima im Land aufmerksam zu machen, von den Zensoren noch eingehegt wurden, ist die Debatte wohl nun nicht mehr aufzuhalten. Der Fall des Wohltätigkeitsarbeiters Lei ist dabei nur einer unter vielen.

          Der Mann hatte nach Veröffentlichung der Vorwürfe im Internet in einem Eintrag in einem Kurznachrichtendienst diese zugegeben; inzwischen ist der Eintrag wieder gelöscht. Unklar ist auch, ob Lei wie angekündigt den Vorsitz seiner Organisation niederlegen wird.

          Was Chinas jungen Frauen derzeit nachts den Schlaf raubt, ist der Umstand, dass die neuen Fälle von sexueller Belästigung und Vergewaltigungen auch in Branchen stattgefunden haben, die – zumindest in China – ganz offensichtlich bis heute eine Art Vertrauensvorschuss und eine Reputation der Aufrichtigkeit besessen haben. Wie zum Beispiel die Umweltschützer.

          Sexuelle Belästigung auch in Branchen mit gutem Ruf

          Zu diesen zählt Feng Yongfeng, 47 Jahre alt und in China wohl bekannt, der insgesamt zehn Nichtregierungsorganisationen gegründet hat. Dieser soll laut Vorwurf der NGO-Angestellten Liu Bin Praktikantinnen und weibliche Angestellte belästigt und vergewaltigt haben. Die Narada-Stiftung hat die Vorwürfe inzwischen bestätigt. Der Beschuldigte hat ebenfalls die Vorwürfe auf dem Kurznachrichtendienst Wechat eingeräumt. Er sei oft betrunken gewesen in dieser Zeit, lautet die Entschuldigung, er habe damit Stress abbauen wollen.

          Ebenfalls beschuldigt ist der 44 Jahre alte Zhang Wen, einem früheren Chefredakteur des in China bekannten Magazins China News Weekly. Dieser soll eine Untergebene bei einem Abendessen betrunken gemacht haben und sie danach in eine Teestube gelotst, in der er sie in einem Nebenraum vergewaltigt habe. Als das Opfer drohte, an die Öffentlichkeit zu gehen, habe der Journalist ihr gedroht, er werde alles tun, um das zu verhindern.

          Zhang Wen hat die Vorwürfe inzwischen als „One-Night-Stand“ abgetan. Inzwischen haben sich jedoch noch viel mehr Opfer des Manns gemeldet, die detailliert berichten, wie er sie belästigt und gegen ihren Willen geküsst habe. In einem Fall habe eine der Frauen heißes Wasser über den Angreifer schütten müssen, um fliehen zu können.

          Insgesamt wurden bis jetzt drei bekannte Leiter von Nichtregierungsorganisationen mit Vorwürfen beschuldigt, dazu drei führende Journalisten und drei Professoren und Wissenschaftler – allein in den vergangenen drei Tagen. Es ist wohl zu erwarten, dass es nun auch in China in den kommenden Wochen und Monaten zu noch viel mehr Vorwürfen und Geständnissen kommen wird.

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