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Schwierige Messungen : Wie reich sind die Reichen?

Luxusboote während der Yacht-Show in Monaco Bild: Reuters

Die Deutschen werden immer reicher. Nur, wie misst man ein Vermögen? Gar nicht so einfach. Wir haben uns die verschiedenen Methoden zur Messung angeschaut.

          6 Min.

          Wie spürt man Reiche auf? Bei dieser Frage wird Wolfgang Lauterbach, der wohl führende Reichenforscher Deutschlands, einen Moment lang ganz still. Dann antwortet der Potsdamer Professor: „Das ist eine schwierige Aufgabe, ganz besonders in Deutschland.“

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dies ist eine bemerkenswerte Auskunft für jemanden, der einen großen Teil seiner täglichen Arbeit damit verbringt, so viel über Reiche zu erfahren, wie es nur geht. Schon wer gerne Wirtschaftsmagazine liest oder auch nur regelmäßig die Nachrichten schaut, muss von Lauterbachs Antwort verblüfft sein. Schließlich berichten die Medien nur zu gern von den reichsten Menschen der Welt (laut aktueller Liste des amerikanischen Magazins Forbes: Bill Gates) oder den reichsten Deutschen (laut aktueller Liste des „Manager Magazins“: die Unternehmerfamilie Reimann). Banken veröffentlichen im Jahresrhythmus große Studien mit verblüffend genauen Angaben zur Zahl der Millionäre auf der Welt. Und auch Hilfsorganisationen wie Oxfam prangern stets zum Jahresauftakt mit großer Geste an, dass sich das Vermögen der Welt in den Händen weniger Superreicher konzentriere.

          Ab einer Million Euro Vermögen?

          Wenn alle so exakte Daten präsentieren: Wie kann es da sein, dass ein Forscher wie Lauterbach sich so schwer damit tut, belastbare Zahlen zu seinem Forschungsgegenstand zu nennen?

          Die Antwort ist simpel: Ob Reichen-Ranking, Bankstudie oder Oxfam-Untersuchung – jeder, der solche Studien veröffentlicht, weiß, dass er sich maximaler medialer und mitunter auch politischer Aufmerksamkeit gewiss sein kann. Die Hoffnung ist, dass sich niemand so genau mit den statistischen Grundlagen der Studien beschäftigt. Denn dann würde sich schnell herausstellen, dass man über Millionäre und Multimillionäre eigentlich nur herzlich wenig weiß. Leicht überspitzt formuliert: Das Ganze ist nahe an der Scharlatanerie. Markus Grabka, der sich am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) seit Jahren mit dem Thema befasst, sagt es so: „Reichtumsforschung ist Voodoo-Ökonomie.“

          Die Schwierigkeiten beginnen schon bei der Definition: Wann ist jemand reich? Üblicherweise sehen sich Menschen selbst nur in den wenigsten Fällen als reich an. Schließlich gibt es so gut wie immer jemanden, der noch mehr besitzt. Also muss eine wissenschaftliche Definition her. Forscher wie Lauterbach finden folgende Formulierung passend: „Reich ist derjenige, der von den Notwendigkeiten des Alltags – insbesondere von der Erwerbstätigkeit – befreit ist, und der so hohe Kapitalerträge aus seinem Vermögen erzielt, dass er diese völlig frei einsetzen kann.“ Richtig weiter hilft aber auch das noch nicht. Besser wäre eine exakte Zahl. Nur wo soll man die Grenze ziehen? Ab einer Million Euro Vermögen? Oder muss die Summe noch höher sein?

          Schwierigkeit des ganzen Unterfangens

          Dieses Problem lässt sich noch relativ einfach lösen. Viele Deutsche würden zustimmen, dass reich ist, wer eine Million Euro Vermögen sein Eigen nennen kann. Wo aber sind diese Menschen zu finden? Man könnte nun auf die Institution hoffen, die das Leben der Deutschen vermisst wie keine zweite – das Statistische Bundesamt. Bei den regelmäßigen Befragungen zu den Lebensbedingungen in deutschen Haushalten (Mikrozensus) herrscht sogar gesetzlich vorgeschriebene Auskunftspflicht. Dies mag man als liberal gesinnter Bürger ablehnen, aus Sicht der Reichtumsforscher aber sind dies eigentlich perfekte Bedingungen. Allerdings wird in den Befragungen nicht das Vermögen erfasst, sondern nur das Einkommen.

          Mehr Details verspricht dagegen die sogenannte Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, die das Statistische Bundesamt alle fünf Jahre vornimmt. Hierzu gehören ausdrücklich auch Fragen nach dem Geld- und Sachvermögen. Was interessant klingt, erfüllt seinen Zweck für die Reichtumsforscher leider nicht. Denn zum einen ist die Teilnahme freiwillig. Und zum anderen wird man ab einem Haushaltsnettoeinkommen von monatlich 18.000 Euro automatisch von der Befragung ausgeschlossen. Der Grund ist, wie könnte es im Falle des Statistischen Bundesamtes anders sein, ein statistischer: In früheren Befragungen haben diese Haushalte in so geringer Anzahl teilgenommen, dass gesicherte Aussagen über ihre Lebensverhältnisse nicht möglich seien. Anders ausgedrückt: Die wenigen Teilnehmer in dieser Einkommensgruppe haben zu verzerrenden Effekten in der Statistik geführt. Was aber mit sich bringt, dass sich eben auch aus dieser Erhebung keine relevanten Daten über Deutschlands Reiche ableiten lassen.

          Eine andere deutsche Institution, die Bundesbank, kann ebenfalls nicht damit dienen. Zwar macht sie regelmäßig Befragungen zur Vermögenssituation der Deutschen, aber auch die beruhen auf Freiwilligkeit. Repräsentative Aussagen über Deutschlands Reiche lassen sich, ausgehend von dieser Basis, nicht treffen.

          Das verdeutlicht die Schwierigkeit des ganzen Unterfangens: Reiche nehmen in aller Regel an solchen Befragungen noch seltener teil als die übrigen Deutschen. Über die Gründe kann man nur spekulieren: Manche scheuen sicherlich den Aufwand. Andere wollen gar keinen Einblick in ihre Vermögensverhältnisse geben, was ihr gutes Recht ist. Da aber gerade die Hochvermögenden nur einen geringen Anteil an der Bevölkerung ausmachen, müssten sie eigentlich in überproportional hohem Maße bei den Umfragen mitmachen, damit sich statistisch belastbare Informationen über sie gewinnen lassen. In der Wissenschaft wird dieses Vorgehen als „Over-Sampling“ bezeichnet. Man könnte aber auch von einem Teufelskreis sprechen, aus dem es für die Wissenschaftler kein Entrinnen gibt. DIW-Mann Grabka sagt: „Die Datenlage zur Verteilung der Privatvermögen in Deutschland ist nicht zufriedenstellend.“

          Die Faktoren Aktien, Immobilien und Schulden

          Aus Sicht der Reichtumsforscher gäbe es allerdings ein perfektes Instrument, um die Daten zu erhalten, für die sie sich so sehr interessieren – die Vermögensteuer, die in Deutschland zuletzt im Jahr 1996 erhoben wurde. Gäbe es sie, ließe sich zumindest theoretisch aus den Informationen der Finanzämter eine Menge Wissenswertes über das Vermögen der Deutschen zusammentragen. Aus guten Gründen jedoch ist eine solche Steuer politisch und verfassungsrechtlich hoch umstritten. Zusätzlich darf man auch erhebliche Zweifel haben, ob und in welchem Ausmaß diese sensiblen Daten überhaupt in die Hände von Wissenschaftlern gelangen sollten. Was ein weiteres Mal zeigt, wie vertrackt die Situation aus Sicht der Reichtumsforscher ist.

          Wie aber kommen dann das amerikanische Magazin Forbes oder das deutsche „Manager Magazin“ zu ihren Ranglisten? Das „Manager Magazin“ schreibt dazu in aller Offenheit: „Bei allen Vermögensangaben handelt es sich um Schätzungen.“ Bei Forbes heißt es ebenfalls sehr klar ausgedrückt: „Wir wollen nicht so tun, als wüssten wir, wie die Vermögensbilanz jeder Person auf unserer Liste aussieht. Aber wir versuchen, alle diese Daten im Austausch mit den Betroffenen zu überprüfen. Manche kooperieren, manche nicht.“ Ausgerechnet diese Ranglisten, die in der Öffentlichkeit stets höchste Aufmerksamkeit erregen, beruhen also weitestgehend auf Schätzungen.

          Natürlich bewegen sich diese Schätzungen nicht völlig im luftleeren Raum. Auf den vordersten Plätzen der Reichenlisten finden sich viele Menschen, die große Anteile an börsennotierten Unternehmen halten. Der Wert dieser Anteile lässt sich täglich aufs Neue an der Börse ablesen, er ist bekannt. Zum Vermögen zählen aber nicht nur Aktien, sondern auch Immobilien. Deren Wert zu schätzen ist weitaus schwieriger, zumal kein Superreicher der Welt Auskunft über seinen Immobilienbesitz geben muss. Gleiches gilt selbstverständlich auch für Kunstwerke. Ein weiterer Punkt: Schulden schmälern das eigene Vermögen mitunter ganz erheblich, aber auch deren Höhe muss niemand veröffentlichen.

          Erben und Unternehmer

          Welch nahezu unmögliches Unterfangen das akkurate Zusammenstellen einer Reichenliste ist, zeigt eine Untersuchung aus dem Jahr 2010. Damals haben Forscher der amerikanischen Bundessteuerbehörde über einen längeren Zeitraum die Steuerdaten reicher Verstorbener mit den Daten aus der Forbes-Liste verglichen, soweit dies bei allen Ungenauigkeiten überhaupt möglich ist. Das Ergebnis: Forbes hat danach das Vermögen deutlich überschätzt, was wohl vor allen Dingen an fehlerhaften Informationen über die Schulden der Betroffenen lag.

          Die Magazine betonen alle, dass sie in Kontakt zu den Reichen auf ihren Ranglisten stünden, wobei man sich das in der Praxis so vorstellen muss: Die Magazinmacher erhalten vor allem erboste Anrufe der Reichen oder ihrer Anwälte, dass die Angaben falsch seien und korrigiert werden müssten. Dies kann im besten Fall ein Weg sein, sich den richtigen Zahlen anzunähern. Ein verlässliches Verfahren ist das aber nicht, weil davon auszugehen ist, dass sich längst nicht jeder zurückmeldet. Umso mehr irritiert es, dass auch viele Banken freimütig einräumen, bei ihren großen Vermögensstudien unter anderem auf die Informationen aus diesen Ranglisten zurückzugreifen.

          So stellen wir uns das Leben der Reichen und Schönen vor.

          Angesichts all dieser Schwierigkeiten ist auch mit Blick auf einen Shootingstar der Ökonomie Skepsis angebracht: Thomas Pikettys Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ verwendet in erheblichem Umfang Daten zur Vermögensverteilung.

          Gibt es also gar nichts, was wir gesichert über die Reichen wissen? So weit würde Wissenschaftler Wolfgang Lauterbach bei allen Einschränkungen nicht gehen. Im Rahmen einer aufwendigen Studie ist es ihm gemeinsam mit dem DIW gelungen, 130 Reiche aus Deutschland mit einem frei verfügbaren Geldvermögen von mindestens einer Million Euro zu befragen, wie sie zu ihrem Wohlstand gekommen sind. Das Ergebnis ist spannend: Rund zwei Drittel der Befragten sagten, dass ihr Vermögen auf eine Erbschaft oder eine Schenkung zurückzuführen sei. Als genauso relevant für ihren Reichtum nannten aber auch 60 Prozent der Befragten ihre Arbeit als Unternehmer.

          Weitere Schlussfolgerungen, darauf weisen die Forscher selbst hin, sind zumindest aus wissenschaftlicher Sicht nicht zulässig: Es waren eben nur 130 Befragte, die die Wissenschaftler nicht repräsentativ auswählen konnten. Reichtum, dieses faszinierende Phänomen, wird wohl noch lange Zeit ein Mysterium bleiben.

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