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Schwierige Messungen : Wie reich sind die Reichen?

Mehr Details verspricht dagegen die sogenannte Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, die das Statistische Bundesamt alle fünf Jahre vornimmt. Hierzu gehören ausdrücklich auch Fragen nach dem Geld- und Sachvermögen. Was interessant klingt, erfüllt seinen Zweck für die Reichtumsforscher leider nicht. Denn zum einen ist die Teilnahme freiwillig. Und zum anderen wird man ab einem Haushaltsnettoeinkommen von monatlich 18.000 Euro automatisch von der Befragung ausgeschlossen. Der Grund ist, wie könnte es im Falle des Statistischen Bundesamtes anders sein, ein statistischer: In früheren Befragungen haben diese Haushalte in so geringer Anzahl teilgenommen, dass gesicherte Aussagen über ihre Lebensverhältnisse nicht möglich seien. Anders ausgedrückt: Die wenigen Teilnehmer in dieser Einkommensgruppe haben zu verzerrenden Effekten in der Statistik geführt. Was aber mit sich bringt, dass sich eben auch aus dieser Erhebung keine relevanten Daten über Deutschlands Reiche ableiten lassen.

Eine andere deutsche Institution, die Bundesbank, kann ebenfalls nicht damit dienen. Zwar macht sie regelmäßig Befragungen zur Vermögenssituation der Deutschen, aber auch die beruhen auf Freiwilligkeit. Repräsentative Aussagen über Deutschlands Reiche lassen sich, ausgehend von dieser Basis, nicht treffen.

Das verdeutlicht die Schwierigkeit des ganzen Unterfangens: Reiche nehmen in aller Regel an solchen Befragungen noch seltener teil als die übrigen Deutschen. Über die Gründe kann man nur spekulieren: Manche scheuen sicherlich den Aufwand. Andere wollen gar keinen Einblick in ihre Vermögensverhältnisse geben, was ihr gutes Recht ist. Da aber gerade die Hochvermögenden nur einen geringen Anteil an der Bevölkerung ausmachen, müssten sie eigentlich in überproportional hohem Maße bei den Umfragen mitmachen, damit sich statistisch belastbare Informationen über sie gewinnen lassen. In der Wissenschaft wird dieses Vorgehen als „Over-Sampling“ bezeichnet. Man könnte aber auch von einem Teufelskreis sprechen, aus dem es für die Wissenschaftler kein Entrinnen gibt. DIW-Mann Grabka sagt: „Die Datenlage zur Verteilung der Privatvermögen in Deutschland ist nicht zufriedenstellend.“

Die Faktoren Aktien, Immobilien und Schulden

Aus Sicht der Reichtumsforscher gäbe es allerdings ein perfektes Instrument, um die Daten zu erhalten, für die sie sich so sehr interessieren – die Vermögensteuer, die in Deutschland zuletzt im Jahr 1996 erhoben wurde. Gäbe es sie, ließe sich zumindest theoretisch aus den Informationen der Finanzämter eine Menge Wissenswertes über das Vermögen der Deutschen zusammentragen. Aus guten Gründen jedoch ist eine solche Steuer politisch und verfassungsrechtlich hoch umstritten. Zusätzlich darf man auch erhebliche Zweifel haben, ob und in welchem Ausmaß diese sensiblen Daten überhaupt in die Hände von Wissenschaftlern gelangen sollten. Was ein weiteres Mal zeigt, wie vertrackt die Situation aus Sicht der Reichtumsforscher ist.

Wie aber kommen dann das amerikanische Magazin Forbes oder das deutsche „Manager Magazin“ zu ihren Ranglisten? Das „Manager Magazin“ schreibt dazu in aller Offenheit: „Bei allen Vermögensangaben handelt es sich um Schätzungen.“ Bei Forbes heißt es ebenfalls sehr klar ausgedrückt: „Wir wollen nicht so tun, als wüssten wir, wie die Vermögensbilanz jeder Person auf unserer Liste aussieht. Aber wir versuchen, alle diese Daten im Austausch mit den Betroffenen zu überprüfen. Manche kooperieren, manche nicht.“ Ausgerechnet diese Ranglisten, die in der Öffentlichkeit stets höchste Aufmerksamkeit erregen, beruhen also weitestgehend auf Schätzungen.

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