https://www.faz.net/-gv6-78qdc

Wohnungsmarkt : Die neue Macht der Makler

Das macht dann zwei Monatsmieten, bitte Bild: argum

Wer eine Wohnung sucht, ist den Maklern ausgeliefert. Und soll auch noch dafür bezahlen. Dagegen regt sich Protest.

          Es ist ein millionenfacher Frust: 3,6 Millionen Deutsche haben im vergangenen Jahr die Dienste eines Immobilienmaklers in Anspruch genommen. Zahlen mussten das fast immer die Mieter und Käufer von Wohnungen - fast alle dürften sich geärgert haben: dass sie überhaupt zahlen müssen und nicht etwa der Vermieter, der den Makler beauftragt hat. Oder zumindest, dass sie so viel zahlen müssen, denn die Provisionen bei Verkäufen erreichen im europäischen Vergleich Spitzenniveaus. 30.000 Euro bei einem Haus im Wert von 500.000 Euro sind Standard.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am meisten klagen wohl die Mietinteressenten. Denn sie haben kaum etwas von den Maklerdiensten. Im Internet recherchieren müssen sie selbst, kaum ein Anbieter macht sich die Mühe, für einen Kunden eine Mietwohnung zu suchen. Wenn sie Pech haben, werden sie noch nicht einmal zurückgerufen, wenn sie sich auf ein Angebot hin melden. Und müssen sich dann die Wohnung mit zehn anderen Interessenten ansehen. Zuviel fragen sollten sie auch nicht, denn manch ein Makler kennt die Wohnung kaum und kann dazu wenig Auskunft geben. Schwarze Schafe lassen gar durchblicken, dass etwas Handgeld die Entscheidung erleichtern könnte. Und teilen anschließend die Provision mit dem Vermieter als Dank für den Zuschlag.

          Aber auch die Vermieter kommen nicht immer ungeschoren davon. Erst werden ihnen topseriöse Mieter versprochen, doch dann machen ganz andere Interessenten die Aufwartung. Und in den Mieterwartungen werden die Vermieter gerne auch einmal gedrückt, damit die Wohnung schneller vermittelt wird. Dafür verzichtet der Makler sogar auf ein paar Euro Provision.

          Wohnen ist lebensnotwendig

          Dass so etwas überhaupt möglich ist, liegt an einigen Besonderheiten der deutschen Immobilienmakler, die es im Ausland nicht gibt. So ist in Deutschland keine Ausbildung für diejenigen nötig, die den Beruf ergreifen wollen. In den Nachbarländern ist das undenkbar. Dort zahlt auch derjenige den Makler, der ihn bestellt hat - also meist der Verkäufer oder Vermieter. Und die Provisionen liegen deutlich niedriger.

          Seit 1995 hat sich die Zahl der Makler in Deutschland mehr als verdoppelt

          In Deutschland betragen sie bei Käufen zwischen fünf und sechs Prozent plus Mehrwertsteuer, wobei das Niveau und die Aufteilung zwischen Käufer und Verkäufer nicht gesetzlich vorgeschrieben sind. Umfragen haben ergeben, dass rund die Hälfte der Makler bereit ist, über die Höhe zu verhandeln. Rund ein Fünftel erreicht eine Senkung. Sie liegt dann meist zwischen einem und 1,5 Prozent. Bei Vermietungen wird kaum verhandelt. Der gesetzliche Höchstsatz für die Provision von zwei Nettokaltmieten plus Mehrwertsteuer ist zum Standard geworden. Für 1000 Euro Kaltmiete sind dann üppige 2380 Euro Provision fällig.

          In den günstigen Niederlanden wird für Käufe hingegen weniger als zwei Prozent verlangt, in Großbritannien und Südeuropa maximal drei Prozent. In allen Ländern gibt es zudem ein strukturelles Problem. Wohnen ist lebensnotwendig, man kann nicht einfach darauf verzichten, um den Makler zu vermeiden. Beim Kauf von Konzerttickets über einen Vermittler geht das hingegen schon. Man kann auch nicht einfach einen anderen, billigeren Makler auswählen, denn die auserwählte Wohnung wird nur von einem angeboten. In Zeiten von Wohnungsmangel bekommen Makler eine besondere Macht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Thomas-Cook-Pleite : Condor kämpft ums Überleben

          Der britische Mutterkonzern hat Insolvenz angemeldet, die deutsche Fluggesellschaft will nicht aufgeben, schließlich flog man Gewinne ein. Doch ohne Hilfe vom Staat wird das Überleben schwer.

          „Glückliches junges Mädchen“ : Trump verspottet Greta

          Der amerikanische Präsident kommentiert den Auftritt von Greta Thunberg beim UN-Klimagipfel sarkastisch. Sie wirke wie ein „sehr glückliches junges Mädchen, das sich auf eine strahlende und wunderbare Zukunft freut“.
          Ein Aufkleber mit der Aufschrift „Human Organ For Transplant“ klebt auf einer Transportkühlbox für Spenderorgane.

          Ethikfrage bei Organspende : Wem gehört mein Körper – und warum?

          Der Bundestag will ein Gesetz beschließen, mit dem die Zahl der Organspender erhöht werden soll. Im Parlament stehen sich die Befürworter einer Widerspruchslösung und einer erweiterten Entscheidungslösung gegenüber. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.