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Konsumverhalten : Wer mit Karte zahlt, kauft mehr

Bezahlen mit Karte ist schnell und einfach, kann aber teuer werden. Wer lieber die Karte aus dem Geldbeutel zieht statt Bares, ist oft spendabler. Bild: dpa

Es ist bequem, mit Kreditkarte einzukaufen. Dumm nur, dass wir dadurch beim Shoppen schnell die Kontrolle verlieren.

          Die schwäbische Hausfrau, so scheint es, hat Ruh. Viele Jahre lang wurde sie wegen ihrer Sparsamkeit und Gewissenhaftigkeit als Ideal angesehen, nicht nur im Ländle, sondern in ganz Deutschland. Es ist zwar nicht so weit gekommen, dass wir Deutschen uns von dem Rollenmodell, das sogar die Bundeskanzlerin vor einigen Jahren in der Euro-Krise beschwor, verabschiedet haben und nun plötzlich über unsere Verhältnisse leben.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber die Konsumfreude ist hierzulande so groß wie seit Beginn des Jahrtausends nicht mehr, wie jüngst auch der Konsumklimaindex des Marktforschungsinstituts GfK zeigte. Statt penibel Haushaltspläne aufzustellen und Einkaufslisten zu führen und jede Anschaffung durchzurechnen, ist die Neigung, mehr Geld auszugeben, so groß wie selten zuvor.

          Niedrige Zinsen stacheln Kauflust an

          Einige Gründe dafür, dass die schwäbische Hausfrau in uns in den Hintergrund gerückt ist, sind offensichtlich: Die Deutschen sind guter Stimmung, sie schätzen die Konjunktur, die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes und die eigene Finanzlage als sehr gut ein. Die niedrigen Zinsen, die das Sparen wenig attraktiv machen, tragen das Übrige zur großen Kauflust bei.

          Gut möglich ist, dass auch ein anderer Effekt zu unserem gestiegenen Konsum hinzukommt. Denn obwohl wir Deutsche das Bargeld lieben wie kaum eine andere Nation, bezahlen wir in Geschäften allmählich weniger mit Scheinen und Münzen und greifen stattdessen immer öfter zum Plastik: sei es zur Girocard, wie die gute alte EC-Karte heute heißt, oder zur Kreditkarte.

          Fließt Plastikgeld schneller und häufiger?

          Nun könnte man meinen, dass die Art, wie wir in Supermärkten oder Einkaufszentren bezahlen, doch ziemlich belanglos sei. Schließlich treffen wir bewusst eine Kaufentscheidung und bewahren stets die Kontrolle über unsere Ausgaben. Stimmt aber nicht. Nach Meinung vieler Ökonomen geben wir, wenn wir mit Karte bezahlen, in Geschäften oft mehr Geld aus, als wir uns vorgenommen haben. Und nicht nur das. Sogar unser Einkaufsverhalten verändert sich ein Stück weit: Wer mit Karte zahlt, greift in Lebensmittelläden häufiger zu Produkten, die er seiner Gesundheit zuliebe besser im Regal liegen lassen sollte. Chips, Speiseeis und Schokoriegel, die spontan im Einkaufswagen landen, heißen zu Recht „Impulskäufe“.

          Dass wir Deutschen derzeit so viel ausgeben wie lange nicht mehr, zeigt sich am deutlichsten an den Supermarktkassen. Unser durchschnittlicher Einkaufsbetrag dort ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Haben wir vor fünf Jahren noch im Schnitt 12,26 Euro je Einkauf im Supermarkt ausgegeben, so waren es im vergangenen Jahr 18,37 Euro, in Discountern sogar noch 37 Cent mehr. Mit der Inflation lässt sich der Zuwachs von rund fünfzig Prozent binnen fünf Jahren kaum erklären.

          Denn die Teuerungsrate liegt seit geraumer Zeit lediglich zwischen rund 0 und 2 Prozent, bei Lebensmitteln zuletzt bei 2,4 Prozent. Das heißt also, die Produkte des täglichen Bedarfs sind nicht deutlich teurer geworden, sondern wir gönnen uns einfach mehr. Weil in den vergangenen Jahren gleichzeitig die Zahlungen mit Plastikkarte zugenommen haben, liegt der Schluss nicht fern, dass wir auch deshalb mehr Geld ausgeben, weil wir öfter auf Bargeld verzichten.

          Bargeld mahnt zur Sparsamkeit

          Wer einen überschaubaren Geldbetrag im Portemonnaie hat, der sieht auf einen Blick, wie sich das Portemonnaie leert und wie viele Scheine oder Münzen noch vorhanden sind. Wissenschaftler sprechen von einer „Erinnerungsfunktion des Bargeldes“. Wer seine Ausgaben also unter besonderer Kontrolle halten will, bezahlt bar. Unliebsame Überraschungen drohen dagegen, je öfter jemand mit Karte zahlt; entweder am Ende eines Monats, wenn die Kreditkartenabrechnung eintrudelt, oder von Zeit zu Zeit beim Blick auf die Abbuchungen vom Konto. Wirtschaftswissenschaftler warnen schon längst davor: „Always leave home without it“, lautet der Titel einer Studie, in der amerikanische Forscher festgestellt haben, dass man die Kreditkarte lieber zu Hause lassen und Bargeld einstecken sollte, wenn man nicht mehr kaufen will als geplant.

          Laut dem Handelsinstitut EHI haben die Geschäfte im vergangenen Jahr rund 46 Prozent ihres Umsatzes über Kartenzahlungen erzielt. Die Tendenz ist weiter steigend, was auch daran liegt, dass das Bezahlen an der Kasse immer einfacher und schneller vonstatten geht. Selbst bei Discountern können Kunden heute mit der Kreditkarte bezahlen, mit dem Smartphone oder kontaktlos mit der herkömmlichen Girocard, also ohne eine Geheimzahl einzutippen oder eine Lastschrift zu unterschreiben. Einfach die Karte vors Lesegerät halten und fertig.

          Zwar müssen die Einzelhändler eine Menge Geld berappen, um die technischen Gerätschaften anzuschaffen, die fürs schnelle Bezahlen nötig sind. Doch dafür können sie künftig bei der Haltung und Entsorgung von Bargeld sparen. Zumal immer mehr Supermärkte, Tankstellen und andere Händler den Kunden anbieten, ab einem gewissen Einkaufsbetrag – in der Regel 20 Euro – auch noch kostenlos Geld abzuheben. Ein von den Läden erwünschter Effekt all der modernen Bezahlmöglichkeiten ist es, dass die Kunden mehr ausgeben.

          Plastik erhöht die Zahlungsbereitschaft

          Amerikanische Wissenschaftler haben beispielsweise die Zahlungsbereitschaft von Betriebswirtschaftstudenten am Massachusetts Institute of Technology getestet. Sie haben ihnen jeweils Eintrittskarten für ein eigentlich ausverkauftes Spitzenspiel der amerikanischen Basketball-Profiliga NBA angeboten. In einer stillen Auktion sollten zwei Gruppen von Studenten ihre Höchstgebote abgeben.

          Den Mitgliedern der einen Gruppe wurde gesagt, sie müssten bar bezahlen, die anderen konnten ihre Kreditkarte nutzen. Das Ergebnis war eklatant: Die Barzahler wollten durchschnittlich 28 Dollar fürs Ticket bezahlen; jene, denen die Kartenzahlung in Aussicht gestellt wurde, zeigten eine deutlich höhere Zahlungsbereitschaft und hätten im Schnitt 60 Dollar je Ticket berappt – also mehr als das Doppelte.

          Auch Fahrgäste in Taxis haben schlagartig mehr ausgegeben, sobald sie mit Kreditkarte bezahlen konnten. Früher, als in den New Yorker Taxis nur Barzahlung möglich war, gaben sie den Fahrern im Schnitt lediglich zehn Prozent Trinkgeld. Nach Einführung der Kartenzahlung stieg das durchschnittliche Trinkgeld auf 22 Prozent. Die Taxifahrer haben sich allerdings eines kleinen Tricks bedient, damit ihre Kunden freigiebiger wurden. Ein Fahrgast, der mit Karte zahlt, konnte auf dem Lesegerät nämlich entweder eigenständig einen Betrag eingeben oder aber einen vorgeschlagenen Betrag von 20, 25 oder 30 Prozent per Knopfdruck bestätigen. Die meisten Kartenzahler entschieden sich für die einfache und schnelle Variante.

          Kein Bargeld - mehr Trinkgeld

          Bestätigt wird der Trend aus der Gastronomie: Auch in Restaurants fällt das Trinkgeld umso höher aus, je mehr Gäste mit Karte bezahlen. Woran liegt das? Wie die Gehirnforschung herausgefunden hat, wird stets das Schmerzzentrum im Gehirn aktiviert, wenn ein Preis ersichtlich wird und es ans Bezahlen geht. Allerdings ist der Verlustschmerz beim Geldausgeben geringer, wenn die Zahlung eher abstrakt erfolgt: also mit Karte, Smartphone oder über Online-Bezahldienste wie Paypal oder Paydirekt.

          Das solchermaßen schmerzfreiere Bezahlen kann auch dazu führen, dass wir als Verbraucher ein gutes Stück Kontrolle über unsere Ernährung verlieren. Das zumindest legt eine amerikanische Studie nahe. Wissenschaftler haben 1000 Single-Haushalte ein halbes Jahr lang beobachtet und festgestellt, dass Süßigkeiten und Kuchen öfter im Einkaufswagen landen, wenn die Verbraucher nicht bar bezahlen, sondern mit der Plastikkarte.

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          Die Erklärung ist, dass wir uns eher ein kleines Vergnügen gönnen, wenn wir nicht mit handfestem Geld dafür bezahlen. Das habe nicht nur Folgen für den Haushaltsetat des Einzelnen, sondern auch für die Volksgesundheit, mahnen die Forscher. Denn je mehr ungesunde Waren gekauft werden, desto größer das Risiko von Zivilisationkrankheiten wie Übergewicht, Diabetes, und Herz-Kreislauf-Erkrankungen – und desto höher wiederum die Gesundheitskosten. Anders ausgedrückt: Barzahler leben gesünder.

          Bleibt die Frage, ob und wie bequemes Bezahlen und Selbstbestimmung vereinbar sind. Die Antwort liegt gar nicht so weit in der Zukunft: Beim mobilen Bezahlen mit dem Smartphone könnte man nach jedem Einkauf nicht nur den Bon angezeigt bekommen, sondern auch gleich den neuen Kontostand. Zwar sieht man auch dann nur Zahlen auf dem Display. Aber wer jedes Mal darauf hingewiesen wird, wie sein Geld schwindet, gibt am Ende auch besser darauf acht.

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