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Hilfsüberweisungen : Nicht nur die Inflation trifft Geldtransfers ins Ausland

Wasser ist ein kostbares Gut Bild: dpa

Mehr als 77 Milliarden Euro sind im Jahr 2020 aus dem Euroraum in andere Länder auf der Welt überwiesen worden, um Familien und Freunde zu unterstützen. Doch 1 Euro ist vor Ort selten auch wirklich 1 Euro wert.

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          Die seit anderthalb Jahren grassierende Corona-Pandemie hat auf der ganzen Welt weitreichende wirtschaftliche und damit auch drastische finanzielle Folgen für viele Menschen. Dennoch ist im Vorjahr offenbar ähnlich viel Geld aus dem Euroraum ins Ausland geflossen wie im Jahr davor. Dies ergibt eine Analyse des Technologieunternehmens für Geldtransfers Wise auf Basis von Daten unter anderem der Weltbank. Demnach haben die Einwohner der Eurozone im Jahr 2020 umgerechnet rund 77,2 Milliarden Euro ins Ausland überwiesen, um ihre Familien und Freunde finanziell zu unterstützen. Auslandsüberweisungen von Migranten in ihre Heimatländer werden in der Fachwelt auch „Remissen“ genannt.

          Kerstin Papon
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Durch den Einfluss der Wechselkurse und verschiedene nationale Teuerungsraten ist allerdings ein Euro, der im Ausland ankommt, dort in den seltensten Fällen auch genau einen Euro wert. Wise ist daher mithilfe von Wechselkursentwicklungen und Inflationsraten der Frage nachgegangen, wo der Euro und damit auch die Hilfsüberweisungen nun mehr beziehungsweise weniger wert sind als im Jahr 2019. Laut diesen Berechnungen war der Euro in rund fünf Dutzend Ländern (58 von 88 untersuchten) zur Jahresmitte um bis zu 25 Prozent mehr wert als vor Beginn der Pandemie.

          Zu den Nationen mit der größten Wertveränderung gehört demnach Sambia mit einem Plus von rund 26 Prozent und Brasilien mit 25 Prozent. Ein Beispiel: Wem im Jahr 2019 nach einer Überweisung umgerechnet 100 Euro zur Verfügung gestanden hätten, um zum Beispiel 100 Wasserflaschen zu kaufen, könne mit der gleichen Überweisung in Brasilien nun 125 Flaschen erwerben, heißt es von Wise. Dies liege vor allem daran, dass der brasilianische Real gegenüber dem Euro um etwa 40 Prozent an Wert verloren habe.

          Inflation in vielen Ländern deutlich höher als in Europa

          Die Corona-Krise habe die Finanzmärkte auf der ganzen Welt in große Unruhe versetzt und zu starken Schwankungen der Wechselkurse geführt, sagt Pedro Martin, Analyst von Wise. Dies habe auch direkte Auswirkungen – positive wie negative – für den Nutzen von Remissen. Wer seiner Familie oder den Freunden im Ausland regelmäßig Geld zur Unterstützung sende, sollte daher immer auch einen Blick auf die Wechselkurse werfen, um einen guten Zeitpunkt zu erwischen.

          Der Währungseinfluss macht jedoch nur einen Teil der Wertunterschiede aus. Hinzu kommt die Inflation, die in vielen Ländern auf der Welt deutlich höher als in Europa ist. In Deutschland etwa lagen die Verbraucherpreise im Juni laut Statistischem Bundesamt 2,3 Prozent über denen des Vorjahres. In Brasilien zum Beispiel würde eine Überweisung ohne diesen Einfluss noch mehr Möglichkeiten bieten (plus 3 oder 6 Prozent, in den Jahren 2020 und 2021), sagt Wise. Noch stärker ist der Effekt laut der Analyse in anderen südamerikanischen Ländern zu spüren, wie Kolumbien (15,8 Prozent), Uruguay (14,9 Prozent) oder Peru (14,5 Prozent). Unter den Nationen, in denen der Euro nun insgesamt deutlich mehr wert ist als noch vor zwei Jahren, befinden sich auch die Türkei und Russland – im Vergleich zum Jahr 2019 beträgt das Plus hier jeweils knapp 13 Prozent.

          Es gibt natürlich auch die gegenteilige Entwicklung und Länder, in denen ein Euro nun deutlich weniger wert ist. Diese Liste führt der Libanon an. Allein Inflationswerte von bis zu 122 Prozent schlügen hier deutlich zu Buche, sagt Wise. Die Wirtschaftskrise dieses gebeutelten Landes wird immer schlimmer, auch die Währung ist im freien Fall. In der Analyse folgen Haiti (minus 32 Prozent), Tunesien (12,3) und Ägypten (11,5) als einige der wenigen Länder mit einer zweistellig negativen Wertentwicklung.

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