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Nutzen, Schaden, Angst : Warum mehr Wohlstand nicht glücklicher macht

Irgendwann hat man den Schampus satt. Aber Wegnehmen soll ihn uns keiner. Bild: dpa

Menschen werden glücklicher, je mehr sie besitzen? Genauso gut kann das Gegenteil der Fall sein. Die ökonomische Theorie erklärt auch, warum weniger eben doch mehr sein kann.

          In Umfragen zeigt sich immer wieder: Auch wenn es den Deutschen insgesamt sehr gut geht, wächst die Angst vor der Zukunft. Die Un­zu­frie­den­heit im Wohl­stands­wun­der­land nehme ge­ne­rell zu, kons­ta­tierte unlängst der Ham­bur­ger Zu­kunfts­for­scher Horst Opa­schow­ski. Auf den ersten Blick mag das verblüffen und dem widersprechen, was die ökonomische Theorie zu lehren scheint. Es wirft Fragen auf, auf die diese keine Antwort zu haben scheint. Macht mehr doch nicht glücklicher? Sind die Bedürfnisse doch nicht unendlich? Braucht es etwa eine neue ökonomische Theorie?

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Tatsächlich kann die ökonomische Theorie den Zusammenhang zwischen abnehmendem Glücklichsein und steigendem Wohlstand sehr gut erklären.

          Der Nutzen von Mehr nimmt ab

          Die Motive, warum Menschen nach dem Besitz von Gütern streben, mögen vielfältig erscheinen. Letztlich gibt es aber immer nur einen Grund: Sie stiften ihnen Nutzen. Abfall will etwa niemand haben – es sei denn, er kann daraus etwas machen, so dass der Abfall ihm einen Nutzen stiftet.

          Dabei unterliegt die Höhe des Nutzens, den ein beliebiges Gut stiftet, ganz bestimmten Regeln. Niedergelegt wurden diese schon 1854 vom deutschen Volkswirt Hermann Heinrich Gossen in den zwei sogenannten Gossenschen Gesetzen.

          Das erste besagt, dass die Größe eines bestimmten Genusses fortwährend abnimmt, bis zuletzt Sättigung eintritt. Ganz einfach ausgedrückt: Der erste Apfel schmeckt, der zweite auch noch, der dritte so làlà und irgendwann hängen einem die Äpfel zum Hals heraus. Wie genau diese Genussverringerung verteilt ist, ist verschieden, hängt von Gütern und individuellen Vorlieben ab.

          Theorie des Mangels ist auch eine Theorie des Überflusses

          Nach dem zweiten Gesetz streben Menschen danach, ihr Einkommen so zu verwenden, dass der Gesamtnutzen aller erhaltenen Güter maximal ist. Denn ansonsten ließe sich der Nutzen noch steigern, indem man etwa auf den vierten Apfel verzichtet und stattdessen eine Birne isst. Nur wenn durch Verzicht nicht mehr mehr erlangt werden kann, ist der Mensch im Rahmen seiner Möglichkeiten zufrieden.

          Die ökonomische Theorie ist von sich aus nun eine Theorie des Mangels. Güter und Ressourcen sind nicht unbegrenzt vorhanden. Es gilt, dieses Mangels Herr zu werden, indem man eben das Vorhandene optimiert (2. Gossensches Gesetz). Deswegen tendiert die Volkswirtschaft dazu, nach vorn durch die Windschutzscheibe zu schauen und nicht mehr in den Rückspiegel.

          Wenn der Schaden größer ist als der Nutzen

          Was würde sie dort sehen? Wenn der Nutzen der jeweils nächsten Einheit eines Gutes abnimmt, heißt es, dass die erste Einheit höher geschätzt wird als die zweite. Wie gesagt, ist das Tempo unterschiedlich, mit der der Nutzen abnimmt. Was also, wenn der Nutzen nicht gleichmäßig sinkt, sondern ab einem bestimmten Punkt immer schneller? Der erste Fernseher ist toll. Der zweite im Schlafzimmer immer noch, der dritte in der Küche okay, der vierte im Arbeitszimmer na ja, der fünfte im Bad geht so und der sechste – nun ja.

          Was ist, wenn wir die Fernseher wieder hergeben müssten? Der sechste – sei’s drum. Der fünfte – okay. Der vierte – wenn’s sein muss. Doch jetzt kommt der Clou: Der Schaden, der durch den erzwungenen Verzicht entsteht, ist stets größer als der Nutzen einer gewonnenen Einheit. Das ist solange kein Problem, solange der Verlust nicht konkret und die Differenz zwischen Schaden und Nutzen nicht zu groß wird.

          Mit mehr Wohlstand wird die Angst wichtiger

          Auch wenn niemand rechnet, tun wir im Geiste alle, was die ökonomische Theorie mathematisiert. Je unwahrscheinlicher uns der mögliche Schaden (oder Nutzen) erscheint, desto größer ist der Abschlag, den wir über den Daumen peilen. Wenn dann aber der Schaden der verlorenen letzten Einheit sehr viel größer ist als der mögliche Nutzen der nächsten, fürchten wir den Verlust mehr, als wir uns von Chancen versprechen. Das erscheint umso wahrscheinlicher, je mehr man sich der Sättigung nähert, von der Gossen spricht.

          Auf diese Weise macht uns ein steigender Wohlstand immer ängstlicher, und zwar umso mehr, je mehr Güter davon betroffen sind. Denn es wird immer schwieriger, befürchtete Verluste adäquat zu ersetzen.

          Insofern erscheint es zwangsläufig, dass mit zunehmendem Wohlstand der Nutzen der Sicherheit steigt. Denn sie erhöht die Abschläge auf mögliche Verluste und verringert die auf mögliche Gewinne. Nicht die Welt ist unsicherer geworden – unsere Wertschätzung hat sich geändert.

          Weniger zu haben ist sicherer

          Ebenso erklärt dies, warum die Ängste irrationaler zu werden scheinen. Sie sind nicht irrationaler geworden – nur wird die Gefahr, die von ihnen ausgeht, höher geschätzt.

          Das Vertrackte daran ist, dass sich daran nichts ändern lässt. Denn auch ein (objektives) Mehr an Sicherheit wird die gefühlte Unsicherheit nur zeitweilig verringern können. Denn es handelt sich schließlich ja nur um Möglichkeiten. Im Gegenteil würde ein Mehr an (objektiver) Sicherheit sogar den Fokus – also die Einschätzung – irrationaler Unsicherheit erhöhen. Denn es geht in erster Linie ja um die Möglichkeit eines Verlustes und nur in zweiter Linie um diesen selbst.

          Ändern lassen scheint sich diese Situation also nur dadurch, dass die befürchteten Verluste eintreten. Denn dann steigt der Nutzen möglicher Zugewinne wieder stärker als der mögliche Schaden weiterer Verluste. Eine Handlungsempfehlung ist das nicht. Es ist ein ökonomischer Erklärungsansatz, warum unter Umständen Weniger eben doch Mehr ist.

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