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Wahlkampf in Amerika : Wie gefährlich ist Trump für das Geld der Anleger?

Will die Steuern drastisch senken: Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump Bild: AFP

Nach der Entscheidung der amerikanischen Notenbank Fed, die Zinsen nicht anzuheben, richtet sich jetzt der Blick von Anlageexperten auf die Präsidentenwahl - und ihre Folgen für die Börse.

          Es ist ein Stochern im Nebel - und trotzdem ist die Frage offenkundig so wichtig, dass sich mittlerweile immer mehr Anlageexperten damit beschäftigen. Es geht um die Frage: Welche Folgen hat der Ausgang der Präsidentenwahl in Amerika für die Finanzmärkte? Das heißt vor allem: Wie gefährlich wäre eine Wahl von Donald Trump für das Geld der Anleger? Und: Was würde die Wahl von Hillary Clinton mit ihrem Steuern- und Ausgabenprogramm für die Kurse bedeuten?

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vor dem viel beachteten Fernsehduell zwischen Clinton und Trump an diesem Montag ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen, nach den „polls“ genannten Meinungsumfragen scheint Clinton leicht vorne zu liegen. In den parallel stattfindenden Kongresswahlen könnten die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat behalten.

          Wenn Anleger in Deutschland in den vergangenen Monaten Gold gekauft haben, dann war als ein Grund, den sie bisweilen nannten, neben anderen Ängsten auch der ungewisse Ausgang der Wahl in Amerika. Vor allem die Frage, was passieren kann, wenn Trump gewählt würde, hatte zumindest manche Anleger beschäftigt. Kann schlimmstenfalls ein Krieg drohen? Kommt eine Phase mit Protektionismus und internationaler Abschottung? Im Vergleich zu diesen Sorgen äußern sich Anlagefachleute in den Banken derzeit eher beruhigend - zumindest, was die Auswirkungen auf die Aktienmärkte betrifft. Reinhard Pfingsten, Chefanlagestratege des Frankfurter Bankhauses Hauck & Aufhäuser, meint, er rechne im Falle eines Sieges von Trump allenfalls mit kurzfristig stärkeren Schwankungen am Aktienmarkt. Im Falle eines Sieges von Clinton könnten Pharmawerte unter Druck geraten, meint Pfingsten.

          Drei Analysen haben sich intensiver damit beschäftigt: Das Bankhaus Berenberg hat die verschiedenen denkbaren Konstellationen von Präsidenten und Kongressmehrheiten durchgespielt. Das Bankhaus Oppenheim hat historisch untersucht, wie stark die politische Ausrichtung amerikanischer Präsidenten auf den Aktienmarkt wirkt. Und die HSH Nordbank hatte recht präzise Vorhersagen für den Ölpreis unter Trump und Clinton gewagt.

          Mickey Levy, der Amerika-Chefvolkswirt des Bankhauses Berenberg, sagt, er persönlich würde sich keinen von beiden Kandidaten zum Präsidenten wünschen. „Wie die Aktienmärkte reagieren werden, hängt auch davon ab, welche Partei den Kongress dominieren wird.“ Das könne Einfluss darauf haben, ob etwa Clinton ihre Ankündigungen für höhere Staatsausgaben und Steuern durchsetzen könne, oder ob sie Abstriche machen müsse. Oder, im umgekehrten Falle, ob Trump im Falle seines Wahlsieg sein unberechenbares Verhalten aus dem Wahlkampf mit ins Präsidentenamt nehme. Die Umfragen ließen einen Sieg Clintons und eine Mehrheit der Republikaner im Kongress erwarten: „Die Reaktion der Finanzmärkte auf einen politischen Split - ein Sieg Clintons und ein republikanisches Repräsentantenhaus - wäre positiv, weil die Märkte weniger Unsicherheit, verglichen mit einem unkalkulierbaren Trump, honorieren würden“, meint Levy.

          Zugleich würden die Investoren in dem Fall damit rechnen, dass ein republikanisch kontrollierter Kongress Clinton in ihrem Programm für Staatsausgaben und Steuererhöhungen bremst. „Ein Sieg Clintons und ein Sieg der Demokraten im Kongress hingegen würde ein ungehemmtes Defizit-Spending befürchten lassen, das würden die Märkte nicht honorieren“, meint der Ökonom. Ein Sieg Trumps hingegen würde aus seiner Sicht unmittelbar „erhebliche negative Reaktionen“ an den Finanzmärkten auslösen, weil die Unsicherheit zunähme. Es gäbe Ängste über die Kündigung internationaler Handelsabkommen - auch Trumps Ankündigung, die Kurs und Führung der amerikanischen Notenbank Fed zu ändern, würde für Unsicherheit sorgen. „Unsicherheit mögen die Märkte gar nicht.“

          Der Ökonom glaubt hingegen, auch Trump würde von einem republikanisch kontrollierten Kongress gezwungen, bei seinen Wahlversprechen Abstriche zu machen - allerdings nur, was Steuern und Ausgabenpläne betreffe. Bei Regulierung und Außenhandel sei der Einfluss des Präsidenten größer, da könnten die „checks and balances“, die Möglichkeiten kontrollierender Einflussnahme durch den Kongress, weniger greifen. „Beide Kandidaten haben sich sehr skeptisch zum Freihandel geäußert“, sagt Levy. Neue Freihandelsabkommen wie TTIP werde es aus seiner Sicht weder mit Clinton noch mit Trump geben. Es müsse eher damit gerechnet werden, dass selbst der Status quo zurückgedreht werde: „Das ist in den Vereinigten Staaten bei vielen, die vor Folgen der Globalisierung für ihr eigenes Leben Angst haben, im Moment sehr populär.“

          In seiner historischen Analyse kommt das Bankhaus Oppenheim allerdings zu dem Ergebnis, eine Regel, dass die Börsen unter republikanischen Präsidenten besser liefen als unter demokratischen, lasse sich nicht bestätigen. Analysiere man die amerikanischen Wahlzyklen seit dem Zweiten Weltkrieg, dann habe der Aktienindex S&P 500 unter demokratischen Präsidenten im Durchschnitt 10,7 Prozent zugelegt, unter republikanischen 4,8 Prozent. Studienautor Philipp Finter meint daher, Anleger sollten sich selbst bei Investments in amerikanische Aktien nicht vorrangig am möglichen Ausgang der Wahlen orientieren, es spielten zu viele andere Faktoren eine Rolle. Auch die populäre Börsenweisheit, dass Wahljahre keine Aktienjahre seien, entspreche nicht dem historischen Befund.

          Für den Ölpreis sagt die HSH Nordbank voraus: Für den Fall, dass Clinton gewählt würde, werde der Preis für ein Fass (159 Liter) der Nordseesorte Brent längere Zeit zwischen 40 und 45 Dollar je Barrel schwanken. Für den Fall, dass Trump gewählt werden sollte, werde der Ölpreis zunächst auf 40 Dollar sinken - langfristig aber bis auf 100 Dollar steigen. Vor allem wegen Trumps Bemühungen, schnell mehr Öl in Amerika zu fördern, was zunächst zu einem niedrigeren Ölpreis und dann zu weniger Investitionen in die Förderung führen werde.

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