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Ruhestand in Deutschland : Rente mit 73

Ein älterer Schreiner kann einem jungen noch einiges beibringen. Bild: Getty

Die Deutschen leben immer länger. Und immer gesünder. Was spricht dagegen, auch immer länger zu arbeiten?

          Eine Verkäuferin, eine Krankenschwester, eine Altenpflegerin halten das für eine bekloppte Idee. Ich auch.“ Es war das Zitat der Woche, das Sigmar Gabriel da am Dienstag in die Welt jagte. Und damit die Debatte um die Rente mit 69 Jahren mit den alten Klischees tottrat. Keinen dieser Berufe könne man im hohen Alter noch ausüben, wollte er damit sagen.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ausgerechnet der Bundeswirtschaftsminister von der SPD machte sich nicht die Mühe, den neuesten Vorschlag der Bundesbank genauer zu prüfen. Und zu hinterfragen, ob das Klischee überhaupt stimmt. Dabei hatten zuvor schon Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und zahlreiche Ökonomen für einen späteren Rentenbeginn, zum Teil erst nach 70 Jahren plädiert, damit das Rentensystem nicht aus den Fugen gerät. Die Forscher vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) haben errechnet, dass die Deutschen 2041 sogar bis 73 arbeiten müssten, wenn sich die Beitragssätze und das Rentenniveau im Vergleich zu heute nicht verschlechtern sollen.

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          Sie haben recht. Länger arbeiten ist der Königsweg, um die Renten zu stabilisieren. Und anders als viele denken: Es wird keine Qual sein. Selbst für Verkäuferinnen und Altenpfleger nicht. Die Sorgen sind übertrieben.

          Doch zunächst einmal: Wo liegt überhaupt das Problem? Bis 2030 steigt die offizielle Regelaltersgrenze in Stufen bis auf 67 Jahre. Der Beitrag zur gesetzlichen Rentenversicherung erhöht sich bis dahin von 18,7 auf etwa 22 Prozent, und das Rentenniveau fällt von heute 48 Prozent auf knapp über 44 Prozent des Netto-Durchschnittsverdienstes. Diese Entwicklung ist zwar ungemütlich, aber nicht dramatisch. Richtig schwierig wird es erst nach 2030, wenn die Babyboomer verstärkt in Rente gehen. Doch kein offizieller Rentenversicherungsbericht der Regierung befasst sich mit dieser Zeit.

          Die Bundesbank hat nun einen Blick bis 2060 gewagt. Demnach sinkt das Rentenniveau weiter auf 42 Prozent. Bei einem Durchschnittsverdienst von netto 2000 Euro wären das nur noch 840 Euro statt heute 960 Euro. Der Beitrag würde weiter über 22 Prozent steigen.

          Die Ursache dieser Entwicklung ist der Anstieg der Lebenserwartung durch bessere medizinische Behandlungsverfahren und eine gesündere Lebensweise. Bisher steigt sie alle zehn Jahre um etwa 2,5 Jahre. „Jedes zweite heute geborene Kind wird 100 Jahre alt“, sagt Jim Vaupel, Direktor am angesehenen Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung. Das heißt, die Rentner sind immer länger im Ruhestand. Gleichzeitig ist die Geburtenrate zu gering. Weniger Erwerbstätige müssen daher mehr Rentner finanzieren.

          Höhere Beiträge von bis zu 27 Prozent

          Nun sind Prognosen über mehr als 40 Jahre hinweg natürlich unsicher. Wird sich die Geburtenrate vielleicht erhöhen? Wie entwickeln sich die Wirtschaft und die Einwanderung – und damit die Zahl der beitragzahlenden Erwerbstätigen? Eine günstigere Entwicklung könnte die Finanzierungsprobleme in der Rentenversicherung abmildern. Aber sie wird sie nicht aus der Welt schaffen. Entscheidend ist der Anstieg der Lebenserwartung. Ein Ende ist hier nicht absehbar, bisher wurde er sogar unterschätzt.

          Das zu bewältigen wird nicht ohne Schmerzen gehen. Sinkt das Rentenniveau weiter, schimpfen die politisch mächtigen Rentner. Schon jetzt übertrumpfen sich die Parteien mit Vorschlägen, das Rentenniveau bei 45 oder sogar 50 Prozent einfach festzuschreiben. Das würde 16 beziehungsweise 41 Milliarden Euro kosten, hat der renommierteste deutsche Ökonom für Altersfragen, Axel Börsch-Supan, errechnet.

          Solche Pläne bringen die Erwerbstätigen in Rage. Denn sie müssten dafür bezahlen. Höhere Beiträge von bis zu 27 Prozent wären die Folge. Zusammen mit einem vermutlich auch steigenden Krankenkassenbeitrag müssten dann schon Bürger aus der Mittelschicht zwei Drittel ihres Einkommens für Steuern und Sozialkassen abgeben. Das wird keiner mitmachen wollen. Auch einen höheren Steuerzuschuss müssten vor allem die Berufstätigen finanzieren.

          Optimistisches Bild vom Ruhestand

          Längeres Arbeiten würde die Zahl der Rentner reduzieren. Hier schickt nun Gabriel die Verkäuferinnen und Krankenschwestern ins Rennen, um den Vorschlag abzubügeln. Aber wäre das wirklich so schlimm? Und so unzumutbar für viele Berufe?

          Zunächst einmal ist es nicht verwerflich, längeres Arbeiten vorzuschlagen. Denn noch nie hat eine Rentnergeneration so ausgiebig ihren Ruhestand genießen dürfen wie die heutige: 20 Jahre lang, doppelt so lang wie 1960. Hinzu kommt, dass von diesen 20 Jahren ein größerer Teil als früher in guter Gesundheit verbracht wird. Die Rentner bekommen also viel gesunde Zeit geschenkt. Davon einige wenige Jahre durch einen späteren Ruhestand wieder abzugeben wäre nicht so unzumutbar, wie manche Kritiker behaupten.

          Es könnte die Älteren sogar glücklicher machen, etwas länger zu arbeiten. Denn sie haben ein zu optimistisches Bild vom Ruhestand, können es vorher kaum erwarten, in Rente zu gehen. Nachher sind sie oft ernüchtert. „Die Forschung hat gezeigt, dass sie zwei bis drei Jahre nach Beginn des Ruhestandes unglücklicher sind als in den letzten Berufsjahren“, sagt Axel Börsch-Supan. „Befragungen nach Rentenbeginn zeigen, dass sie am liebsten zwei Jahre länger gearbeitet hätten, als sie vorher geplant haben.“ Auch ihre Hauptziele für den Ruhestand verwirklichten die meisten nicht. Weder sähen sie die Enkel häufiger, noch nähmen sie ein Ehrenamt an. Nur die Freizeitaktivitäten nähmen zu. „Viele Neurentner sind aber unglücklicher, weil die Sozialkontakte aus der Arbeit weggebrochen sind und nicht gleichwertig ersetzt werden können.“

          Die Kinderbetreuung als Leihoma

          Und was ist nun mit Gabriels Altenpflegerin? „15 bis 20 Prozent der Erwerbstätigen haben Berufe, die körperlich im Alter schwer auszuüben sind“, sagt der Altersforscher Andreas Kruse von der Universität Heidelberg. Das heißt, für 80 Prozent der Beschäftigten gibt es zunächst einmal keinen Grund, nicht länger zu arbeiten. „Gabriel macht die Ausnahme zur Regel“, sagt Börsch-Supan. Es stimme zudem nicht, dass Ältere zu unproduktiv für die Unternehmen seien. „Sie sind körperlich vielleicht weniger fit und nicht so schnell, aber profitieren von mehr Erfahrungen. Sie machen weniger Fehler als die Jungen.“

          Auch Menschen mit körperlich anstrengenden Berufen müssen im höheren Alter nicht arbeitslos werden. „Es wird sehr unterschätzt, was man alles für seine Gesundheit tun kann durch einen gesunden Lebensstil, Sportprogramme und Vorsorgeuntersuchungen“, sagt Gerontologe Andreas Kruse. Technische Hilfsmittel, etwa der Hebekran in den Pflegeheimen, könnten die Belastungen für die älteren Mitarbeiter reduzieren. „Und gerade für die Unterschicht müssten Staat und Unternehmen mehr in gesundheitliche Aufklärung investieren.“ Der demographische Wandel sei „kein Problem, sondern ein Gestaltungsauftrag“.

          Selbst für die, die es körperlich nicht mehr schaffen, gibt es Verwendung. Der Handwerker kann im Büro arbeiten oder die Lehrlinge schulen, Pflegekräfte können die Leitung übernehmen oder in der Verwaltung helfen. Oder ganz die Tätigkeit wechseln, etwa in die Kinderbetreuung als Leihoma. „Die Älteren haben besondere Kompetenzen in der Organisation, der Schulung und der Motivation von Jüngeren“, sagt Kruse.

          „Es fehlt der ökonomische Druck“

          Trotz dieser guten Aussichten ist längeres Arbeiten in Deutschland verpönt. Im Ausland ist man weiter. Schweden, Polen, Lettland und Italien haben ein System, in dem die Beschäftigten ihr Rentenalter frei wählen können und dann mehr oder weniger Rente bekommen, abhängig von ihren Einzahlungen. Die Niederlande heben das Rentenalter gleitend auf mehr als 70 Jahre an. Dänemark und Norwegen planen die Einführung von Regelaltersgrenzen, die mit der Lebenserwartung steigen, Frankreich hat so etwas schon. Börsch-Supan schlägt das auch für Deutschland vor. Steigt die Lebenserwartung um drei Jahre, würde die Rente zwei Jahre später beginnen. Ein Jahr bekäme der Rentner „geschenkt“. Nach diesem System würde die Rente 2060 mit 69,5 Jahren beginnen.

          Die Einführungschancen stehen aber schlecht. „Es fehlt der ökonomische Druck“, vermutet der Rentenexperte des IW, Jürgen Pimpertz. Die Rente mit 63 hat sogar die Anreize für eine Frühverrentung gestärkt. Dass dadurch die Rente geringer wird, können sich die Ruheständler leisten. Und die Unternehmen spüren den Mangel an Fachkräften, den Ältere ausgleichen könnten, erst allmählich. Der Staat wiederum sonnt sich in der guten Konjunktur, die die Einnahmen der Rentenkasse sprudeln lässt. Die tickende Zeitbombe wird ignoriert.

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