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Ruhestand in Deutschland : Rente mit 73

Zunächst einmal ist es nicht verwerflich, längeres Arbeiten vorzuschlagen. Denn noch nie hat eine Rentnergeneration so ausgiebig ihren Ruhestand genießen dürfen wie die heutige: 20 Jahre lang, doppelt so lang wie 1960. Hinzu kommt, dass von diesen 20 Jahren ein größerer Teil als früher in guter Gesundheit verbracht wird. Die Rentner bekommen also viel gesunde Zeit geschenkt. Davon einige wenige Jahre durch einen späteren Ruhestand wieder abzugeben wäre nicht so unzumutbar, wie manche Kritiker behaupten.

Es könnte die Älteren sogar glücklicher machen, etwas länger zu arbeiten. Denn sie haben ein zu optimistisches Bild vom Ruhestand, können es vorher kaum erwarten, in Rente zu gehen. Nachher sind sie oft ernüchtert. „Die Forschung hat gezeigt, dass sie zwei bis drei Jahre nach Beginn des Ruhestandes unglücklicher sind als in den letzten Berufsjahren“, sagt Axel Börsch-Supan. „Befragungen nach Rentenbeginn zeigen, dass sie am liebsten zwei Jahre länger gearbeitet hätten, als sie vorher geplant haben.“ Auch ihre Hauptziele für den Ruhestand verwirklichten die meisten nicht. Weder sähen sie die Enkel häufiger, noch nähmen sie ein Ehrenamt an. Nur die Freizeitaktivitäten nähmen zu. „Viele Neurentner sind aber unglücklicher, weil die Sozialkontakte aus der Arbeit weggebrochen sind und nicht gleichwertig ersetzt werden können.“

Die Kinderbetreuung als Leihoma

Und was ist nun mit Gabriels Altenpflegerin? „15 bis 20 Prozent der Erwerbstätigen haben Berufe, die körperlich im Alter schwer auszuüben sind“, sagt der Altersforscher Andreas Kruse von der Universität Heidelberg. Das heißt, für 80 Prozent der Beschäftigten gibt es zunächst einmal keinen Grund, nicht länger zu arbeiten. „Gabriel macht die Ausnahme zur Regel“, sagt Börsch-Supan. Es stimme zudem nicht, dass Ältere zu unproduktiv für die Unternehmen seien. „Sie sind körperlich vielleicht weniger fit und nicht so schnell, aber profitieren von mehr Erfahrungen. Sie machen weniger Fehler als die Jungen.“

Auch Menschen mit körperlich anstrengenden Berufen müssen im höheren Alter nicht arbeitslos werden. „Es wird sehr unterschätzt, was man alles für seine Gesundheit tun kann durch einen gesunden Lebensstil, Sportprogramme und Vorsorgeuntersuchungen“, sagt Gerontologe Andreas Kruse. Technische Hilfsmittel, etwa der Hebekran in den Pflegeheimen, könnten die Belastungen für die älteren Mitarbeiter reduzieren. „Und gerade für die Unterschicht müssten Staat und Unternehmen mehr in gesundheitliche Aufklärung investieren.“ Der demographische Wandel sei „kein Problem, sondern ein Gestaltungsauftrag“.

Selbst für die, die es körperlich nicht mehr schaffen, gibt es Verwendung. Der Handwerker kann im Büro arbeiten oder die Lehrlinge schulen, Pflegekräfte können die Leitung übernehmen oder in der Verwaltung helfen. Oder ganz die Tätigkeit wechseln, etwa in die Kinderbetreuung als Leihoma. „Die Älteren haben besondere Kompetenzen in der Organisation, der Schulung und der Motivation von Jüngeren“, sagt Kruse.

„Es fehlt der ökonomische Druck“

Trotz dieser guten Aussichten ist längeres Arbeiten in Deutschland verpönt. Im Ausland ist man weiter. Schweden, Polen, Lettland und Italien haben ein System, in dem die Beschäftigten ihr Rentenalter frei wählen können und dann mehr oder weniger Rente bekommen, abhängig von ihren Einzahlungen. Die Niederlande heben das Rentenalter gleitend auf mehr als 70 Jahre an. Dänemark und Norwegen planen die Einführung von Regelaltersgrenzen, die mit der Lebenserwartung steigen, Frankreich hat so etwas schon. Börsch-Supan schlägt das auch für Deutschland vor. Steigt die Lebenserwartung um drei Jahre, würde die Rente zwei Jahre später beginnen. Ein Jahr bekäme der Rentner „geschenkt“. Nach diesem System würde die Rente 2060 mit 69,5 Jahren beginnen.

Die Einführungschancen stehen aber schlecht. „Es fehlt der ökonomische Druck“, vermutet der Rentenexperte des IW, Jürgen Pimpertz. Die Rente mit 63 hat sogar die Anreize für eine Frühverrentung gestärkt. Dass dadurch die Rente geringer wird, können sich die Ruheständler leisten. Und die Unternehmen spüren den Mangel an Fachkräften, den Ältere ausgleichen könnten, erst allmählich. Der Staat wiederum sonnt sich in der guten Konjunktur, die die Einnahmen der Rentenkasse sprudeln lässt. Die tickende Zeitbombe wird ignoriert.

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