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Trotz höchster Förderquote : Arme verschmähen die Riester-Rente

Armenspeisung: Wer auf die Suppenküche angewiesen ist, hat in der Regel kein Geld für private Altersvorsoge Bild: dpa

Kinderreiche Familien und Einkommensschwache werden in der Altersvorsorge besonders gefördert. Erstere nutzen es, aber nur wenig Arme haben eine Riester-Rente. Warum nur?

          Auf den ersten Blick sehen die neuen Zahlen unspektakulär aus: 46,5 Prozent der Empfänger von staatlichen Riester-Zulagen erzielen ein Jahreseinkommen von weniger als 20.000 Euro. Mit anderen Worten: Fast die Hälfte der Geförderten stammt aus der Gruppe der Geringverdiener (wenn man ganz willkürlich diese Einkommensgrenze zugrunde legt). Doch auf den zweiten und dritten Blick stimmt das Ergebnis doch nachdenklich: Offenbar werden bis heute diejenigen, für die mit hohen Förderquoten ein besonderer Anreiz zum Vorsorgesparen gesetzt werden soll, weiterhin nicht erreicht. Zunächst der zweite Blick: Vor allem in der Gruppe mit einem Einkommen unter 10.000 Euro ist der Anteil gefallen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im Jahr 2008 lag er noch bei 30,1 Prozent. Zwei Jahre später (das ist wegen des zwei Jahre währenden Anspruchs auf die Zulage die jüngste Auswertung) war er auf 26,2 Prozent gefallen. Zwischenergebnisse für die Jahre 2011 und 2012, für die noch nicht alle Zulagenanträge ausgewertet werden können, zeigen zwar, dass dieser Anteil wieder etwas steigt. Aber das Niveau von 2008 dürfte nicht wieder erreicht werden. „Die Ursachen hierfür könnte sowohl in der allgemeinen Lohnentwicklung als auch möglicherweise darin bestehen, dass die neu hinzugekommenen Zulagenempfänger über ein höheres Einkommen verfügen“, schreiben die Autoren einer Auswertung der Rentenversicherung Bund aus dem Dezember.

          Riester-Förderung weniger attraktiv

          Schon aus dieser Aussage lässt sich etwas ablesen, das sich auf den dritten Blick noch stärker bewahrheitet: Für die Bezieher mittlerer Einkommen scheint die Riester-Förderung vergleichsweise attraktiver zu sein als für Einkommensschwache. Tatsächlich lässt sich aus den Daten der Zulagenstelle nämlich nicht ableiten, wie weit verbreitet eigentlich die Verträge in der jeweiligen Einkommensgruppe sind. Diese Frage können nur Haushaltsbefragungen wie das Sozioökonomische Panel oder die jährlichen SAVE-Befragungen des Munich Center for the Economics of Aging (MEA) beantworten. „Ältere Untersuchungen zeigen, dass Besserverdiener die Riester-Förderung stärker nutzen“, fasst Michela Coppola, Forschungsbereichsleiterin am MEA, die Ergebnisse zusammen. „In der jüngeren Vergangenheit ist immerhin der Zuwachs bei Geringverdienern größer.“

          Die unterdurchschnittliche Inanspruchnahme zeigt sich an einem einfachen Vergleich: Der untersten von drei Einkommenskategorien gehörten in einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) 43 Prozent der Bevölkerung an. Unter den Riester-Sparern aber machte diese Einkommenskategorie nur 30 Prozent aus, schreibt DIW-Forscher Johannes Geyer in einem Aufsatz von 2012. Daraus ergibt sich in der untersten Gruppe die geringste Verbreitungsquote von 13 Prozent und in den beiden höheren Gruppen von 19 und 23 Prozent. Insgesamt haben derzeit 15,5 Millionen Deutsche einen Riester-Vertrag abgeschlossen.

          Zielgenauer dagegen wird eine andere Gruppe bedient, die der Gesetzgeber im Auge hatte. Wie die Geringverdiener profitieren nämlich auch Kinderreiche überdurchschnittlich stark von der Förderung. In einer Untersuchung von 2009 zeigte MEA-Forscherin Coppola, dass in Haushalten mit drei oder mehr Kindern schon damals mindestens zwei Drittel einen Vertrag mit einem Versicherer, einer Bank oder einer Fondsgesellschaft abgeschlossen hatten. Warum nun wirkt die Förderung bei kinderreichen Familien besser als bei Geringverdienern?

          Mangelnde Informiertheit

          Ein einfacher Grund liegt schlicht in der Verfügbarkeit von Einkommen: Wer nur 100 Euro im Monat übrig hat, lässt sich auch von knapp 500 Euro staatlicher Zulage im Jahr bei einem Kind kaum locken. Einen anderen Grund sieht Forscherin Coppola in der mangelnden Informiertheit der Geringverdiener. „Unsere Frage danach, ob sich Probanden für förderberechtigt hielten, schätzten Geringverdiener deutlich weniger oft richtig ein“, sagt sie. Diese Menschen glauben also, gar nicht anspruchsberechtigt zu sein.

          Das Phänomen hat aber auch eine politische Dimension: Riester-Sparer müssen in der Rentenphase zunächst auf ihre Auszahlungen zurückgreifen, bevor sie staatliche Grundsicherung erhalten. Schon zu Zeiten der schwarz-gelben Koalition hatte die FDP darauf gedrungen, dass RiesterSparer mehr von ihrem Ersparten behalten dürfen. Nun sieht die außerparlamentarische Oppositionspartei durch die jüngsten Beschlüsse der großen Koalition eine wachsende Dramatik. „Statt auf einen Vorsorgemix aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Rente zu setzen, macht die Große Koalition die Riester-Rente kaputt“, sagte die stellvertretende Parteivorsitzende der FDP Marie-Agnes Strack-Zimmermann dieser Zeitung.

          Stattdessen sollte diese Vorsorgeform stärker für Geringverdiener geöffnet werden. „Damit sich das lohnt, sollten Einkünfte aus privater Vorsorge nur teilweise auf die Grundsicherung im Alter angerechnet werden“, sagte sie. Denn ihren Wissensrückstand holen die Geringverdiener nach Beobachtung von MEA-Forscherin Coppola langsam auf. „Vor allem jüngere Geringverdiener wissen inzwischen, dass sie vorsorgen müssen – auch wenn sie Riester vielleicht nicht für das beste Produkt halten.“ Und auch auf ältere Geringverdiener wirke das Beispiel von Nachbarn, die einen Vertrag haben, oft positiv.

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