https://www.faz.net/-hbv-9b29i

Sparen will gelernt sein : Warum finanzielle Grundbildung wichtig ist

  • -Aktualisiert am

Welche Konzepte der Grundbildung kann man vermitteln?

Im Sozial- und Wirtschaftskundeunterricht hören Schülerinnen und Schüler auch häufig etwas von Inflation und Kaufkraft, aber der Bezug zu ihrer Lebensrealität bleibt oft verborgen. Kurzum: Trotz der Bedeutsamkeit finanzieller Grundbildung wird diese in deutschen Schulen viel zu wenig gefördert. Dabei werden sich junge Menschen künftig eher mehr als weniger mit Themen wie Altersvorsorge und vielschichtigen Finanzprodukten auseinandersetzen müssen.

Allerdings stellt sich die Frage, mit welchen Konzepten finanzielle Grundbildung vermittelt werden könnte und welche Auswirkungen das hätte. Um darauf eine Antwort zu finden, hat der Verfasser gemeinsam mit drei Kollegen – dem Wirtschaftsdidaktiker Michael Weyland von der PH Ludwigsburg sowie Manuel Froitzheim und Anna Untertrifaller vom Max-Planck-Institut für Gemeinschaftsgüter in Bonn – ein Forschungsprojekt mit zehn Schulen in Nordrhein-Westfalen gestartet, bei dem wir acht Unterrichtseinheiten über finanzielle Grundbildung für die Schulstufen 9 bis 11 entwickelt haben.

In diesen Unterrichtseinheiten ging es beispielsweise darum, wie man eine Lohnabrechnung richtig liest, wie Zinseszinseffekte wirken oder welche Denkfehler bei finanziellen Entscheidungen auftreten können. Die Vermittlung erfolgte im Rahmen des regulären Unterrichts mit Hilfe einer plattformunabhängigen App. Während in den Experimentalklassen solche Inhalte vermittelt wurden, gab es in Vergleichsklassen den üblichen Lehrstoff.

Schüler verbessern ihr Wissen um finanzielle Grundbildung

Vor dem Versuch absolvierten die Schüler einen Test in finanzieller Grundbildung. Da bis heute nicht vollständig klar ist, warum finanzielle Grundbildung das ökonomische Entscheidungsverhalten beeinflusst, haben wir zugleich ökonomisch bedeutsame Präferenzen erfasst. Zur Messung von Risikopräferenzen mussten Schüler entscheiden, ob sie lieber einen sicheren Geldbetrag erhalten oder eine Lotterie spielen wollten, die entweder 10 Euro oder nichts auszahlte.

Der sichere Betrag stieg von 0,50 Euro bis zu 10 Euro an. Wenn jemand den sicheren Betrag schon bei kleineren Beträgen wählte, galt er als risikoscheuer. Zeitpräferenzen wurden gemessen, indem die Schüler zwischen 10,10 Euro sofort oder einem höheren Betrag (bis zu 13,90 Euro) eine Woche später wählen mussten. Wer schon bei kleineren Beträgen eine Woche abzuwarten bereit war, galt als geduldiger.

Der Test zur finanziellen Grundbildung und die Präferenzmessungen wurden unmittelbar nach den 8 Unterrichtseinheiten und nochmals 6 bis 9 Monate später wiederholt. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Schülerinnen und Schüler ihr Wissen in finanzieller Grundbildung durch unsere Intervention deutlich verbessern konnten. Bei der Messung der Zeitpräferenzen stellt sich heraus, dass sie geduldiger wurden und demnach langfristiger orientierte Entscheidungen trafen als die Vergleichsgruppe.

Bei Risikopräferenzen beobachten wir, dass der Unterricht zur finanziellen Grundbildung zu einer leichten Zunahme von Risikoaversion führte, das heißt, die Probanden trafen insgesamt weniger risikoreiche Entscheidungen. Insgesamt bestätigt sich demnach unsere Erwartung, dass finanzielle Grundbildung ökonomische Präferenzen verändert. Und genau das, so unsere Vermutung, ist der Grund dafür, warum sich finanzielle Grundbildung vorteilhaft auf das finanzielle Entscheidungsverhalten im Alltag auswirkt.

Zur Person

Prof. Dr. Matthias Sutter ist Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern Bonn und lehrt an der Universität zu Köln.

Weitere Themen

Vorsicht Abzocke!

Teure Extraleistungen : Vorsicht Abzocke!

Zahnärzte und Kieferorthopäden verdienen viel Geld mit teuren Extraleistungen neben den Behandlungen. Der medizinische Nutzen ist jedoch kaum belegt. Höchste Zeit, dass sich die Patienten wehren.

Topmeldungen

Wehretat unter Druck : Scholz’ Quadratur des Kreises

Die Bundeswehr soll weniger Geld bekommen als sie benötigt und Deutschland der Nato versprochen hat. Was am stärksten wächst, ist die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit – der Rest ist eine Lüge. Eine Analyse.

Internes Papier : EU-Kommission lehnt Brexit-Verschiebung über 23. Mai hinaus ab

Theresa May will eine Verschiebung des Brexits bis zum 30. Juni 2019 beantragen – ohne eine Teilnahme der Briten an der Europawahl. Doch die EU-Kommission hat Vorbehalte, Frankreich droht gar mit einem Veto, und Tusk stellt eine Bedingung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.