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Rente in der Schweiz : Langes Leben bringt die Eidgenossen in Probleme

  • -Aktualisiert am

Das Leben in der Schweiz ist schön aber teuer Bild: Reuters

Nur die über Achtzigjährigen müssen keine Einschnitte in der Rentenversicherung befürchten. Aber an Sparen denken nur wenige, denn der Nullzins verführt zum Konsum.

          Die Schweizer gehören zu den begütertsten Menschen auf der Welt. Darüber hinaus leben sie auch noch am längsten. Mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von knapp 83 Jahren haben sie inzwischen sogar die Japaner überholt, ganz zu schweigen von den Deutschen mit gut 80 Jahren. Die Hälfte der heute fünfundsechzigjährigen Schweizerinnen wird sogar älter als 90 Jahre. Das bringt die Altersvorsorgesysteme unter Druck: In der staatlichen Rentenversicherung AHV klafft eine Finanzierungslücke von rund einer Milliarde Franken, und die in der Schweiz obligatorischen Betriebsrenten sind zu hoch. Aber auch mit der freiwilligen Vorsorge, ob steuerbegünstigt in der sogenannten Säule 3a oder als zusätzliches Sparen in der Säule 3b, hapert es.

          „Die renditeoptimierenden Anlagemöglichkeiten der Säule 3a werden noch wenig genutzt“, findet Nils Aggett, Leiter der Sparte „Pension Services“ in der Großbank UBS. Nur die Hälfte der Arbeitnehmer macht mit. Die anderen verzichten aus verschiedensten Gründen. Einer dürfte die lange Perspektive sein. Das Geld brauche man jenseits der 80, sagt die UBS-Rentenexpertin Veronica Weisser. Dann nämlich schlagen rasch steigende Gesundheitskosten mit großer Wucht zu. Die Situation wird zusätzlich verschärft dadurch, dass die Schweiz keine verpflichtende Pflegeversicherung wie zum Beispiel Deutschland kennt.

          Nettovermögen erzeugt falsche Sicherheit

          Die hohen Gesundheitskosten errichten hier kaum überwindbare Hürden. Nach den Worten von Weisser in einer Pressekonferenz der UBS können die Schweizerinnen und Schweizer im Alter mit insgesamt 300.000 bis 500.000 Franken aus der kapitalgedeckten betrieblichen Altersversorgung rechnen. 500.000 Franken kämen an AHV-Summe hinzu. Das Problem: So viel haben sie meist gar nicht eingezahlt, sagt die Expertin. Die wie in Deutschland umlagefinanzierte Rentenversicherung, bei der die arbeitende Generation die Rentner alimentiert, macht es möglich. So kann es nicht weitergehen. Nur die Generation 80 plus müsse keine Einschnitte befürchten, meint die UBS.

          Umso wichtiger sind die privaten Sparformen der dritten Säule. Auf der Pressekonferenz legte die Bank die Ergebnisse einer Umfrage vom April unter 1521 Personen zwischen 45 und 85 Jahren in der Deutsch- und Westschweiz vor. Danach können 40 Prozent der Befragten auf ein liquides Nettovermögen von mehr als 250.000 Franken zurückgreifen, die Hälfte davon sogar auf mehr als eine Million. Aber die Bürger wiegen sich in einer falschen Sicherheit. So glauben nur 5 Prozent der Befragten, sie müssten eines Tages in ein Alters- beziehungsweise Pflegeheim. In diesem Fall kommen rasch 6.000 Franken im Monat auf die Senioren zu, macht mehr als 70.000 Franken im Jahr. 78 Prozent der Befragten ab 45 Jahren wohnen im „sicheren“ Eigenheim gegenüber rund 40 Prozent der Gesamtbevölkerung. Aber Weisser warnt: Gerade in der aktuellen, verführerischen Tiefzinsphase sollten künftige Zinsänderungsrisiken bei den Hypotheken nicht unterschätzt werden, ganz abgesehen vom laufenden Aufwand der Wohnungen und Häuser. Ihr Fazit: Ohne Zusatzvermögen geht es nicht.

          Zweifel an Altersversorgung wächst

          Das Zinsniveau von Null an den Märkten verleitet die künftigen Rentner indes eher zum Konsum als zu Geldanlagen. Und sofern diese getätigt werden, geschieht dies oft mit kaum überschaubaren Risiken. Die Inflation wird aber eines Tages zurückkehren, und dann schmelzen die nicht angelegten Vermögen rasch dahin. Schon bei einer Teuerungsrate von zwei Prozent im Jahr summiert sich der Kaufkraftverlust in 25 Jahren auf 40 Prozent, rechnet Weisser vor. Die Banken haben die Altersvorsorge über die reine Geldanlage hinaus als renditeträchtiges Geschäftsmodell schon entdeckt. So bietet der UBS-Konkurrent Credit Suisse eine Beratung in Erbschaftsfragen an. Die Kosten reichen von umgerechnet 1.200 Euro für ein Testament bis zu 33.000 Euro für die Hilfe bei Erbteilungen.

          Im Urteil der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verfügt die Schweiz über eines der besten Altersvorsorgesysteme in der Welt. Man leistet sich sogar noch den Luxus des Renteneintritts von 65 Jahren für Männer und 64 Jahren für Frauen. Dies wird nicht mehr lange so sein. Die Schweizer wissen das: Je jünger die Befragten, desto größer sind nach der UBS-Umfrage die Zweifel an einer weiterhin „intakten und sicheren“ AHV. In Deutschland wird der Renteneintritt schrittweise auf 67 Jahre angehoben. Aber statt der neuen „Rente mit 63“ nach 45 Beitragsjahren und der erweiterten Mütterrente wäre eigentlich das Gegenteil nötig. „Spätestens 2060 brauchen wir die Rente mit 70, damit sie bezahlbar bleibt“, glaubt der Freiburger Professor und Rentenfachmann Bernd Raffelhüschen.

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